Special über Musikalben für Wired

Vierteiliges Special für Wired über die Entstehung von Musikalben, die idealen Produktionsbedingungen, das Format des Albums und  die ökonomischen Notwendigkeiten mit Oracles, Keshav Purushotham und Philipp Janzen (Von Spar).

 (Februar 2015)

Fotos: Tobias Vollmer

 

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Das Musikalbum gilt nach wie vor noch als Königsdisziplin, an der man sich als Band messen lassen muss. Doch wie kommt ein Album zustande und was macht das Format aus? Zusammen mit vier Bands und Musikern gehen wir in einer mehrteiligen Reportage der Frage nach, wie und warum man 2015 ein Album produziert, wie die ökonomischen Voraussetzungen dafür aussehen und was es im digitalen Zeitalter sonst noch zu beachten gilt.
Wired-Autor Sebastian Ingenhoff betreibt gemeinsam mit Roland Wilhelm die Elektronikformation Camp Inc., die seit Herbst 2014 in den Kölner Gotteswegstudios an ihrem Debütalbum feilt. Ex-Timid Tiger Sänger Keshav Purushotham und Marius Lauber alias Roosevelt sind am gleichen Ort mit Aufnahmen beschäftigt. Philipp Janzen hat mit seiner Band Von Spar im November 2014 das Album „Street Life“ veröffentlicht, das ebenfalls in dem Studiokomplex in der Kölner Südstadt eingespielt wurde, und probt mit den Bandmitgliedern für die im April anstehende Tour. Auch in der Runde: Hanitra Wagner und Dennis Jüngel von der Köln-Berliner Band Ωracles, die im Februar mit den Aufnahmen zu ihrem Debüt beginnen wird. Alle Alben (mit Ausnahme des bereits erschienen Von Spar-Albums „Street Life“) sollen im Sommer / Herbst 2015 erscheinen.

 

Der Kölner Gotteswegstudiokomplex bietet mit seinen sechs Studioräumen nicht nur gute Aufnahmemöglichkeiten, sondern auch genügend Raum zur Prokrastination. Im großen Eingangsbereich gibt es eine kleine Küche mit vollautomatischer Kaffeemaschine, einen Flachbildfernseher, einen großen Tisch (früher konnte man hier sogar Billard spielen) und eine gemütliche Ledercouchecke, in der man sich stundenlang fläzen kann, ohne einen einzigen Ton eingespielt zu haben. Ideale Voraussetzungen zum grübeln und verzweifeln, weil ein Demo mal wieder nicht so klingt, wie es morgens noch in der Kopfdisco geklungen hat. Weil die Anatomie des Stückes noch nicht stimmt, wie Michael Jackson gesagt hätte. Mit der Anatomie eines Songs ist es so eine Sache.
Es gibt Menschen, die mit acht Klangspuren und simpelsten Mitteln maximalen Raum erzeugen können. Andere brauchen hundert Spuren und man kann keine einzige davon weglassen, weil sonst alles zusammenbricht.

In seinem Essay „Michael“ beschreibt der amerikanische Autor John Jeremiah Sullivan wunderschön, wie der junge Michael Jackson seinem Idol Stevie Wonder im Studio stundenlang über die Schulter schaut, um zu verstehen, was es ist, das die Musik in Bewegung setzt. Er selbst fand seinen eigenen Weg, die Musik in Bewegung zu versetzen und tanzte zwischen den Gesangspart permanent im Aufnahmeraum herum, schaffte es aber mit verblüffender Präzision, immer wieder rechtzeitig vor dem Mikro aufzutauchen.

