Über Michael Rothers ‚Flammende Herzen‘ für Spex

Für die Jubiläumsausgabe der Spex habe ich Michael Rothers Album „Flammende Herzen“ von 1977 besprochen:

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Das erste Soloalbum von Michael Rother ist 1977 erschienen, also drei Jahre vor der ersten Spex-Ausgabe, weshalb es in dieser Zeitschrift nie eine Plattenkritik zu diesem Maximum an Herzschmerz, Kitsch und Opulenz gegeben hat. Einen besonderen Grund, die Platte jetzt zu besprechen, gibt es nicht. Abgesehen davon, dass Liebe ein großes Thema ist in diesen Tagen. Als die Redaktion mich bat, für die Jubiläumsausgabe V.Ö—unabhängig ein ganz besonderes Album zu besprechen, schlug ich also vor, man könne ja was mit Herzschmerz machen. Ich habe Rothers Solowerk jahrelang verschmäht, was vielleicht an den schwer zu ertragenden Albumtiteln lag (die da Namen tragen wie „Sterntaler“ oder „Katzenmusik“), obwohl es mir mehrfach von vielen guten Leuten ans Herz gelegt worden war. Im letzten Liebeskummer landete „Flammende Herzen“ schließlich doch noch auf meinem Plattenteller und hat sich wochenlang nicht mehr da weg bewegt. Warum? Weil man dazu heulen kann wie ein Schlosshund natürlich. Man entschuldige die Schwülstigkeit, aber das Album heißt ja auch „Flammende Herzen“ und nicht etwa „4 bit 9d api+e+6 [126.26]“. Die Stücke funktionieren wie guter Schlager, sind emotional, dick aufgetragen, melodiös, ohne dass eine einzige Zeile gesungen würde.

„Flammende Herzen“ ist gewissermaßen die Antithese zum Proto-Post-Punk von „Hallogallo“, den Rother mit Klaus Dinger unter dem Namen Neu! fabriziert hatte. Auch wenn es keine klassischen Strophe-Refrain-Strukturen gibt, jedes Stück folgt einem klar definierten Thema, das von majestätischen Gitarren in alle Höhen geschwungen wird. Am Schlagzeug sitzt Can-Drummer Jaki Liebezeit, gewohnt pünktlich und präzise wie ein Uhrwerk. Aufgenommen wurde bei Conny Plank, auch er ein Virtuose am Mischpult. Nun ist Virtuosität kein Kriterium für gute Musik, aber dass alle Beteiligten ziemlich genau wussten, was sie da taten, hat dem Album zumindest nicht geschadet. Eingespielt wurde es in zwei Wochen, vielleicht der Grund, warum die Platte derart atmosphärisch dicht und wie aus einem Guss daherkommt. Man spürt die Dringlichkeit in jeder Sekunde. Rother litt seinerzeit an Herzschmerz, weil seine Freundin in Köln studierte, er selbst lebte in Düsseldorf. Für Verliebte sind das Welten, dazwischen liegt ein ganzer Fluss. Die Sehnsucht musste also sublimiert werden und herausgekommen ist eine der emotionalsten Platten, die der sogenannte Krautrock je hervorgebracht hat. Zunächst von mehreren Plattenfirmen abgelehnt, verkaufte sich „Flammende Herzen“ schließlich über 150.000 mal (man kriegt es heute auf jedem Flohmarkt nachgeworfen) und inspirierte Walter Bockmayer, den Meister des kölschen Camp, zum gleichnamigen Film. Auch wenn es einflussreichere Alben von Rother und seinen Bandprojekten gegeben haben mag, so hat auch diese Platte Spuren hinterlassen. „Come on, come on, come on / love’s the greatest thing“, sang Damon Albarn Jahre später in Blurs Gospelballade “Tender”, deren Eingangsakkorde frappant an das Titelstück von „Flammende Herzen“ erinnern. Man mag von Blur halten, was man will. Aber natürlich haben sie damit Recht – Liebe ist das größte Ding. Ich bin übrigens übern Berg. Die Platte steht wieder im Regal und da bleibt sie auch erst mal. Zumindest bis zum nächsten großen Crash.

