Techno in der Hochkultur

Für Thump über Techno in der Hochkultur und das neue Album von Delia Gonzalez.

 

deliagonzales

 

Techno gilt längst nicht mehr als primitiv und jugendverderbend, sondern hat den Marsch durch die Kulturinstitutionen angetreten. In den vergangenen Jahren gab es unzählige Allianzen zwischen Klassik und Techno. Werke von Vivaldi, Ravel und Mahler wurden von Clubmusikern „re-composed”. Zu Brandt Brauer Frick und Francesco Tristano ging man„ins Konzert”. Henrik Schwarz ließ sein Werk von einem klassischem Orchester interpretieren. Matthew Herbert nahm ein ganzes Album in der Oper auf.

Techno ist in der E-Kultur angekommen. Die Trennung zwischen E- und U-Kultur wird in Deutschland nach wie vor praktiziert. E steht für „ernsthaft”, „ernstzunehmend”, U meint „unterhaltend”, „die da unten”.
Techno gehört natürlich eigentlich zur U-Kultur. Der Kultur des Pöbels. Derjenigen, die gern Beats hören, E’s schmeißen (Merke: Ecstasy ist nicht gleich E-Kultur) und aus der Oper fliegen, weil sie Bier reinschmuggeln und albern kichern.

Doch der gestandene Technomusiker begnügt sich nicht mehr mit dem Plattendrehen, sondern wird zum Komponisten, Dirigenten, Herrscher über sein Werk.
Die Resultate variieren, sind manchmal ernsthaft unterhaltsam, wie die kammermusikalische Neuinterpretationen alter Kompakt-Klassiker durch den Pianisten Gregor Schwellenbach. Manchmal aber auch recht zäh, wie Matthew Herberts Opernexperiment. „Für die Zuhörer ist es ein Wechselspiel aus Aufregung und Langeweile”, schrieb der Berliner Tagesspiegel über das Projekt, und das ist ziemlich euphemistisch ausgedrückt. Es soll Menschen geben, die die ganze Sache durchweg prätentiös fanden.

Gänzlich unprätentiös hingegen ist Delia Gonzalez. Die Amerikanerin arbeitet seit Jahren im Spannungsfeld zwischen Tanz, Kunst, Minimal Music und Techno. Mitte der Nullerjahre hatte sie ein mehrere Platten mit dem bärtigen Synthie-Wizard, Noise-Guru und LCD Soundsystem-Tourmusiker Gavin Russom veröffentlicht.

Die Performances des Duos waren legendär, humoristisch, teilweise auch ziemlich trashig. Unter dem Namen Black Leotard Front haben sie ein gut fünfzehnminütiges Discostück veröffentlicht, als Soundtrack für eine Kunstperformance, die in absurden Yogaposenveralberungen gipfelte.
Ihr größter Hit hieß „Relevee”, eine kosmische Synthie-Hymne, die ohne einen einzigen Beat auskam und trotzdem für maximale Ekstase im Club sorgte. Auf der Rückseite gab es einen nicht minder epischen Carl Craig-Remix. Seit geraumer Zeit arbeiten die beiden getrennt. Produktiv geblieben sind sie immer. Gavin Russom hat neulich erst eine ziemlich gute Maxi auf dem New Yorker Label L.I.E.S veröffentlicht.

Delia Gonzalez ist im Kunstbetrieb angekommen, hat regelmäßig Ausstellungen und arbeitet mit Filmemachern und Tänzern zusammen. Ihr erstes Solo-Album In Remembrance fungiert zugleich als Soundtrack für ein multimediales Kunstprojekt aus Film und Ballett. Die vier auf dem Klavier komponierten Stücke kommen ohne elektronische Spielereien aus, grooven aber derart hypnotisch vor sich hin, dass man sie fast im Technoclub spielen könnte. Die Stücke sind loopbasiert und relativ simpel strukturiert, manchmal wird eine Bassline simuliert. Wie in einem guten Technotrack wird mit relativ wenigen Elementen maximale Euphorie ausgelöst. Die Dramaturgie ist perfekt, ist der Opener „I” noch ein relativ ruhiges Intro, kulminiert das vierte Stück „IV” in einer repetitiven, nervösen Orgie –wohlgemerkt ohne elektronische Instrumente. Die Klavierstücke werden um vier Remixe von Bryce Hackford ergänzt, in denen die Originalloops gefiltert, moduliert und mit elektronischen Beats untermalt werden. Aus den angedeuteten Basslines werden echte, auch die Dramaturgie der Originale wird übernommen. Hört man alle acht Stücke nacheinander, ergibt sich ein atmosphärisch dichter Soundtrip, der von klassischer Minimal Music über Kosmische Musik bis hin zu Techno führt, der im Prinzip aufgebaut ist wie ein gutes DJ Set. Ich war zugegebenermaßen skeptisch, als ich den Promowaschzettel von DFA gelesen habe, weil es da vor Worten wie „Museum”, „Satie” und „Ballett” nur so wimmelt. Aber Delia Gonzalez schippert auf dem völlig richtigen Dampfer durch die Kulturinstitutionen. Dazu kann man tanzen, und wenn man tanzen kann, ist das bekanntlich auch unsere Revolution. Wenn das hier Ballettmusik ist, sollte man unbedingt mehr Ballettmusik hören. Dann sollte man vielleicht sogar mal ins Ballett gehen. Man sollte sich natürlich schon was zu saufen mitnehmen.



2 Kommentare

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