Gewissermaßen ist unser Philipp Janzen unser Stevie Wonder. Der Kölner ist Schlagzeuger der Band Von Spar, darüber hinaus Produzent zahlreicher weiterer Künstler und Mitbetreiber des Dumbo Studios, eines von insgesamt sechs in dem Gebäude. Mit der Elektronikformation Camp Inc. sind wir hier seit Herbst letzten Jahres mit den Aufnahmen an unserem Debütalbum beschäftigt. Vor dem Einzug hatten wir so gut wie keine Ahnung, wie man in einem Studio überhaupt arbeitet. Auch im Umgang mit Standard-Musikprogrammen wie Logic oder Ableton waren wir eher Amateure. Die erste EP hatten wir noch in klassischer DIY-Manier mit simpelsten Mitteln im Schlafzimmer produziert. Im Laufe der letzten Monate hat sich die Arbeitsweise ein bisschen geändert und nun sind die ersten Demos im Kasten. Natürlich war es hilfreich, den Profis über die Schulter zu schauen.

Philipp Janzen ist zwar auch Autodidakt, hat aber jahrelange Erfahrung als Produzent und Klanganatom. Der Von Spar-Musiker hat sich das Produzieren selbst beigebracht, indem er seinerseits den Profis über die Schulter geguckt hat. Zusammen mit den weiteren Bandmitgliedern Sebastian Blume, Christopher Marquez und Phillip Tielsch produziert er die Von Spar-Alben mittlerweile nicht nur in Eigenregie, sondern sitzt regelmäßig auch für andere Bands an den Reglern. Daneben spielt er als Tourdrummer für internationale Künstler wie Owen Pallett, The Field oder Scout Niblett.

Janzen hat die goldenen Jahre der Musikindustrie, als man mit Musikalben noch richtig Geld verdienen konnte, um ein Haar verpasst. Das Von Spar-Debüt „Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative“ erschien 2004 auf dem mittlerweile insolventen Hamburger Label Lage d’Or. Zwar nur ein mittelgroßer Indiebetrieb, aber mitverantwortlich für den Hype um die sogenannte „Hamburger Schule“. Das in den Neunzigern von Carol von Rautenkranz und Pascal Fuhlbrügge gegründete Label machte Bands wie Tocotronic oder Die Sterne bekannt, ehe diese von großen Majorlabels abgeworben wurden. 2007, just in jenem Jahr, als das zweite Von Spar-Album erscheinen sollte, ging Lage d’Or pleite.
Von der Krise der Musikindustrie kann Janzen also ein Lied singen. Mit seiner damaligen Zweitband Urlaub in Polen (mittlerweile aufgelöst) stand er seinerzeit sogar kurz davor, bei einem Majorlabel zu unterschreiben. Der Deal hatte sich jedoch im letzten Moment zerschlagen: „Wir hatten quasi einen dicken Vorschuss wie eine Karotte vor der Nase hängen und hätten eigentlich nur noch unterschreiben brauchen. Im nächsten Moment sind alle A&Rs, mit denen wir zu tun hatten, gefeuert worden. An einem Tag in ganz Deutschland. Das war so mein erster Berührungspunkt mit der digitalen Revolution“, sagt der mittlerweile 39-jährige.
Aufgegeben hat er freilich nie.
In den vergangenen 15 Jahren hat Janzen mit Von Spar und Urlaub in Polen insgesamt 8 Alben veröffentlicht und auf zahllosen weiteren als Gastmusiker oder Produzent mitgewirkt.

Auch in den Gotteswegstudios helfen sich die Künstler gegenseitig. Man spielt eine Hi-Hat für den anderen ein, übernimmt einen Gesangspart oder hilft sich beim Abmischen.

