Checkt Baumusik

Derzeit ruht die journalistische Arbeit, da ich bis Ende 2020 als wissensch. Mitarbeiter an der Universität Bonn in der Abteilung Medienwissenschaft tätig bin.

Weitere literarische Projekt sind derzeit in Arbeit (siehe Belletristisches).

Für News über musikalische Projekte checkt Baumusik.

Über „Musik wozu“ von Antonio de Luca für das Kaput Mag

(erschienen April 2016)

 

Antonio de Luca
„Musik Wozu“
(Hauch Records)

Ein gutes Jahrhundert ist es her, dass Igor Strawinsky mit der Uraufführung seines „Le sacre du Printemps“ im Pariser Théâtre des Champs-Élysées einen Tumult ausgelöst hat. Es kam zu wüsten Ausschreitungen und Prügeleien, 27 Menschen sollen seinerzeit verletzt worden sein. Seither hat sich viel getan in der Welt der sogenannten klassischen Musik. Minimal Music, Musique concrète und Neue Musik haben die Hörgewohnheiten drastisch verändert, selbst mit einem elektronisch verstärkten Schlagbohrer als Rhythmusinstrument bekommt man heutzutage niemanden mehr ernsthaft geschockt, hätte man meinen können.

Doch weit gefehlt. Es sind seltsame Zeiten, und die Kleingeister und Idioten sind nicht nur in den Kommentarspalten unterwegs, sondern gehen auch ins Konzerthaus. Was Mahan Esfahani unlängst in der Kölner Philharmonie erleben musste, war „ein Pandämonium eines Ausmaßes, das ich in einem Konzertsaal für klassische Musik noch nie erlebt habe”, schrieb der Musiker einen Tag später. Aufgrund von wütenden Zwischenrufen und lautstarken Äußerungen des Missfallens musste der iranische Cembalist seine Darbietung von Steve Reichs „Piano Phase“ in der Kölner Philharmonie unterbrechen.
Was für ein Heidenspaß es wäre, diese Brüllaffen mit „Musik wozu“ von Antonio de Luca zu konfrontieren.

Antonio_De_Luca_Borowski

Zwar spielen Harmonie und Wohlklang auf dem Album des Kölner Autodidakten, Filmmusikkomponisten und Mitglied der sich allen Genreeinordnungen widersetzenden Band Colorist eine große Rolle. Gleichzeitig werden aber auch Störgeräusche, seltsame Field Recordings, und andere obskure Klänge, deren Quelle sich oft nicht genau ausmachen lässt, eingesetzt. Ein Großteil der zehn Stücke ist Klavierbasiert, das Instrumentarium wird um Ukulele, Cello, Geigen sowie diverse Synthesizer und selbstgebaute Krachmacher ergänzt.

Antonio_De_Luca_PicMit den sogenannten „Neuen Meistern“, die sich derzeit im weiten Feld zwischen elektronischer und klassischer Musik abarbeiten, hat Antonio de Lucas Musik jedoch nur bedingt zu tun. Wo Nils Frahm den Hörern durch dezent eigesetztes Knarzen, Brummen oder Fiepen eine gewisse Freigeistigkeit und Radikalität vorgaukelt, die sich aber nur innerhalb sorgfältig kalkulierter Grenzen bewegt, sucht der gebürtige Neapolitaner durchaus Momente echter Irritation. Immer wieder schälen sich wunderschöne Melodiepartikel heraus, die manchmal für ein paar Minuten in der Luft liegen dürfen, teilweise aber auch abrupt abgewürgt oder durch Störgeräusche konterkariert werden. Mit Improvisation hat das nur bedingt zu tun. Obwohl er selbst keine Noten lesen kann, hat er sich mehrere Gastmusiker ins Studio gebeten, denen er statt Noten eben Effektketten als Vorgabe programmiert hat. Dass die Studioarbeit mit Antonio de Luca mitunter abenteuerlich sein kann, weiß der Autor dieser Zeilen aus eigener Hand, wir haben auch mal gemeinsam an einem Musikstück gearbeitet.

CAMP INC. with COLORIST – perché la notte from paradies on Vimeo.

Seinerzeit kam Antonio mit seiner Ukulele im Studio vorbei und fing an, auf eine sehr langsame Acid-Bassline zu improvisieren. Er spielte sicher schon an die zwei Stunden, ehe sich allmählich eine ätherische Melodie herausschälte, die für gut befunden wurde. Gleich danach fiel sinngemäß ein Satz wie: „So, jetzt haben wir Harmonie. Was wir auch noch brauchen ist Zerstörung, sonst ist das zu zahm.“ Das Stück mündete in einer wüsten Feedbackorgie. Wie all diese Sounds aus einer Ukulele herauszuholen waren, habe ich bis heute nicht so ganz verstanden. Es spielt aber auch keine Rolle.

