i-D goes Techno

Text von September 2015 in  i-D über drei Jahrzehnte Techno

Techno hat gut drei Jahrzehnte auf dem Buckel. Ein Alter, in dem man langsam über das Erwachsenwerden nachdenken könnte. Muss man aber nicht. Schließlich ist 40 das neue 30, und 50 das neue 20, und eigentlich sind wir ohnehin im Post-Alter-Zeitalter angekommen. Viele heutige DJs tragen ihre grauen Haare und Plauzen mit Stolz und spielen Seite an Seite mit den schmalhüftigen, wohlfrisierten Jungen. Man versteht sich ja trotzdem. Die Grundparameter haben sich über die Jahrzehnte nie groß geändert. Der Beat ist four-to-the-floor, die Bassdrum muss ab und an ein paar Takte weg, nur um irgendwann dann wiederzukommen und alle aufschreien zu lassen. Techno ist auf eine bizarre Weise die universelle Sprache geworden, von der Gründungsväter wie Jeff Mills oder Robert Hood immer geträumt haben.

Neben dem vor allem in den USA omnipräsenten EDM, über den sich die Geschmackspolizisten natürlich aufregen, gibt es auch weiterhin IDM, Acid, Outsiders House, knüppelharten Bunkertechno und tausend weitere Nebenströmungen. Auch die Klassiker werden nach wie vor gespielt, viele junge DJs suchen auf Discogs nach alten Schätzen von Labels wie Trax, Metroplex oder UR. Wie in jedem Genre zeichnet sich ein guter Track dadurch aus, dass er zeitlos ist.

Angefangen hatte alles 1984 mit dem namensstiftenden Song „Techno City” des Detroiter Duos Cybotron, eine Mischung aus frühem Electro, europäischem Synthiepop und afroamerikanischem Funk. Beeinflusst von der Radiosendung „The Electrifying Mojo” hatten sich Juan Atkins und Richard Davis an einer musikalischen Sprache versucht, die Alvin Tofflers Idee des „Techno Rebel” adäquat übersetzen sollte. In den Folgejahren verfeinerte Juan Atkins die Idee gemeinsam mit seinen Schulkumpels Derrick May und Kevin Saunderson (die „Belleville Three”, benannt nach der gleichnamigen High School in Detroit) zu dem, was wir heute als Techno kennen. Im Jahr 1988 erschien mit „The New Dance Sound Of Detroit” eine Compilation, die die Musik aus der Motorcity nach Europa brachte. Etwa zur gleichen Zeit schwappte von Chicago aus die Acid House-Welle rüber.

Während Acid House nach dem „Summer Of Love” schnell wieder verebbte, wurde Techno zum Soundtrack der Wiedervereinigung. Die Musik passte perfekt ins Berlin der späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahre. Die zahlreichen leer stehenden industriellen Gebäude besonders in Ost-Berlin bildeten die ideale Kulisse für die futuristische neue Musik. Viele der Protagonisten waren Überbleibsel der Berliner DIY-, Punk- und Kunstszene der Achtziger, die sich bestens mit besetzten Häusern und modrigen Kellerlöchern auskannte. Im Zweifelsfall brauchte man nicht viel mehr als eine PA, einen Mixer und zwei Plattenspieler.

Dimitri Hegemann organisierte in den frühen Achtzigern das experimentelle Musik-Festival „Berlin Atonal”. Nach der Wende eröffnete er im Tresorraum des ehemaligen Wertheim Kaufhauses am Potsdamer Platz einen wichtigen Szeneclub – den Tresor. Schon zwei Jahre zuvor hatte Mark Ernestus, der später mit dem Dubtechno-Projekt Basic Channel Musikgeschichte schreiben sollte, den Plattenladen Hardwax eröffnet. Die Detroit-Berlin Achse wurde etabliert, man buchte Künstler wie Underground Resistance und Juan Atkins, die die weißen Kids in Sachen Groove, Loop und Rhythmus schulten. Während die neue Musik in Detroit weitgehend Nischenkultur blieb, wurde sie in Europa schnell zum Massenphänomen.
„Techno ist eine revolutionäre Idee. Es ist ein einziges Miteinander. Es spielt keine Rolle, welcher Kultur du angehörst oder welche Hautfarbe du hast. Oder welche Klamotten du trägst. In dem Sinne ist Techno wie eine Religion”, verriet mir der Detroiter DJ Carl Craig mal in einem Interview.

Wie es mit den Religionen so ist, verharren sie selten in den Nischen der DIY-Kultur. Techno wuchs und wuchs, die Love Parade wurde immer größer und die Musik immer schlumpfiger. In VIVA-Sendungen wie Housefrau liefen Marc Spoon und DJ Hooligan gleichberechtigt neben Aphex Twin, was Letzterer vermutlich sogar begrüßt hätte, denn der Brite ist, trotz seines Status als IDM-Papst (IDM steht für „Intelligent Dance Music”) alles andere als Geschmackspolizist und legt auch gerne mal Gabber auf.