Bei Janzen hat sich mittlerweile eine gewisse Routine eingestellt. „Das Album ist eben nach wie vor das Format, mit dem man sich als Band präsentiert. Da denkt man gar nicht mehr groß drüber nach. Als ich früher so mit Achtzehn die Spex gelesen habe, war es einfach ganz naiv das Ziel, da irgendwie reinzukommen. Man dachte, dann hat man es geschafft. Die einzige Möglichkeit, medial aufzutauchen, ist die des Albumformats. Nur mit einem Album kann man Presse generieren. Nur wenn man Presse generiert, kann man live spielen, und wenn man live spielt, kann man Geld verdienen.“
Von Spar veröffentlichten kürzlich ihr viertes Album „Street Life“ auf dem kleinen Berliner Label italic. Vorschüsse gab es keine, dafür schaffte man es aber mal wieder in die Spex. Die zeigte sich begeistert von „synthetisch-schwelgerischen Discostreichern zwischen körperbetontem Motown-Glitzern und dandyhaft aufgepimpter Münchener Freiheit“ und konstatierte, die Band betreibe ein „kulturelles Vorwärts-Recycling“. Im April geht es wieder auf Tour.

 

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(Keshav Purushotham)

 

Auch Keshav Purushotham betreibt gerade kulturelles Recycling. Der ehemalige Timid Tiger-Sänger residiert in dem kleinen, dem Dumbo Studio gegenüberliegenden Raum. Das Studio teilt er sich mit dem Rest der Formation, die derzeit eine kreative Pause einlegt. Timid Tiger hatten ihr Debütalbum 2005 ebenfalls auf Lage d’Or veröffentlicht. Die Single „Miss Murray“ war ein kleiner Indiehit, das Album wurde sogar in Japan veröffentlicht. Wie zuvor Tocotronic und Die Sterne wurden auch Timid Tiger von einem Majorlabel abgeworben.
Das zweite Album „Timid Tiger & the Electric Island“ erschien 2010 bei Four Music / Columbia, entsprach jedoch in Sachen Verkaufszahlen nicht den Erwartungen. „Da zeigte sich so diese typische Schattenseite des Majorbusiness. Es war wirklich hart zu sehen, wie viel Geld da reingepumpt wurde und wie das alles fehlgeschlagen ist. Wir dachten, das sei jetzt unser großer Popentwurf, aber das Konzept ging leider null auf“, resümiert Purushotham.

Derzeit sind die Uhren wieder auf Null gestellt. Inspiriert von einer Indienreise im vergangenen Jahr arbeitet er derzeit an seinem Soloalbum. Frei von allem Druck. „Indien ist meine musikalische Heimat und ich hatte ganz viele Ideen mitgenommen. So Songskizzen. Das hätte ich natürlich auch in Köln machen können, aber es ist schon was anderes, mit der Ukulele in der Sonne in der Hängematte zu liegen, ein ganz anderes Gefühl. Ich habe zum Beispiel Aufnahmen mit meinen indischen Cousinen gemacht und ganz viele verschiedene Instrumente aufgenommen. Ich mach mir aber keinen Stress. Ich möchte einfach nur einen schönen kleinen Release machen“, gibt er sich bescheiden.
Einen Titel für das Album gibt es noch nicht, aber innerhalb der nächsten Wochen soll alles stehen. Dann wird er sich auch Gedanken um ein Label machen, bei dem das Ganze erscheinen könnte. Die ersten Demos und die kürzlich absolvierte erste Soloshow stimmen nicht nur den Künstler euphorisch. Denn tatsächlich könnte es sich um ein Album handeln, über das man 2015 noch sprechen wird.

Auch für Ωracles dürfte die Labelsuche kein allzu großes Problem werden. Die Köln-Berliner Band gilt als eine der Entdeckungen des letzten Jahres und hat im Zuge ihrer ersten EP schon auf vielen Festivals gespielt. Pete Doherty outete sich im britischen NME als Fan der fünfköpfigen Band und lud sie für eine Support-Show nach Kopenhagen ein. Geht es nach Hanitra Wagner und Dennis Jüngel, dann soll ihr Debütalbum noch diesen Sommer folgen, obwohl mit den Aufnahmen nicht mal angefangen wurde. Im Februar wird man sich für drei Wochen auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein einschließen und, losgelöst von der Außenwelt, konzentriert in einem Rutsch aufnehmen. „Das war so unsere Idealvorstellung, dass man einen Ort hat, wo man seine Ruhe hat, und Tag und Nacht arbeiten kann. Drei Wochen sind keine lange Zeit, aber ich bin sicher, dass wir das zeitlich hinbekommen, weil die Songs schon seit geraumer Zeit in unseren Köpfen herumschwirren. Wir müssen das jetzt nur ausformulieren“, gibt Hanitra Wagner das Ziel vor. Damit sind Ωracles die einzige Band in der Runde, die sich für einen festen Zeitraum ein Studio einrichtet.