Auch „Musik wozu“ ist ein Album, das gegenläufige Stimmungen synchronisiert und sich nicht ausruht auf einer guten Melodie oder Hookline. Wie all diese interessanten Geräusche aus den Instrumenten herausgeholt werden, muss man nicht zwingend nachverfolgen können. Man kann es sich aber anschauen. Denn der Liveumsetzung wird gerade gearbeitet. Am 26. Mai ist das erste Konzert im Kölner Stadtgarten im Rahmen der Experimentalmusikreihe „Sounds Wrong, Feels Right“. Es wird im besten Sinne ein Pandämonium erster Güte. Sie sollten da unbedingt hinkommen, sofern sie kein Idiot sind.

The Schwarzenbach-Review für Spex

(Erschienen in Spex November 2015)

 

 

Den ganz großen Roman hat Annemarie Schwarzenbach nie geschrieben, dafür zahlreiche Novellen, Fragmente, Reisetexte. Nach intensivem Leben voller Liebschaften, Drogen und Depressionen starb die Schweizer Schriftstellerin 1942 in jungen Jahren an den Folgen eines Fahrradunfalls, wie es offiziell heißt. In ihrer Biografie finden sich jedoch Hinweise auf eine zuvor erfolgte krasse Fehlbehandlung durch ihre Ärzte – die vermeintlich Geisteskranke sei mit Elektro- und Insulinschocks behandelt und physisch wie psychisch am Ende gewesen. Ihr Werk ist zum Glück nicht vergessen, es gibt gar eine Band, die nach der androgynen Dichterin benannt ist. „Nicht sterben. Aufpassen“ heißt das zweite Album von The Schwarzenbach, bestehend aus dem Kammerflimmer Kollektief sowie dem Schriftsteller und ehemaligen Spex-Chefredakteur Dietmar Dath. Dramaturgisch geht es von Hass zu Liebe. Wir steigen ein mit „Zarte Blüte Hass“, ein zehnminütiges Epos voller Feedback, Drones und Brachialität, das atmosphärisch an Bands wie Boris oder Sun O))) erinnert.
„Weg mit dem Konto, weg mit dem Job / ich möchte nie mehr so tun als ob / raus aus der Wohnung, raus aus der Stadt / frei ist nur einer der nichts mehr hat“, wird zunächst dem bürgerlichen Leben entsagt. Doch wer glaubt, jetzt ginge es in den Wald zum Thoreau-haften Pilzesammeln, der hat sich mit dem Zwiebelmesser geschnitten. Was folgt ist nämlich eine drastische Eruption, ein Lehrstück in Sachen Zorn, Splatter, Hass: „Ich bin der Mörder / ich sehe rot / erst kommt die Folter / dann kommt der Tod“, brüllt Dath wie vom Leatherface gestochen. Es ist das Metal-Stück, das The Schwarzenbach bisher nicht geschrieben haben, das der Metal-Fan Dath vermutlich immer hat schreiben wollen. Danach muss man sich erst mal setzen und ein Glas Wasser trinken. Es folgt etwas Entspannung mit dem fast schon funkigen „Gesicht freihändig“. In der Anklageschrift „Toleranz heucheln“ wird „Rote / Grüne“ auf „Schuld und Sühne gereimt“, „Maenkmol mein I“ ist in Roland Hofmaier-Manier in alemannischer Mundart vorgetragen. „Bist du stark genug, mein Mann zu sein?“ fragt der hochemotionale Lovesong „Stark genug“, ehe die lustige Unterlassungsklage „Lass das bleiben“ alle langweiligen Menschen in Helge Schneider-Manier auffordert, ihre langweiligen Dinge gefälligst bleiben zu lassen. Der schönste Song aber ist die wundervolle Ballade „Leider bin ich tot“. Natürlich kann man sich den eigenen Tod nicht vorstellen, aber Dath kann, und das Ergebnis ist herzzerreißend und geht unter die Haut. „Ich kenne keinerlei Schmerz mehr und keine Not, ich mag dich gern, aber lieber bin ich tot“. So wird am Ende also doch gestorben, aber wer aufgepasst hat, dürfte eine der schönsten Herbstplatten des Jahres für sich entdeckt haben.
Sebastian Ingenhoff

i-D goes Techno

Text von September 2015 in  i-D über drei Jahrzehnte Techno

Techno hat gut drei Jahrzehnte auf dem Buckel. Ein Alter, in dem man langsam über das Erwachsenwerden nachdenken könnte. Muss man aber nicht. Schließlich ist 40 das neue 30, und 50 das neue 20, und eigentlich sind wir ohnehin im Post-Alter-Zeitalter angekommen. Viele heutige DJs tragen ihre grauen Haare und Plauzen mit Stolz und spielen Seite an Seite mit den schmalhüftigen, wohlfrisierten Jungen. Man versteht sich ja trotzdem. Die Grundparameter haben sich über die Jahrzehnte nie groß geändert. Der Beat ist four-to-the-floor, die Bassdrum muss ab und an ein paar Takte weg, nur um irgendwann dann wiederzukommen und alle aufschreien zu lassen. Techno ist auf eine bizarre Weise die universelle Sprache geworden, von der Gründungsväter wie Jeff Mills oder Robert Hood immer geträumt haben.

