Wie kleine e-Book-Verlage den Buchmarkt aufmischen

(Oktober 2014 für Wired Germany)

Texte veröffentlichen kann im digitalen Zeitalter jeder. Bücher verlegen prinzipiell auch. Neben Millionen von Self Publishern, die Plattformen wie Wattpad oder Neobooks mit Genreliteratur unterschiedlichster Qualität fluten, experimentieren kleinere e-book Verlage wie mikrotext, Das Beben, Frohmann, Badlands Unlimited oder Culturbooks mit Formaten in Text und Bild. Wie sehen diese aus und wo stößt das e-book an seine Grenzen?

„Soll ich ins Kaffeehaus lesen gehen wie ein Oaschloch?“, konsultierte Stefanie Sargnagel die Schwarmintelligenz neulich via Facebook-Posting. Kaffeehausliteratur hat in der österreichischen Hauptstadt Tradition. Schon die Originale Peter Altenberg und Karl Kraus verfassten hier ihre Schmähschriften, meist fragmentarisch und oft auch nebenher. Zwischendrin trank man Kaffee, übte sich im Müßiggang, las auch mal ein Buch. Für Müßiggang hat Sargnagel dagegen kaum Zeit. Die Wiener Autorin arbeitet im Callcenter, nebenher studiert sie Kunst in der Klasse des Malers Daniel Richter. Einen Großteil ihrer garstigen Kleinsttexte, die nicht nur gepostet werden, sondern auch schon in Buchform erschienen sind, verfasst sie während der Arbeitszeit. Dass sich prekäre Künstler mit Bullshit Jobs durchbringen müssen, ist nicht neu. Dass sie die Bürozeit für was Sinnvolles nutzen können, gehört dagegen zu den Vorzügen des digitalen Zeitalters. Eine Sammlung von Sargnagels bissigen Alltagsbeobachtungen ist im März unter dem Titel „In Zukunft sind wir alle tot“ beim Berliner mikrotext-Verlag erschienen.
Mikrotext veröffentlicht „gute Texte für zwischendurch“, wie Nikola Richter sagt. Die Berlinerin hat den e-book-Verlag gegründet, um zeitgeistige und experimentelle Texte ohne großen Vorlauf veröffentlichen zu können. Zeitgeistig, weil sie auf aktuelle und auch politische Themen reagieren können. Experimentell, weil sie eine Ahnung davon vermitteln, wie sich unser Verständnis von Literatur in Begriff ist zu verändern. Denn in Zeiten, in denen Facebookposts als Literatur durchgehen, wird der Germanist deprimiert aus dem Hölderlinturm springen. Für die studierte Literaturwissenschaftlerin Richter ist Facebook dagegen nicht bloß ein Medium der Selbstdarstellung, sondern auch Mittel zur politischen Agitation.
Der erste, im März 2013 veröffentlichte mikrotext hieß „Der klügste Mensch im Facebook“. Die Sammlung von Miniaturen des syrischen Schmieds Aboud Saeed gewährt Einblicke in die Kriegsregion, die man von Tagesschau, Spiegel Online und Konsorten nicht kennt. Der Text wurde von einem Essay des deutschen Universalgelehrten Alexander Kluge begleitet, darüber dozierend, wie man im digitalen Zeitalter kreativ und schnell publizieren kann und sollte.
Ein Vorteil sowohl für die Autoren, Verleger als auch die Leser liegt auf der Hand: Während bei einem Buch in Papierform schon mal ein Jahr von Manuskriptabgabe bis zum Erscheinungstermin vergeht, kann Richter ihre Texte ohne großen finanziellen Aufwand innerhalb von zwei Wochen veröffentlichen und tatsächlich Literatur zur Zeit schaffen.
So entstehen Mischformen aus literarischen und journalistischen Texten wie „Berliner Asphalt“ oder politische Zeitdokumente wie „Mein Brief an die NSA“ (beide von Sebastian Christ), die schick designt und mit Cover in knalligen Webfarben für 1,99 € zum Download angeboten werden.