Interview mit Liturgy für Noisey

Interview mit der New Yorker Band Liturgy für Noisey:

Hunter Hunt-Hendrix hat sich seine Gedanken gemacht, wie eine radikale Soundästhetik aussehen könnte, die sich nicht bloß in maximaler Lautstärke oder Basslastigkeit erschöpft. Das Ergebnis der gut dreijährigen Forschung heißt „The Ark Work“ und ist das dritte Album von Liturgy, deren Chef der Amerikaner mit dem blumigen, aber nicht ausgedachten Namen ist. Vom Black Metal haben sich Liturgy weitgehend verabschiedet und sich aufs Glatteis gewagt – auf dem Album spielen Dudelsäcke, gregorianische Choräle, Esoterik, Fanfaren und Opernverweise eine Rolle.

 

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Dass es sehr wenig erträgliche Dudelsack-basierte Musik gibt, darüber muss man nicht diskutieren. Dass diese Platte trotz Dudelsackpassagen zu den bisher spannendsten des Jahres gehört, ist ein Phänomen für sich und liegt vermutlich daran, dass die Dudelsäcke nur bedingt nach Dudelsäcken klingen. Wie auch die anderen Instrumente auf dem Album nur bedingt nach den üblicherweise damit konnotierten Sounds klingen. Die Dudelsäcke vermischen sich vielmehr mit digitalen Streichern und Bläsern zu pulsierenden Fanfaren, die wie ein Update von Strawinskys „Vorboten des Frühling“ anmuten. Greg Fox drischt auf sein Schlagzeug, als werde er  gleich nach seinen Werken gerichtet, als sähe er die Toten schon vor dem Thron stehen. Und Hunt-Hendrix sprechsingt auf eine rätselhaft sakrale Art und Weise, die manche an Schamanismus, andere ans Johannesevangelium und bestimmt auch wen an marsianische Mönche erinnert hat.

„The Ark Work“ ist ein brachiales Gesamtkunstwerk mit einer eigenen musikalischen Sprache, immer wieder gibt es harmonische, fast meditative Interludes, die den Puls wieder runterfahren. Dann wiederum glaubt man die Beschäftigung mit Jazz heraushören zu können. Was naheliegt, Schlagzeuger Greg Fox hat mit Genregrößen wie Trevor Dunn oder Colin Stetson gespielt, auch sein Nebenprojekt Guardian Alien sei an dieser Stelle ans Herz gelegt.
Auch live sind Liturgy eine Wucht. Es gibt keine Ansagen, kein kumpeliges „Hey Köln, wie geht’s?“. Stattdessen gleich volle Energie. Die stakkatohaften Fanfaren kommen aus der Midi-Gitarre, Hunt-Hendrix Riffs zerreißen förmlich die Luft, Greg Fox knüppelt sein Schlagzeug mit freiem Oberkörper. Nach jedem zweiten Stück wird ihm eine neue Flasche Wasser gereicht, die in Sekundenschnelle wieder leer ist.
Es ist sehr laut. Eigentlich müsste den Leuten das Blut aus den Ohren spritzen, ihre Köpfe sollten explodieren, doch wo man auch hinschaut –selige Gesichter.

„Was ein Brainfuck“, brüllt mir die Kölner Schallplattenschamanin Lena Willikens in die Ohren, die später auf der Afterparty auflegen wird und deren tribalistische Weirdo-Technorhythmen auch Hunt-Hendrix mit großen Augen zurücklassen werden. In der Tat, vermutlich ist Brainfuck der korrekte wissenschaftliche Terminus für dieses Spektakel.