Den vielleicht besten Kommentar zu jener knallbunten Kraut- und Rüben-Zeit aber gaben die anarchistischen Stadiontechno-Punks von KLF ab, die ihren Hit „What time is love?” 1997 unter dem Namen „Fuck the millenium” in Schlafanzügen, Rollstühlen und mit Blechbläsern bizarr inszenierten . Über Geschmack wurde nicht gestritten und KLF landeten folgerichtig nochmal in den Charts. Es war auch das Jahr, in dem die Love Parade mit über einer Millionen Besuchern einen neuen Rekord erreichte. Techno war auf dem Höhepunkt seiner kommerziellen Verwertbarkeit angekommen. Von nun an geht es bergab, dachten viele, und wendeten sich zunehmend ab.

Der Rest zog sich in die kleineren Clubs zurück, die Musik wurde reduzierter, Robert Hoods Idee von der „Minimal Nation” weiter verfeinert. Kleinere Labels wie Perlon, Playhouse oder Dial schossen wie Pilze aus dem Boden. Auch wenn „Minimal” heuer eher als Schimpfwort gilt, war die Zeit der Jahrtausendwende eine ziemlich fruchtbare mit vielen großartigen Platten.

2004 wurde das Berghain eröffnet und Feiertouristen aus aller Welt strömen seither in die Kathedralen und Konfettibars der Hauptstadt. Mit dem Film „Berlin Calling” erreichte der Hype 2008 einen neuen Höhepunkt. Paul Kalkbrenner wurde zum Superstar und dürfte neben Helene Fischer zu den beliebtesten deutschen Musikern gehören.

Wer Ende der Neunziger gedacht hatte, Techno sei tot, hätte also falscher nicht liegen können. Techno ist omnipräsent und auch in Szenen eingedrungen, die früher überhaupt nichts mit maschinengetriebener Musik zu tun haben wollten. Es gibt mehr Subgenres und Produzenten denn je. Die digitalen Technologien haben das Produzieren und Publizieren massiv erleichtert. Viele sagen, das habe zu einem Qualitätsverlust geführt, vielleicht ist aber auch das Gegenteil richtig. Auch in den Neunzigern gab es ziemlich viel Schrott. Man musste im Plattenladen immer nach den guten Platten suchen, heute macht man das eben im Internet. Aber wer sucht, der findet.

Was man vielmehr beklagen könnte, ist die Gagenexplosion der vergangenen Jahre. DJs mit zehn- oder zwanzigköpfiger Entourage und Gagen im fünfstelligen Bereich sind keine Seltenheit mehr, manche haben eigene Fotografen dabei, deren einzige Aufgabe es ist, die Sets in Facebook-Pose zu setzen, oder beschäftigen gar Agenturen, die die Marke pflegen – der DJ fungiert im wahrsten Sinne des Wortes als Global Player. Die Idee von Techno als einer egalitären Gesellschaft auf der Tanzfläche ist problemlos in den Kapitalismus inkorporierbar, das war zu Zeiten der Love Parade nicht anders. Viele große Namen sind für durchschnittliche Clubs kaum mehr zu stemmen. Da kann man den Richie auch mal im Dorf lassen und eben Leute buchen, die vielleicht sogar interessantere Dinge mit zwei Plattenspielern anstellen.

Helena Hauff zum Beispiel veröffentlicht ratternde Peaktimebomben im Graubereich zwischen Acid, Industrial und Underground Resistance. Sie hat ihren ganz speziellen dunklen Sound gefunden, der trotz Retro-Anleihen ziemlich zeitgemäß ist, und gilt als eine der Entdeckungen der letzten zwei Jahre. Generell geht es im Techno wieder düsterer her, Labels wie Dystopian, L.I.E.S oder Lobster Theremin haben auf unterschiedliche Weisen ihre Lektionen aus den Zeiten der leer stehenden Ruinen gezogen. Der Clubgänger kleidet sich nicht mehr in grellen Neonfarben, sondern trägt existenzialistisches Schwarz.

Doch auch das wird sich wieder ändern, denn die Gegentrends lassen nie lange auf sich warten. Techno hat es in dreißig Jahren immer geschafft, sich neu zu formieren, umzupolen, und die Bassdrum irgendwie am Laufen zu halten. Egal ob Dark Techno oder Happy House – die Idee von Musik als einer universellen Sprache, die sich einen Teufel um Nationalitäten, Geschlechter, Religionen oder sexuelle Orientierungen schert, die eben niemanden ausgrenzt, ist in diesen Zeiten vielleicht aktueller denn je.

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Credits Text: Sebastian IngenhoffFotos: Tilman Brembs / Zeitmaschine.org


4 Kommentare

  1. Red Jordan 12 wrote:

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