Teil 2: Das Studio

 

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(Hanitra und Dennis von Oracles)

Ob in klassischer Bedroom-Produzentenmanier, live in der Garage oder einem akustisch optimierten Tonstudio – Musik lässt sich auf vielerlei Arten aufnehmen. Es gibt großartige Platten, die mit bescheidenen Mitteln im heimischen Schlafzimmer entstanden sind, auf der anderen Seite rettet die beste Aufnahmetechnik noch keinen schlechten Song. Bedroom Produzenten wie James Blake oder Chet Faker füllen mittlerweile die Headlinerslots der großen Festivals. Liegt die Zukunft der Musik also im Homerecording?

 

Viele Musiker, gerade aus dem Bereich der elektronischen Musik, verzichten auf ein Studio und nehmen in Heimarbeit auf. Denn die neueren Musikprogramme ermöglichen auch Produzenten mit ungefährem Halbwissen ein relativ gutes Arbeiten.

Für Von Spar-Schlagzeuger Philipp Janzen bleiben die Möglichkeiten des Homerecordings dennoch limitiert. „Ich glaube, dass ein guter Raumklang unabdinglich ist. Nur so kann man auch beim Mixen einen guten Sound erzielen. In einem Zimmer, wo akustisch nichts gemacht ist, kann man nur schwer akkurat arbeiten und vertut sich leicht. Wir sind Soundfetischisten und wollten einen Raum, wo man auch detailliert an Klängen arbeiten kann. Alles in allem kann man schon sagen, dass wir an der Soundästhetik von ‚Street Life‘ gut drei Jahre gefeilt haben. Das wäre ohne das eigene Studio nicht möglich gewesen“, sagt er.

Nach wie vor mieten sich entsprechend viele Musiker für die Albumarbeiten in ein professionelles Tonstudio ein und ziehen oft einen Produzenten als Berater hinzu. Andere errichten sich ihr eigenes akustisch optimiertes Refugium und machen alles selbst.
Die Vorteile des eigenen Studios scheinen klar: Man kann permanent produzieren und hat keinen Druck, in einem festgelegten Rahmen eine Platte fertig stellen zu müssen. Mietet man sich irgendwo ein, bleiben maximal drei bis vier Wochen, in denen alles eingespielt sein muss. Vielmehr kann sich eine Band im Regelfall nicht leisten. Da bleibt wenig Zeit, die Abende mit ein paar Flaschen Wein zu vertrödeln, man sollte einigermaßen fokussiert arbeiten. Das kann je nach Bandkonstellation auch ein Vorteil sein, denn die Krankheit unserer Tage heißt Prokrastination, und wer keinerlei Zeitdruck hat, ist akut gefährdet.