Liturgy spielen im Rahmen der Kölner Experimentalmusik-Reihe „Sounds wrong, feels right“ im kleinen Kellerclub Studio 672. Nach ihnen der belgische Elektronikmusiker Maoupa Mazzocchetti, gefolgt von mehreren DJs. Allesamt patente Brainfucker in ihrem Metier. Dass den Brainfuck des Tages aber Liturgy abgeliefert haben, darüber gibt es kaum Zweifel. Zeit für ein Gespräch mit Hunter Hunt-Hendrix, den Mann mit dem androgynen, hübschen Gesicht und den vielen fixen Ideen.

„The Ark Work“ ist nicht mehr Black Metal, sondern steht für eine Soundästhetik, die sich nicht groß an Vorbildern aufhält. Die Herangehensweise erinnert an den Krautrock der Siebzigerjahre. Bands wie Can oder Neu! ging es darum, eine neue musikalische Sprache zu finden, die nicht kontaminiert ist, die sich freimacht von allem, was man aus der Rockmusik bis dato kannte.

Ich beschäftige mich sehr stark mit der Frage, inwieweit Innovation musikalisch noch möglich ist. Eigentlich leben wir ja im Zeitalter des technologischen Fortschritts, aber in der aktuellen Rockmusik gibt es sehr viele rückschrittliche Tendenzen. Dabei glaube ich schon, dass man auch mit Gitarre und Schlagzeug noch innovative Musik machen kann, sofern man eine etwas offenere Herangehensweise pflegt. Rap, Orchestermusik und auch moderne Philosophie haben auf unserem Album sicher Spuren hinterlassen. Das sind ja drei Dinge, bei denen kein Mensch Schnittstellen sehen würde. Aber die gibt es, man muss sie bloß erarbeiten, indem man ein bisschen tiefer in die Materie eindringt.

Das Album wirkt im ganz klassischen Sinne durchkomponiert. Es gibt viele Parts, die in Wechselwirkung zu anderen Songs stehen, zum Beispiel die wiederkehrenden Fanfaren. Andererseits ist Greg Fox passionierter Improvisator, der sich gerne mal austobt. Stand sich das manchmal im Weg?

Greg und ich kennen uns, seit wir Teenager sind. Seitdem machen wir auch zusammen Musik. Es stimmt schon, das Album ist größtenteils klassisch komponiert worden. Ich habe viel mit Ableton vorgearbeitet, was für mich relatives Neuland war. Manche Schlagzeugparts habe ich auch auf dem Drumcomputer programmiert und Greg hat das dann eben… interpretiert (lacht). Ich glaube, Greg und ich haben über die Jahre unseren eigenen Weg gefunden, das miteinander in Einklang zu bringen. Wie genau das funktioniert soll ein bisschen unser Geheimnis bleiben. Es ist jedenfalls nicht so, dass alles vornotiert sein muss. Es gibt immer Platz für Improvisation.

Ihr habt es sogar geschafft, den Dudelsack zu rehabilitieren. Ein Instrument, das einem eigentlich nur noch auf folkloristischen Mittelaltermärkten begegnet.

Stimmt, es gibt viele Geschmacklosigkeiten in diesem Bereich. Wir wollten uns möglichst weit von dem Klischee weg bewegen. Gerade bei Metal ist so ein Dudelsack extrem cheesy. Bei uns klingt der Dudelsack aber mehr wie ein Synthesizer, etwas Psychedelisches, das sich nahtlos in das Streicherarrangement einfügt. Ich beschäftige mich sehr viel mit klassischer Musik und wollte etwas, das fesselnd ist, das in sich konsistent ist. Das aber vielleicht auch den einen oder anderen vor den Kopf stößt. Ich glaube, Musik wird erst spannend, wenn du dich aus deiner Komfortzone heraus bewegst. Wenn du ein konsistentes, radikales Gesamtkunstwerk schaffst, dann spielt es hinterher keine Rolle mehr, welche Instrumente du benutzt hast. Es muss im Großen und Ganzen Sinn ergeben.

Das Album straft jedenfalls diejenigen Lügen, die behaupten, musikalische Radikalität sei nur noch in der elektronischen Musik möglich.

