Über Michael Rothers ‚Flammende Herzen‘ für Spex

Für die Jubiläumsausgabe der Spex habe ich Michael Rothers Album „Flammende Herzen“ von 1977 besprochen:

SPEX_No362_Cover_Umschlagbogen_v02.indd

 

Das erste Soloalbum von Michael Rother ist 1977 erschienen, also drei Jahre vor der ersten Spex-Ausgabe, weshalb es in dieser Zeitschrift nie eine Plattenkritik zu diesem Maximum an Herzschmerz, Kitsch und Opulenz gegeben hat. Einen besonderen Grund, die Platte jetzt zu besprechen, gibt es nicht. Abgesehen davon, dass Liebe ein großes Thema ist in diesen Tagen. Als die Redaktion mich bat, für die Jubiläumsausgabe V.Ö—unabhängig ein ganz besonderes Album zu besprechen, schlug ich also vor, man könne ja was mit Herzschmerz machen. Ich habe Rothers Solowerk jahrelang verschmäht, was vielleicht an den schwer zu ertragenden Albumtiteln lag (die da Namen tragen wie „Sterntaler“ oder „Katzenmusik“), obwohl es mir mehrfach von vielen guten Leuten ans Herz gelegt worden war. Im letzten Liebeskummer landete „Flammende Herzen“ schließlich doch noch auf meinem Plattenteller und hat sich wochenlang nicht mehr da weg bewegt. Warum? Weil man dazu heulen kann wie ein Schlosshund natürlich. Man entschuldige die Schwülstigkeit, aber das Album heißt ja auch „Flammende Herzen“ und nicht etwa „4 bit 9d api+e+6 [126.26]“. Die Stücke funktionieren wie guter Schlager, sind emotional, dick aufgetragen, melodiös, ohne dass eine einzige Zeile gesungen würde.

„Flammende Herzen“ ist gewissermaßen die Antithese zum Proto-Post-Punk von „Hallogallo“, den Rother mit Klaus Dinger unter dem Namen Neu! fabriziert hatte. Auch wenn es keine klassischen Strophe-Refrain-Strukturen gibt, jedes Stück folgt einem klar definierten Thema, das von majestätischen Gitarren in alle Höhen geschwungen wird. Am Schlagzeug sitzt Can-Drummer Jaki Liebezeit, gewohnt pünktlich und präzise wie ein Uhrwerk. Aufgenommen wurde bei Conny Plank, auch er ein Virtuose am Mischpult. Nun ist Virtuosität kein Kriterium für gute Musik, aber dass alle Beteiligten ziemlich genau wussten, was sie da taten, hat dem Album zumindest nicht geschadet. Eingespielt wurde es in zwei Wochen, vielleicht der Grund, warum die Platte derart atmosphärisch dicht und wie aus einem Guss daherkommt. Man spürt die Dringlichkeit in jeder Sekunde. Rother litt seinerzeit an Herzschmerz, weil seine Freundin in Köln studierte, er selbst lebte in Düsseldorf. Für Verliebte sind das Welten, dazwischen liegt ein ganzer Fluss. Die Sehnsucht musste also sublimiert werden und herausgekommen ist eine der emotionalsten Platten, die der sogenannte Krautrock je hervorgebracht hat. Zunächst von mehreren Plattenfirmen abgelehnt, verkaufte sich „Flammende Herzen“ schließlich über 150.000 mal (man kriegt es heute auf jedem Flohmarkt nachgeworfen) und inspirierte Walter Bockmayer, den Meister des kölschen Camp, zum gleichnamigen Film. Auch wenn es einflussreichere Alben von Rother und seinen Bandprojekten gegeben haben mag, so hat auch diese Platte Spuren hinterlassen. „Come on, come on, come on / love’s the greatest thing“, sang Damon Albarn Jahre später in Blurs Gospelballade “Tender”, deren Eingangsakkorde frappant an das Titelstück von „Flammende Herzen“ erinnern. Man mag von Blur halten, was man will. Aber natürlich haben sie damit Recht – Liebe ist das größte Ding. Ich bin übrigens übern Berg. Die Platte steht wieder im Regal und da bleibt sie auch erst mal. Zumindest bis zum nächsten großen Crash.

Interview mit Liturgy für Noisey

Interview mit der New Yorker Band Liturgy für Noisey:

Hunter Hunt-Hendrix hat sich seine Gedanken gemacht, wie eine radikale Soundästhetik aussehen könnte, die sich nicht bloß in maximaler Lautstärke oder Basslastigkeit erschöpft. Das Ergebnis der gut dreijährigen Forschung heißt „The Ark Work“ und ist das dritte Album von Liturgy, deren Chef der Amerikaner mit dem blumigen, aber nicht ausgedachten Namen ist. Vom Black Metal haben sich Liturgy weitgehend verabschiedet und sich aufs Glatteis gewagt – auf dem Album spielen Dudelsäcke, gregorianische Choräle, Esoterik, Fanfaren und Opernverweise eine Rolle.

