Hommage an die New Yorker Discogötter Hercules And Love Affair

(erschienen in intro Feburar 2011)

 

Drei Jahre nach dem sensationellen Erstling, der die Band mit dem Überhit »Blind« 2008 auf Platz 1 der Intro-Autorencharts brachte, veröffentlichen Hercules And Love Affair den Nachfolger »Blue Songs«. Statt Antony Hegarty von Antony And The Johnsons konnten sie diesmal Kele als Gastsänger gewinnen. Gemeinsam feiern sie die Geschichte der Housemusik und Auflösung von Kategorien wie männlich und weiblich. Sebastian Ingenhoff verliebte sich in Kim Ann Foxman und Andy Butler.

Andy Butler spannt den Bizeps an. Er trägt beinahe nichts, lediglich ein schwarzer, knapp geschnittener Slip verhüllt das Notwendigste. Der von naturroten Brusthaaren geprägte Leib der mother in the house of Hercules ist muskulös zu nennen, ein bisschen Sonne könnte er vielleicht vertragen. Die männliche Pose macht Sinn, erinnert sie doch an das Logo der Paradise Garage,  jenem Epizentrum schwuler Ekstase im New York der späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre. Das Publikum in der Düsseldorfer Phillipshalle schwankt noch zwischen Irritation und Begeisterung, manchen fällt vor Schreck die Bratwurst aus der Hand, andere feiern die spontane Entblößungseinlage mit Beifall und Pfiffen.

Dann verschwindet Butler wieder hinter seinem Gerätepark und überlässt die Show dem schillernden Fronttrio, das sich aktuell aus Kim Ann Foxman, Shaun Wright und Aerea Negrot zusammensetzt. Hinter den Instrumenten befindet sich neuerdings auch Ex-Meat-Beat-Manifesto Mark Pistel. Kim Ann stampft in Schlabberhose und New-York-Kings-Käppi rhythmisch zum Beat mit dem Fuß auf, Aerea trägt Glatze, Shaun verhüllt die Rick-James-Frisur gewohnt mit einer Art Turban. Der Drumcomputer TR-909 rattert vor sich hin, alles ist in Bewegung, die Stücke fließen nahtlos ineinander.

»It’s time to jump«, heißt es in dem High-NRG-Hit des neuen Albums, »Visitor«. Hercules And Love Affair sind erstmals in Deutschlands großen Hallen unterwegs, als Support-Act für The Gossip. Doch nicht alle in dem seltsam gemischten Publikum können mit dem Voguingspektakel etwas anfangen. Von dem jungen an mir vorbeiflüchtenden Burschen wird das exzentrische Gepose  als »Tuntenshow« abqualifiziert. Auch wenn queere Ästhetiken über Künstlerinnen wie Lady Gaga in abgeschwächter Form wieder Einzug in den Mainstream gehalten haben und kuriose Begriffe wie »Gender Mainstreaming« offiziell auf der politischen Agenda auftauchen, scheint diese Band also noch Verwirrung stiften zu können.

Boys In Bikinis

Die neuen Mitglieder Shaun und Aerea werden in Rezensionen als »geschlechtertechnisch nicht eindeutig zuzuordnend« klassifiziert. Kim Ann Foxman ist die »lesbische Frontfrau«. Über Butler heißt es, sein knappes Outfit sei Ausdruck des Wunsches, nach der Show Männer abschleppen zu wollen.
Flamboyanz und Disco-Exaltiertheit haben längst wieder ihren Weg auf die Bühnenbretter dieser Welt gefunden. Die arte-Sendung »Tracks« wollte kürzlich ein Camp-Revival ausgemacht haben und zog zum Beweis die italienische Divine-Wiedergängerin Hard Ton heran, die im letzten Jahr durch Releases auf Gigolo Records und Permanent Vacation auffällig geworden war.

Die 150 Kilo starke, biologisch männliche Kunstfigur zwängt ihren behaarten Körper in enge Lederkorsagen und High Heels und bietet einen musikalischen Parforceritt durch die Frühphase der elektronischen Tanzmusik: von Disco über High-NRG bis zum jackin‘ Chicago-House. Disco ist überall, ob in Form unzähliger Edits, Re-Issues oder DJ-Kollektiven wie Horse Meat Disco, die ihre Bühnendeko im Stil der Paradise Garage ausrichten. Disco-DJ-Legende Larry Levan würde gegen den Sargdeckel hämmern, wüsste er von dem ganzen Wahnsinn.

Das vor drei Jahren erschienene Debütalbum von Hercules And Love Affair bezog sich explizit auf jene Ära nach 1977, als in New York die Paradise Garage eröffnet hatte und Levan als einer der ersten DJs anfing, Platten ineinander zu mixen. Disco hatte sich nach „Saturday Night Fever“ und „Disco Demolition Night“  in die schwulen Clubs zurückgezogen und erreichte musikalisch die vielleicht interessanteste Phase. Butler, der als 1978er-Jahrgang die Paradise Garage wie die meisten Disco-Wiedergänger niemals von innen gesehen hat, fühlte sich vor allem von der Anything-goes-Attitüde jener Tage inspiriert.