Ωracles werden sich ab Februar für drei Wochen ein Studio auf einem Bauernhof in der Nähe von Kiel einrichten. Sorgen, dass die Zeit zu knapp kalkuliert sei, machen sie sich keine. Joshua, Nils, Hanitra, Dennis und Niklas spielen oder spielten nebenher in Formationen wie Stabil Elite, Vomit Heat, beat!beat!beat! oder Lingby und haben einiges an Produktionserfahrung sammeln können. Auch seien die Songs soweit grobskizziert, dass man sie problemlos in drei Wochen aufnehmen könne, sagt Hanitra Wagner. Zwölf bis fünfzehn sollen es insgesamt werden, von einigen gibt es schon fertige Demos, bei denen bloß noch ein paar Spuren ausgetauscht werden müssen.
Auf einen Produzenten wollen sie verzichten. Auf ein Studio nicht. Darüber hinaus wird aber vorab im Schlafzimmer produziert. „Joshua und Nils sind unsere Produzentenfreaks, die eh permanent Skizzen bei sich zu Hause aufnehmen. Da hat man also schon einen gewissen Pool an Sounds und kann sich die Rosinen rauspicken. Man entwickelt relativ schnell gemeinsam Ideen, wie ein Stück weiterentwickelt werden könnte. Das entsteht aber mehr so intuitiv. Ein externer Produzent würde eher das Gefüge durcheinander bringen“, erklärt Dennis, der derzeit selbst Musikproduktion an der Musikhochschule Köln studiert.

Von Spar arbeiten in ihrem eigenen Dumbo Studio, das sie sich im Zuge des vorletzten Albums „Foreigner“ eingerichtet haben. Das Studio ist zwar klein, aber gut ausgestattet. Es gibt ein großes, auf den ersten Blick leicht antiquiert wirkendes Mischpult, vier gute Abhörmonitore und jede Menge Synthesizer der Firmen Korg, Roland und Konsorten, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben. Dazu Drum Maschinen, Schlagzeug, Gitarren.

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(Philipp Janzen)

Mittlerweile teilt man sich den Raum mit zwei weiteren Parteien. Marius Lauber alias Roosevelt arbeitet an seinem Debütalbum, das im August beim britischen Label Greco Roman erscheinen wird. Er ist mit den Aufnahmen so gut wie fertig und derzeit viel unterwegs, da auch als DJ aktiv und international viel gebucht. Die dritte Partei sind wir. Marius ist tendenziell eher tagsüber da, wir meistens abends. Die Koordination erfolgt über einen Kalender, in den man sich einträgt. Bei der Übergabe raucht man noch gemeinsam eine Zigarette und tauscht sich über den Status Quo aus.

Dass zwischen zwei Von Spar-Alben schon mal vier Jahre vergehen, ist weniger künstlerischer Faulheit, als vielmehr ökonomischen Notwendigkeiten geschuldet. Mittlerweile produzieren sie nicht nämlich nur ihre eigenen Platten selbst, sondern komponieren Filmsoundtracks oder sitzen auch für andere Musiker an den Reglern, was zunehmend zum Nebenerwerb wird.

„Mit Studioequipment zu arbeiten, Klänge mit dem Computer zu verfremden, das sind ja alles Sachen, die man eigentlich immer schon gemacht hat. Man ist eben nur nicht auf die Idee gekommen, dieses ganzen Know How, das man sich über die Jahre erarbeitet hat, auch mal anzuwenden. Wir hatten zuvor ja schon mehrere Alben gemacht und man lernt eben dazu, wenn man mit jemand anderem im Studio ist. Letztendlich ist das wie ein Praktikum. Man sieht, wie der Produzent arbeitet und kann sich Sachen abgucken. Irgendwann ist man selbst so eine Art Produzent“, sagt Schlagzeuger Philipp Janzen.