Auch der Berliner „Verlag für unerhörte Elektronovellen“ Das Beben hat ein Faible für handliche Prosa. 2013 von einer Handvoll Buchmenschen gegründet, um „Platz für ungewöhnliche, eigenwillige und pointierte Texte zu schaffen“, wie es auf der Webseite heißt, versucht man das etwas angestaubte Image der Novelle zu bereinigen und die Gattung für Einflüsse aus Science Fiction, Horror und sonstiger Genreliteratur zu öffnen. Ein Großteil der Öffentlichkeitsarbeit erfolgt über einen Blog, auf dem man Interviews mit den Autoren und Verlagsmachern einsehen kann. Die hübsch anzuschauenden, scharf konturierten Cover sind angelehnt an Comics und B-Movieplakate und mitsamt Text für 3,49 € zu haben. Auch hier findet man unter den Autoren bekanntere Namen wie Tobias Hülswitt, der sonst bei Kiwi oder Suhrkamp publiziert.
Badlands Unlimited, gegründet von dem New Yorker Künstler Paul Chan, lotet die Grenzen des Buches inhaltlich wie auch formalästhetisch aus. Das Kunst-e-book „Mans in the mirror“ ist das erste seiner Art in 3D. Es enthält skurrile Fotoexponate und flirrende GIF-Animationen verschiedener Künstler, die unter Einfluss der Droge Meskalin entstanden sind und sich dem Betrachter eben dreidimensional offenbaren, sofern man denn eine 3D-Brille besitzt. Das Buch kann man für 0.99 $ im iBookstore downloaden. Allein die Webseite des Verlags ist ein Spektakel für sich, psychedelische Animationen illustrieren die Werke so, dass die Produktbeschreibungen nebensächlich erscheinen, was mitunter nerven kann. Neben Büchern des Badlands Teams wird auch Textkunst von bekannten Exzentrikern wie Marcel Duchamp oder Hans Ulrich Obrist feilgeboten.
Texte werden multimedial durch Video- oder Audioeinsprengsel ergänzt, sind interaktiv gestaltet, Sätze ergießen sich Kaskadenartig über den Bildschirm, verschwinden, drehen sich im Kreis, bis einem schwindelig wird.
Ein Verlag wie gemacht für Mark Z. Danielewski, könnte man meinen. Der amerikanische Schriftsteller hatte zur Jahrtausendwende, nachdem der Text zuvor schon im Netz veröffentlicht worden war, durch seinen mit unzähligen Fußnoten und typografischen Spielereien gespickten Hypertextroman „House Of Leaves“ die Grenzen des Buchdruckes ausgelotet. „House of leaves“ handelt von einem labyrinthartig strukturierten, unheimlichen Haus, in dessen Kellerräumen sich ein professionell ausgestattetes Forscherteam verliert. Analog zur rätselhaften Struktur des Hauses und seiner Geschichte stehen Textpassagen auf dem Kopf, sind spiegelverkehrt angeordnet, fügen sich Filmskripte, Zeichnungen und kryptische Symbole auf grafisch abenteuerliche Weise in den Text ein. Danielewskis neuestes Projekt geht noch ein paar Schritte weiter. „The Familiar“ ist ein 27-bändiger Roman, in den ein halbes Dutzend Grafiker, Co-Autoren und Übersetzer involviert sind. Die Geschichte soll sich an komplexen HBO-Serien orientieren und textlich und ästhetisch wuchern. Für den digitalen Verleger ein Traum, könnte man meinen, doch in Interviews zeigt sich Danielewski noch enttäuscht angesichts der derzeitigen technischen Möglichkeiten digitaler Buchkultur. Den typografischen Anforderungen von The Familiar würden die neuen Formate nicht wirklich gerecht, erklärte er dem britischen Kulturmagazin The Skinny in einem Interview, allein das Erstellen eines PDFs des für Anfang 2015 geplanten ersten Bandes hätte seinen Computer zum Absturz gebracht, was sich eben der aufwändigen Text-Grafik-Konstellation verdanke. Muss der also weiter seine Schinken ins Kaffeehaus schleppen. Vorläufig zumindest.
Sebastian Ingenhoff



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