 

liturgy

Dass es sehr wenig erträgliche Dudelsack-basierte Musik gibt, darüber muss man nicht diskutieren. Dass diese Platte trotz Dudelsackpassagen zu den bisher spannendsten des Jahres gehört, ist ein Phänomen für sich und liegt vermutlich daran, dass die Dudelsäcke nur bedingt nach Dudelsäcken klingen. Wie auch die anderen Instrumente auf dem Album nur bedingt nach den üblicherweise damit konnotierten Sounds klingen. Die Dudelsäcke vermischen sich vielmehr mit digitalen Streichern und Bläsern zu pulsierenden Fanfaren, die wie ein Update von Strawinskys „Vorboten des Frühling“ anmuten. Greg Fox drischt auf sein Schlagzeug, als werde er  gleich nach seinen Werken gerichtet, als sähe er die Toten schon vor dem Thron stehen. Und Hunt-Hendrix sprechsingt auf eine rätselhaft sakrale Art und Weise, die manche an Schamanismus, andere ans Johannesevangelium und bestimmt auch wen an marsianische Mönche erinnert hat.

„The Ark Work“ ist ein brachiales Gesamtkunstwerk mit einer eigenen musikalischen Sprache, immer wieder gibt es harmonische, fast meditative Interludes, die den Puls wieder runterfahren. Dann wiederum glaubt man die Beschäftigung mit Jazz heraushören zu können. Was naheliegt, Schlagzeuger Greg Fox hat mit Genregrößen wie Trevor Dunn oder Colin Stetson gespielt, auch sein Nebenprojekt Guardian Alien sei an dieser Stelle ans Herz gelegt.
Auch live sind Liturgy eine Wucht. Es gibt keine Ansagen, kein kumpeliges „Hey Köln, wie geht’s?“. Stattdessen gleich volle Energie. Die stakkatohaften Fanfaren kommen aus der Midi-Gitarre, Hunt-Hendrix Riffs zerreißen förmlich die Luft, Greg Fox knüppelt sein Schlagzeug mit freiem Oberkörper. Nach jedem zweiten Stück wird ihm eine neue Flasche Wasser gereicht, die in Sekundenschnelle wieder leer ist.
Es ist sehr laut. Eigentlich müsste den Leuten das Blut aus den Ohren spritzen, ihre Köpfe sollten explodieren, doch wo man auch hinschaut –selige Gesichter.

„Was ein Brainfuck“, brüllt mir die Kölner Schallplattenschamanin Lena Willikens in die Ohren, die später auf der Afterparty auflegen wird und deren tribalistische Weirdo-Technorhythmen auch Hunt-Hendrix mit großen Augen zurücklassen werden. In der Tat, vermutlich ist Brainfuck der korrekte wissenschaftliche Terminus für dieses Spektakel.

Liturgy spielen im Rahmen der Kölner Experimentalmusik-Reihe „Sounds wrong, feels right“ im kleinen Kellerclub Studio 672. Nach ihnen der belgische Elektronikmusiker Maoupa Mazzocchetti, gefolgt von mehreren DJs. Allesamt patente Brainfucker in ihrem Metier. Dass den Brainfuck des Tages aber Liturgy abgeliefert haben, darüber gibt es kaum Zweifel. Zeit für ein Gespräch mit Hunter Hunt-Hendrix, den Mann mit dem androgynen, hübschen Gesicht und den vielen fixen Ideen.

„The Ark Work“ ist nicht mehr Black Metal, sondern steht für eine Soundästhetik, die sich nicht groß an Vorbildern aufhält. Die Herangehensweise erinnert an den Krautrock der Siebzigerjahre. Bands wie Can oder Neu! ging es darum, eine neue musikalische Sprache zu finden, die nicht kontaminiert ist, die sich freimacht von allem, was man aus der Rockmusik bis dato kannte.

Ich beschäftige mich sehr stark mit der Frage, inwieweit Innovation musikalisch noch möglich ist. Eigentlich leben wir ja im Zeitalter des technologischen Fortschritts, aber in der aktuellen Rockmusik gibt es sehr viele rückschrittliche Tendenzen. Dabei glaube ich schon, dass man auch mit Gitarre und Schlagzeug noch innovative Musik machen kann, sofern man eine etwas offenere Herangehensweise pflegt. Rap, Orchestermusik und auch moderne Philosophie haben auf unserem Album sicher Spuren hinterlassen. Das sind ja drei Dinge, bei denen kein Mensch Schnittstellen sehen würde. Aber die gibt es, man muss sie bloß erarbeiten, indem man ein bisschen tiefer in die Materie eindringt.