Das Problem ist ja, dass Radikalität in der elektronischen Musik irgendwann auch an ihre Grenzen stößt. Ich mag sehr gerne, was jemand wie Container macht, der Einflüsse aus Noise und Techno miteinander verwebt. Aber in dem Bereich wurde schon sehr viel ausgereizt, so wahnsinnig neu ist das alles nicht mehr. Es gibt immer noch genügend Grenzen, die nicht ausreichend ausgelotet worden sind. Man darf nicht immer nur das Naheliegende tun, sondern muss etwas riskieren. Es gibt viele Leute, die unser neues Album nicht mögen, weil es mit vielem bricht, für das Liturgy bisher standen. Das ist ihr gutes Recht. Und ich habe absolut keine Ahnung, wie das nächste Album klingen wird. Als wir mit den Arbeiten an „The Ark Work“ fertig waren, dachte ich zuerst: Eigentlich sind wir jetzt an einer Art Endpunkt angelangt. Ich weiß überhaupt nicht, was jetzt noch kommen sollte. Aber das ist natürlich der vollkommen falsche Gedanke. Ich habe mich zuletzt viel mit dem Konzept des Akzelerationismus beschäftigt. Darin geht es ja darum, die Dinge zu beschleunigen. Sich nicht mit dem zufrieden zu geben, was es schon gibt.

Akzelerationismus kenne ich eher als philosophische Praxis zur Überwindung des Kapitalismus, weniger als musikalische Strategie.

Ich glaube, dass philosophische Strategien auch über Musik kommunizierbar sind. Die Frage ist ja: Wie bekommt man die Menschen dazu, dass sie mehr wollen? Dass sie sehen, was möglich ist? Wenn sie sehen, dass in der Musik Revolutionen möglich sind, warum dann nicht auch in der realen Welt? Warum kann es dann nicht auch soziale, politische Innovation geben? Wir befinden uns gerade in einem sehr spannenden Zeitalter und ich fände nichts schlimmer, als in so einem Korsett festzustecken und nicht weiter zu können. Nicht vorwärts zu kommen. Dagegen müssen wir ankämpfen.

Loops & Prototechno für Thump

10 Klassiker loopbasierter Musik inspiriert von Tilman Baumgärtels Buch „Schleifen. Zur Geschichte und Ästhetik des Loops“ für Thump

 

„Du bist so schön wie eine Umlaufbahn, in deiner Wiederkehr, drum lieb ich dich so sehr“, sang der Kölner
Kompakt-Künstler Justus Köhncke 2013 in seiner Hommage an den Loop. Techno und House sind bekanntlich loopbasierte Musiken, die davon leben, dass sich Klänge rhythmisch wiederholen. Die Geschichte des Loops reicht  zurück bis zur Musique concrète. In seinem lesenswerten Buch „Schleifen. Zur Geschichte und Ästhetik des Loops“ schlägt Tilman Baumgärtel den Bogen von den Anfängen loopbasierter Musik bei Pierre Schaeffer und Karlheinz Stockhausen über die amerikanische Minimal Music bis hin zu den Beatles.

 

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Wir haben uns zu einer Playlist von zehn Klassikern loopbasierter Prä-Technomusik inspirieren lassen.

 

Eric Satie – Vexations (1893)

„Vexations“ hat über hundert Jahre auf dem Buckel und gilt als Paradebeispiel repetitiver Musik. Man kann das Stück heute noch im Technoclub auflegen und die Leute würden komplett ausrasten. Naja, nicht ausrasten, aber zumindest tanzen. Gut, vielleicht auch nicht tanzen. Aber sie würden zumindest interessiert gucken. „Vexations“ besteht aus der achthundertmaligen Wiederholung einer Pianofigur und ist damit Techno par excellence, zumindest theoretisch.