Neben dem vor allem in den USA omnipräsenten EDM, über den sich die Geschmackspolizisten natürlich aufregen, gibt es auch weiterhin IDM, Acid, Outsiders House, knüppelharten Bunkertechno und tausend weitere Nebenströmungen. Auch die Klassiker werden nach wie vor gespielt, viele junge DJs suchen auf Discogs nach alten Schätzen von Labels wie Trax, Metroplex oder UR. Wie in jedem Genre zeichnet sich ein guter Track dadurch aus, dass er zeitlos ist.

Angefangen hatte alles 1984 mit dem namensstiftenden Song „Techno City“ des Detroiter Duos Cybotron, eine Mischung aus frühem Electro, europäischem Synthiepop und afroamerikanischem Funk. Beeinflusst von der Radiosendung „The Electrifying Mojo“ hatten sich Juan Atkins und Richard Davis an einer musikalischen Sprache versucht, die Alvin Tofflers Idee des „Techno Rebel“ adäquat übersetzen sollte. In den Folgejahren verfeinerte Juan Atkins die Idee gemeinsam mit seinen Schulkumpels Derrick May und Kevin Saunderson (die „Belleville Three“, benannt nach der gleichnamigen High School in Detroit) zu dem, was wir heute als Techno kennen. Im Jahr 1988 erschien mit „The New Dance Sound Of Detroit“ eine Compilation, die die Musik aus der Motorcity nach Europa brachte. Etwa zur gleichen Zeit schwappte von Chicago aus die Acid House-Welle rüber.

Während Acid House nach dem „Summer Of Love“ schnell wieder verebbte, wurde Techno zum Soundtrack der Wiedervereinigung. Die Musik passte perfekt ins Berlin der späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahre. Die zahlreichen leer stehenden industriellen Gebäude besonders in Ost-Berlin bildeten die ideale Kulisse für die futuristische neue Musik. Viele der Protagonisten waren Überbleibsel der Berliner DIY-, Punk- und Kunstszene der Achtziger, die sich bestens mit besetzten Häusern und modrigen Kellerlöchern auskannte. Im Zweifelsfall brauchte man nicht viel mehr als eine PA, einen Mixer und zwei Plattenspieler.

Dimitri Hegemann organisierte in den frühen Achtzigern das experimentelle Musik-Festival „Berlin Atonal“. Nach der Wende eröffnete er im Tresorraum des ehemaligen Wertheim Kaufhauses am Potsdamer Platz einen wichtigen Szeneclub – den Tresor. Schon zwei Jahre zuvor hatte Mark Ernestus, der später mit dem Dubtechno-Projekt Basic Channel Musikgeschichte schreiben sollte, den Plattenladen Hardwax eröffnet. Die Detroit-Berlin Achse wurde etabliert, man buchte Künstler wie Underground Resistance und Juan Atkins, die die weißen Kids in Sachen Groove, Loop und Rhythmus schulten. Während die neue Musik in Detroit weitgehend Nischenkultur blieb, wurde sie in Europa schnell zum Massenphänomen.
„Techno ist eine revolutionäre Idee. Es ist ein einziges Miteinander. Es spielt keine Rolle, welcher Kultur du angehörst oder welche Hautfarbe du hast. Oder welche Klamotten du trägst. In dem Sinne ist Techno wie eine Religion“, verriet mir der Detroiter DJ Carl Craig mal in einem Interview.

Wie es mit den Religionen so ist, verharren sie selten in den Nischen der DIY-Kultur. Techno wuchs und wuchs, die Love Parade wurde immer größer und die Musik immer schlumpfiger. In VIVA-Sendungen wie Housefrau liefen Marc Spoon und DJ Hooligan gleichberechtigt neben Aphex Twin, was Letzterer vermutlich sogar begrüßt hätte, denn der Brite ist, trotz seines Status als IDM-Papst (IDM steht für „Intelligent Dance Music“) alles andere als Geschmackspolizist und legt auch gerne mal Gabber auf.