Disco und Avantgarde gingen Hand in Hand, ein Label wie ZE Records hatte sowohl Künstler wie Kid Creole And The Coconuts, Casino Music und Don Armando im Gepäck als auch den experimentelleren Antirock von Lydia Lunch, Alan Vega oder James Chance. In den Clubs kultivierte man den Exzess. Orte wie die Paradise Garage und später das Warehouse in Chicago galten als schwules Utopia und wurden zunächst überwiegend von afro- und lateinamerikanischen Männern frequentiert. Zudem setzten sie in musikalischer Hinsicht neue Maßstäbe, nicht zuletzt dank DJs wie Larry Levan, Frankie Knuckles oder Ron Hardy, die sich aus den verschiedensten Genres ihre Tanzmusik zusammenbastelten.

Das neue Hercules-And-Love-Affair-Album »Blue Songs« folgt  chronologisch der Geschichte der elektronischen Musik und orientiert sich verstärkt an den Houseproduktionen der mittleren und späten Achtzigerjahre, verquickt diese Einflüsse aber stimmig mit Elementen aus Industrial, Postpunk, Folk und Kunstlied. Im Gespräch betonen Butler und Foxman immer wieder, wie sehr auch Tanzmusik in der Lage sei, Botschaften zu vermitteln: »Es ist legitime Musik, die genauso aussagekräftig ist wie die Songs irgendeiner arty Folkindieband, die in Brooklyn an jeder Straßenecke herumläuft«, sagt Butler.

All das ist natürlich nicht neu. Disco als queere Utopie. Der Club als im wahrsten Sinne des Wortes unkonventioneller Ort. House music as a univeral language spoken and understood by all. Die Geschichte queerer Popkultur von Andy Warhol über Klaus Nomi, John Waters bis hin zu „Paris Is Burning“ können beide im Schlaf runterbeten. Butler erzählt, wie ihm Antony Hegarty von Antony And The Johnsons  ein großes Kompliment gemacht habe: »Als ich mit Kim Ann im The Hole auflegte, kam er an und sagte: »Was ihr hier veranstaltet, ist wahrhaft die Insel, die New York gefehlt hat. Es ist genauso wie damals. Es gibt absolut keine Grenzen, es ist scheißegal, ob du schwul, lesbisch, straight, schwarz, weiß, jüdisch, Goi oder what the fuck bist – it’s gonna be alright!« – Womit er auf zwei Klassiker aus alten Warehouse-Tagen anspielt. Hegarty ließ sich also nicht zweimal bitten und veredelte den größten Hercules-And-Love-Affair-Hit bis dato – »Blind« – mit seinem unverwechselbaren Hermaphroditengesang.

You’ve Caught Me Love Dancing

Die Geschichte der Band beginnt kurz nach der Jahrtausendwende. Damals sei die Musik im New Yorker Nachtleben ziemlich eintönig gewesen, sagt Kim Ann Foxman. Die gebürtige Hawaiianerin war gerade aus San Francisco rübergezogen, Butler kam aus Denver. The Hole war eine Brooklyner Spelunke, in der Kim Ann einen Abend veranstalten durfte – für den sie ihren neuen Kumpel Andy Butler, den sie über eine Ex-Freundin kennengelernt hatte, gleich als Resident-DJ engagierte.

Kim Ann: „The Hole an sich war nicht mal sonderlich spektakulär oder cool, aber unser Abend wurde schnell legendär. Jetzt heißt der Laden übrigens The Cock. So The Cock went into The Hole … [lacht] In erster Linie ging es uns darum, dass wir die Musik spielen konnten, die wir liebten. Das konnten BPitch-Control-Sachen sein, Italo-Disco, Chicago-House, Postpunk, alles, was irgendwie tanzbar war. Eben ein wilder Stilmix. Wir wollten die Homos wieder zum Tanzen bringen, das war zu jener Zeit ja bekanntlich schwer. Am Ende tanzten dann schließlich alle.“

Die von Kim Ann auf dem neuen Album schwermütig vorgetragene Version von Sterling Voids »It’s Alright« lässt sich als Hommage an das Warehouse und den Chicago-Sound der späten Achtzigerjahre verstehen, der zuletzt eine ziemliche Renaissance erfahren hat. Sie erzählt, dass das Stück immer als letzter Song auf ihren Partys lief. »Deshalb passt er auch so gut ans Ende des Albums.

„Eben, weil er diesen Gedanken der Community so schön vermittelt, so banal es auch klingen mag. Heute Nacht ist etwas ganz Besonderes passiert. Wir haben uns gegenseitig getragen, etwas Tolles zusammen erlebt. Die Dinge mögen schrecklich sein draußen in der Welt, aber hier herrschen andere Regeln. Es ist natürlich eine sehr emotionale Version. Ich kenne Leute, die bei dem Stück sogar geweint haben. Aber Dancemusik sollte eben auch immer in der Lage sein, dich emotional berühren zu können.“

 

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