Auch Keshav Purushotham gehört zu jenen Künstlern, die sich das Produzieren selbst drauf geschafft haben. Seit bald zwei Jahren sitzt er an seinem Soloalbum und verbringt fast jeden Tag im Studio. Er fände es gar nicht schlecht, jemanden zu haben, der ihm die Pistole in den Nacken setzt. „Ich lasse mich schon sehr leicht ablenken. Meistens bin ich so gegen Mittag im Studio, aber oft kommt es vor, dass ich bis abends gar nichts auf die Reihe bekomme. Man trödelt halt so rum. Dann zieht sich das Arbeiten schon mal bis nachts, was eigentlich gar nicht schlecht ist. Denn nachts kann ich ganz gut arbeiten. Nur auf Dauer ist das natürlich keine Lösung, weil sich der Biorhythmus völlig verschiebt“, räumt er ein.
Den Großteil des Albums hat er alleine eingespielt, für die finale Phase möchte er jedoch gerne mit „frischen Ohren“ zusammenarbeiten, wie er sagt. So sollen einige Parts mit befreundeten Musikern neu aufgenommen werden, auch das Abmischen möchte er mit jemandem machen, der unbefangen an die Sache rangeht. „Das Album sollte ja wie ein Gesamtwerk klingen, und nicht wie eine Ansammlung von Songs. Ich möchte nicht, dass sich so Platzhalter einschleichen. Da ist es schon hilfreich, jemanden zur Hand zu haben, der einen etwas nüchterneren Blick auf die Sache hat“, gibt er das Ziel vor.

 

Teil 3: Das Albumformat

 

„Zehn oder zwölf aneinandergereihte Songs ergeben noch lange kein Album. Einzelne Songs schreiben kann man immer, aber ein zusammenhängendes Album zu machen, ist deutlich schwerer. Ein Lehrling kann vielleicht gut Beine für Tische drechseln, aber noch keinen ganzen Tisch bauen. Wenn du deine Prüfung bei der Schreinereiinnung machst, dann muss aber der ganze Tisch her und nicht bloß ein gedrechseltes Bein“, sagt Philipp Janzen.

Rein formal gesehen sind die Ansprüche an ein Album relativ gering. Es sollte mindestens fünf Songs oder eine Spielzeit von mehr als 23 Minuten haben, damit es den Richtlinien der deutschen Musik-Charts entsprechend als Album gilt. Andernfalls handelt es sich um eine EP. Somit würde die im letzten Jahr erschienene „Stanford Torus“-EP von Ωracles sogar als Album durchgehen. Darauf finden sich nämlich sechs Songs mit einer Spielzeit von mehr als 24 Minuten.

Mit den formalen Vorgaben kann man auch seine Spielchen treiben. „The Punch Line“, das erste Album der kalifornischen Post-Hardcoreband Minutemen, verballert achtzehn Songs auf einer Gesamtlänge von knapp fünfzehn Minuten. Kraftwerks „Autobahn“, eines der stilprägendsten Elektronikalben überhaupt, hat lediglich fünf Songs, von denen aber alleine das Titelstück eine ganze Schallplattenseite füllt. Beides Klassikeralben, die heute noch gehört werden. Doch wie wird ein Album zum Klassiker? In Zeiten von Streamingdiensten sind viele Musiker froh, wenn ihr Album überhaupt noch in voller Länge durchgehört wird, und nicht bloß Einzelsongs in Playlists landen.

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Andererseits schauen die Leute ja auch Serien, über mehrere Staffeln hinweg, monatelang, jahrelang. Warum sollte es so schwer sein, jemanden für ein Musikalbum zu begeistern, das im Zweifelsfall nicht länger als 24 Minuten sein muss?
„Ein Album muss eine Klammer haben, und das ist die Durchhörbarkeit. Es darf keinen Samplercharakter haben. Andererseits sind gerade wieder so Konzeptalben im Kommen, die komplett auf Eintönigkeit angelegt sind. So etwas wie Arca. Da geht es nur um reine Soundästhetik, die hochpoliert wird. So Sachen laufen schnell Gefahr, zu Accessoiremusik zu verkommen. Das ist eine Gratwanderung“, sagt Philipp Janzen. Dass die Produktionen des venezolanischen Klanginstallateurs Arca, der es mit Arbeiten für FKA twigs, Björk und Kanye West zu Ruhm gebracht hat, irgendwie diffus den Zeitgeist widerzuspiegeln scheinen, darauf können sich alle einigen.

Darauf, dass ein Album im Idealfall nicht nur durchhörbar sein sollte, sondern eine gewisse Dramaturgie haben muss, die den Hörer packt, sich vielleicht aber erst beim vierten, fünften Hören vollständig erschließt, auch. Nur wie kommt diese zustande?