Den vielleicht besten Kommentar zu jener knallbunten Kraut- und Rüben-Zeit aber gaben die anarchistischen Stadiontechno-Punks von KLF ab, die ihren Hit „What time is love?“ 1997 unter dem Namen „Fuck the millenium“ in Schlafanzügen, Rollstühlen und mit Blechbläsern bizarr inszenierten . Über Geschmack wurde nicht gestritten und KLF landeten folgerichtig nochmal in den Charts. Es war auch das Jahr, in dem die Love Parade mit über einer Millionen Besuchern einen neuen Rekord erreichte. Techno war auf dem Höhepunkt seiner kommerziellen Verwertbarkeit angekommen. Von nun an geht es bergab, dachten viele, und wendeten sich zunehmend ab.

Der Rest zog sich in die kleineren Clubs zurück, die Musik wurde reduzierter, Robert Hoods Idee von der „Minimal Nation“ weiter verfeinert. Kleinere Labels wie Perlon, Playhouse oder Dial schossen wie Pilze aus dem Boden. Auch wenn „Minimal“ heuer eher als Schimpfwort gilt, war die Zeit der Jahrtausendwende eine ziemlich fruchtbare mit vielen großartigen Platten.

2004 wurde das Berghain eröffnet und Feiertouristen aus aller Welt strömen seither in die Kathedralen und Konfettibars der Hauptstadt. Mit dem Film „Berlin Calling“ erreichte der Hype 2008 einen neuen Höhepunkt. Paul Kalkbrenner wurde zum Superstar und dürfte neben Helene Fischer zu den beliebtesten deutschen Musikern gehören.

Wer Ende der Neunziger gedacht hatte, Techno sei tot, hätte also falscher nicht liegen können. Techno ist omnipräsent und auch in Szenen eingedrungen, die früher überhaupt nichts mit maschinengetriebener Musik zu tun haben wollten. Es gibt mehr Subgenres und Produzenten denn je. Die digitalen Technologien haben das Produzieren und Publizieren massiv erleichtert. Viele sagen, das habe zu einem Qualitätsverlust geführt, vielleicht ist aber auch das Gegenteil richtig. Auch in den Neunzigern gab es ziemlich viel Schrott. Man musste im Plattenladen immer nach den guten Platten suchen, heute macht man das eben im Internet. Aber wer sucht, der findet.

Was man vielmehr beklagen könnte, ist die Gagenexplosion der vergangenen Jahre. DJs mit zehn- oder zwanzigköpfiger Entourage und Gagen im fünfstelligen Bereich sind keine Seltenheit mehr, manche haben eigene Fotografen dabei, deren einzige Aufgabe es ist, die Sets in Facebook-Pose zu setzen, oder beschäftigen gar Agenturen, die die Marke pflegen – der DJ fungiert im wahrsten Sinne des Wortes als Global Player. Die Idee von Techno als einer egalitären Gesellschaft auf der Tanzfläche ist problemlos in den Kapitalismus inkorporierbar, das war zu Zeiten der Love Parade nicht anders. Viele große Namen sind für durchschnittliche Clubs kaum mehr zu stemmen. Da kann man den Richie auch mal im Dorf lassen und eben Leute buchen, die vielleicht sogar interessantere Dinge mit zwei Plattenspielern anstellen.

Helena Hauff zum Beispiel veröffentlicht ratternde Peaktimebomben im Graubereich zwischen Acid, Industrial und Underground Resistance. Sie hat ihren ganz speziellen dunklen Sound gefunden, der trotz Retro-Anleihen ziemlich zeitgemäß ist, und gilt als eine der Entdeckungen der letzten zwei Jahre. Generell geht es im Techno wieder düsterer her, Labels wie Dystopian, L.I.E.S oder Lobster Theremin haben auf unterschiedliche Weisen ihre Lektionen aus den Zeiten der leer stehenden Ruinen gezogen. Der Clubgänger kleidet sich nicht mehr in grellen Neonfarben, sondern trägt existenzialistisches Schwarz.

Doch auch das wird sich wieder ändern, denn die Gegentrends lassen nie lange auf sich warten. Techno hat es in dreißig Jahren immer geschafft, sich neu zu formieren, umzupolen, und die Bassdrum irgendwie am Laufen zu halten. Egal ob Dark Techno oder Happy House – die Idee von Musik als einer universellen Sprache, die sich einen Teufel um Nationalitäten, Geschlechter, Religionen oder sexuelle Orientierungen schert, die eben niemanden ausgrenzt, ist in diesen Zeiten vielleicht aktueller denn je.

Hier geht es zu mehr Techno auf i-D.

Credits Text: Sebastian IngenhoffFotos: Tilman Brembs / Zeitmaschine.org