Das Album wirkt im ganz klassischen Sinne durchkomponiert. Es gibt viele Parts, die in Wechselwirkung zu anderen Songs stehen, zum Beispiel die wiederkehrenden Fanfaren. Andererseits ist Greg Fox passionierter Improvisator, der sich gerne mal austobt. Stand sich das manchmal im Weg?

Greg und ich kennen uns, seit wir Teenager sind. Seitdem machen wir auch zusammen Musik. Es stimmt schon, das Album ist größtenteils klassisch komponiert worden. Ich habe viel mit Ableton vorgearbeitet, was für mich relatives Neuland war. Manche Schlagzeugparts habe ich auch auf dem Drumcomputer programmiert und Greg hat das dann eben… interpretiert (lacht). Ich glaube, Greg und ich haben über die Jahre unseren eigenen Weg gefunden, das miteinander in Einklang zu bringen. Wie genau das funktioniert soll ein bisschen unser Geheimnis bleiben. Es ist jedenfalls nicht so, dass alles vornotiert sein muss. Es gibt immer Platz für Improvisation.

Ihr habt es sogar geschafft, den Dudelsack zu rehabilitieren. Ein Instrument, das einem eigentlich nur noch auf folkloristischen Mittelaltermärkten begegnet.

Stimmt, es gibt viele Geschmacklosigkeiten in diesem Bereich. Wir wollten uns möglichst weit von dem Klischee weg bewegen. Gerade bei Metal ist so ein Dudelsack extrem cheesy. Bei uns klingt der Dudelsack aber mehr wie ein Synthesizer, etwas Psychedelisches, das sich nahtlos in das Streicherarrangement einfügt. Ich beschäftige mich sehr viel mit klassischer Musik und wollte etwas, das fesselnd ist, das in sich konsistent ist. Das aber vielleicht auch den einen oder anderen vor den Kopf stößt. Ich glaube, Musik wird erst spannend, wenn du dich aus deiner Komfortzone heraus bewegst. Wenn du ein konsistentes, radikales Gesamtkunstwerk schaffst, dann spielt es hinterher keine Rolle mehr, welche Instrumente du benutzt hast. Es muss im Großen und Ganzen Sinn ergeben.

Das Album straft jedenfalls diejenigen Lügen, die behaupten, musikalische Radikalität sei nur noch in der elektronischen Musik möglich.

Das Problem ist ja, dass Radikalität in der elektronischen Musik irgendwann auch an ihre Grenzen stößt. Ich mag sehr gerne, was jemand wie Container macht, der Einflüsse aus Noise und Techno miteinander verwebt. Aber in dem Bereich wurde schon sehr viel ausgereizt, so wahnsinnig neu ist das alles nicht mehr. Es gibt immer noch genügend Grenzen, die nicht ausreichend ausgelotet worden sind. Man darf nicht immer nur das Naheliegende tun, sondern muss etwas riskieren. Es gibt viele Leute, die unser neues Album nicht mögen, weil es mit vielem bricht, für das Liturgy bisher standen. Das ist ihr gutes Recht. Und ich habe absolut keine Ahnung, wie das nächste Album klingen wird. Als wir mit den Arbeiten an „The Ark Work“ fertig waren, dachte ich zuerst: Eigentlich sind wir jetzt an einer Art Endpunkt angelangt. Ich weiß überhaupt nicht, was jetzt noch kommen sollte. Aber das ist natürlich der vollkommen falsche Gedanke. Ich habe mich zuletzt viel mit dem Konzept des Akzelerationismus beschäftigt. Darin geht es ja darum, die Dinge zu beschleunigen. Sich nicht mit dem zufrieden zu geben, was es schon gibt.

Akzelerationismus kenne ich eher als philosophische Praxis zur Überwindung des Kapitalismus, weniger als musikalische Strategie.

Ich glaube, dass philosophische Strategien auch über Musik kommunizierbar sind. Die Frage ist ja: Wie bekommt man die Menschen dazu, dass sie mehr wollen? Dass sie sehen, was möglich ist? Wenn sie sehen, dass in der Musik Revolutionen möglich sind, warum dann nicht auch in der realen Welt? Warum kann es dann nicht auch soziale, politische Innovation geben? Wir befinden uns gerade in einem sehr spannenden Zeitalter und ich fände nichts schlimmer, als in so einem Korsett festzustecken und nicht weiter zu können. Nicht vorwärts zu kommen. Dagegen müssen wir ankämpfen.