„Man kann das nicht immer genau benennen, warum ein Song zu einem Album passt und der andere nicht. Warum die Songs in genau der Reihenfolge Sinn ergeben und in einer anderen nicht. Das ist mehr so eine Art Bauchgefühl, dass man denkt, etwas ist stimmig und rund. Oft gibt es das Problem, dass man einen Song ganz großartig findet, der aber partout nicht ins Gesamtkonzept passen will. Weil er das Album in eine ganz andere Richtung lenken würde. Dann muss man sich davon trennen“, sagt Dennis Jüngel von Ωracles.

Man sammelt also erst mal jede Menge Holz, bevor daraus ein Tisch wird. Im Idealfall hat man eine wesentlich größere Zahl an Demos, als für das Album benötigt wird. „Irgendwann kommt man dann an einen Punkt, wo alles in eine bestimmte Form gebracht wird. Wo man erst merkt, welche Parts miteinander harmonieren und wo man vielleicht noch etwas austauschen muss. Wir hatten viel mehr Material, als auf dem Album gelandet ist. Die Stücke haben wir an befreundete Musiker geschickt und Feedback eingeholt. Es ist schon wichtig, auch mal aus seinem Künstlerego auszusteigen und sich beraten zu lassen, gerade wenn man ohne Produzenten arbeitet. Auf die Art haben wir überflüssige Songs aussortiert und so hat sich schließlich das Album herauskristallisiert“, erläutert Janzen.

 

Teil 4: Ökonomische Notwendigkeiten

 

Geht es nach Steve Albini, dann herrschen paradiesische Zeiten für Musiker und Musiknerds. Im Zuge der „Face the music“-Konferenz in Melbourne trug der amerikanische Produzent kürzlich die „alte Musikindustrie“ zu Grabe und erklärte: „The internet has solved the problems with music.“

Noch nie sei es so leicht gewesen, Musik zu entdecken und zu veröffentlichen wie im digitalen Zeitalter. Die alte Musikindustrie habe ohnehin nur die falschen Leute reich gemacht, ein verkrustetes System, in dem viel zu viel Geld sinnlos verbrannt worden sei. Zeit also für ein neues Modell. Durch die Digitalisierung hätten es die Musiker selbst in der Hand, ein größeres Publikum zu erreichen, zudem böten sich neue Möglichkeiten der Selbstorganisation. Das Geld werde durch Touren eingespielt. Damit spricht er den Haken an der Sache an. Das Geld kommt tatsächlich meist durch Auftritte rein, alleine durch Alben kann sich kaum noch ein Musiker finanzieren. Die von Streamingservices wie Spotify ausgezahlten Beträge sind gering, und auch mehrere zehntausend Plays auf Youtube sind lediglich symbolisches Kapital. Um aber auf Tour gehen zu können, braucht es ein Album. Um ein Album aufnehmen zu können, braucht es Geld.

Keshav Purushotham und Philipp Janzen haben Zeiten erlebt, in denen selbst mittelgroße Indielabels Vorschüsse gezahlt haben, von denen man ein paar Monate leben und in Ruhe arbeiten konnte. Ein enormer Luxus, doch die Zeiten sind vorbei. Kaum ein Label dieser Größenordnung zahlt noch Vorschüsse.

Steve Albini hat in seinem Leben mehrere tausend Alben produziert, darunter Nirvanas „In Utero“. Übermäßig reich oder berühmt geworden ist er nie, dennoch dürfte er ein solides Auskommen haben. In Chicago betreibt er nach wie vor sein eigenes Studio und produziert Musik. Man kann ihn für 750 US-Dollar Tagessatz mieten.

 

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(Camp Inc.)

 

Davon ist man im Dumbo Studio weit entfernt. Rein von der Musik leben kann bei Von Spar keiner. Zwar haben Philipp Janzen und seine Mitstreiter Platten renommierter Künstler wie The Field, R. Stevie Moore oder Aydo Abay aufgenommen oder produziert, doch das allein sichert nicht die Miete. Janzen gibt nebenher Musikunterricht, lehrt an der Folkwang Universität der Künste und komponiert Musik für Imagefilme. Eine Mischkalkulation eben. Bald geht es wieder auf Tour.

„Helge Schneiders Film ‚Jazzclub‘ hat das ja perfekt illustriert –du gehst morgens Zeitungen austragen, danach Fische verkaufen auf dem Fischmarkt, nachmittags gibst du den Gigolo für reiche Frauen, und abends kannst du endlich in den Jazzclub musizieren“, beschreibt der 39-jährige den Lebensalltag vieler heutiger Musiker.

Ωracles haben im letzten Jahr einen mit 10.000 € dotierten Musikpreis gewonnen, der fast komplett in das Album fließen wird. Natürlich ein Geldsegen, der nicht jeder Band zuteil wird.
„Wir schauen erst mal, dass jeder über die Runde kommt. Wenn jemand gerade finanzielle Nöte hat, kann der sich auch mal was auszahlen lassen. Aber das Geld reicht auf jeden Fall, um das Album in Eigenregie über die Bühne bringen zu können“, sagt Hanitra Wagner. Ansonsten haben die Mitglieder der Köln-Berliner Band allesamt Nebenjobs vom Kellner bis zum Radiojournalisten.

Keshav Purushotham produziert nebenher Hip Hop-Instrumentals und Filmmusiken. Einige seiner Beats sind auf den letzten Alben von Casper und Haftbefehl gelandet. Das allein reicht nicht auch nicht. Derzeit ist er an den Wochenenden noch als DJ für einen großen Kräuterlikörhersteller unterwegs. Auch Ωracles haben ihre Erfahrungen mit solcherart Markenevents gemacht. Denn ein Trend scheint sich in den letzten Jahren ausgemacht zu haben: Immer mehr Firmen schmücken sich mit Populärkultur und immer weniger Künstler können es sich leisten, nein zu sagen.

„Es ist schon auffällig, dass immer mehr Unternehmen in den Markt drängen. Jede Firma hat mittlerweile ihr eigenes Festival, und die können natürlich super zahlen. Das ist grundsätzlich eine gefährliche Entwicklung. Die Red Bull Music Academy macht ja einen guten Job, aber man arbeitet eben für einen Limonadenhersteller. Da muss man sich nichts vormachen. Aber man muss es sich leisten können, sich dem zu entziehen“, sagt Keshav Purushotham.

Neben öffentlicher Förderung und Wirtschaftskooperation gäbe es die Möglichkeit, auf Crowdfunding zu vertrauen. Doch mittlerweile hat sich auch hier bei vielen Ernüchterung eingestellt. Längst nicht alle Kampagnen verlaufen erfolgreich und es bleibt der Ruch der Bittstellerei. „Ich finde das manchmal schon heikel, wenn man sich da so anbiedert. ‚Du bekommst meine Platte und ich spiele auch noch auf deiner privaten Pyjamaparty ein Konzert. Die Platte wird übrigens super laufen, glaube mir…‘ Natürlich gibt es auch gute Crowdfunding Kampagnen, aber für mich wär das nichts“, sagt Purushotham.

Das Internet mag also den Zugang zur Musik erleichtert haben, die Geldfrage hingegen ist längst nicht gelöst. Viele Künstler, auch jene mit großer medialer Präsenz, leben prekär. Das gilt in diesen Zeiten nicht nur für Künstler, werden viele einwerfen. Das ist richtig. Denn dass „gute Arbeit“ längst nicht gleichbedeutend ist mit „gutem Einkommen“ ist ein grundsätzliches Problem.

 

 

 

 

 

 



9 Kommentare

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