Pierre Schaeffer – Études de bruits (1948)

Wie später Steve Reich hegte auch Pierre Schaeffer ein Faible für Züge, die in diesem Musikstück eine zentrale Rolle einnehmen. Der französische Komponist gilt als Begründer der Musique concrète und war einer der Ersten, der mit Field Recordings und Samples arbeitete. Bloß nannte man das damals noch nicht so. Schaeffer mixte Geräusche, Instrumente und Stimmen zusammen und komponierte fast ausschließlich mit vorgefundenem Klangmaterial. Tanzen ließ sich dazu nur bedingt, stilprägend war es allemal.

Karlheinz Stockhausen – Gesang der Jünglinge (1955)

„Gesang der Jünglinge“ zählt zu den bekanntesten Kompositionen Karlheinz Stockhausens und war eines der ersten Werke aus dem Kölner Studio für elektronische Musik des WDR. Stockhausen gilt als Inspirationsquell für Leute wie Robert Moog, der Jahre später die ersten Synthesizer erfand. Stockhausen wird von zahlreichen Elektronikmusikern verehrt, was jedoch auf wenig Gegenliebe stieß. Mit Techno konnte er schlichtweg nichts anfangen, auch komplexeren Stücken von Aphex Twin habe der Rheinländer nichts abgewinnen können, heißt es in Baumgärtels Buch. „Musik als Droge zu benutzen ist dumm“, soll er einst über die elektronische Tanzmusik gesagt haben. Selber dumm, als er den 11. September „als größtes Kunstwerk aller Zeiten“ bezeichnet hat.

John Coltrane – My favourite things (1961)

Eines der schönsten Beispiele aus der Jazzgeschichte stammt von John Coltrane, der zeigt, wie Loops erst durch minimale Variationen so richtig interessant werden. Das Stück ist eines der meistinterpretierten Jazzstücke überhaupt und hat mit seinem repetitiven Groove auch bei vielen House- und Technoproduzenten Spuren hinterlassen.

Raymond Scott – The Music Box (1962)

Raymond Scott gilt als einer der unwahrscheinlichsten Typen, den die Musikwelt je hervorgebracht hat und wird heute noch von HipHop- und Elektronikmusikern gesampelt. Er war maßgeblicher Impulsgeber und Entwickler der ersten Synthesizer und Sequenzer, hat dadaistische Werbejingles komponiert und mit Leuten wie Jim Henson (dem Erfinder der Muppets) gearbeitet. Seine Werbekompostionen klingen jedoch nicht selten wie die totale Verarsche des zu bewerbenden Produkts, wenn nicht gar des gesamten kapitalistischen Betriebs. Viele seiner Jingles wurden mit selbstgebauten Instrumenten komponiert und können als Prototechno aufgefasst werden. Wie dieser Synthesizer-Irrsinn vom Album „Soothing sounds for baby“.

Holger Czukay – Boat Woman Song (1968)

Holger Czukay war vor seiner Zeit als Bassist bei Can Student bei Stockhausen und hat schon früh gelernt, mit Tonbandschleifen zu experimentieren. Der „Boat Woman Song“ findet sich auf Czukays erstem Soloalbum „Canaxis“, auf dem Samples und Musikeinflüsse aus aller Welt verwurstet werden. Kurze Zeit später schrieb er auch mit Can Musikgeschichte. Die Band arbeitete mit Montagetechniken und funktionierte allerlei technisches Gerät zu Synthesizern um. Can waren international sehr erfolgreich und beeinflussten auch Bands wie Radiohead oder Sonic Youth. Einst soll sogar John Lydon von den Sex Pistols im Studio angerufen haben, weil er Can-Sänger werden wollte. Durfte er aber nicht.

Terry Riley – You are no good (1968)

Terry Riley ist nicht nur Begründer der Minimal Music, sondern hat schon Disco-Edits gemacht, lange bevor es Disco und Edits überhaupt gab. Damit darf Riley als Vorreiter von Leuten wie Todd Terje oder sogar Larry Levan gelten, die Jahre später anfingen, die euphorisierenden Passagen von bestimmten Discotracks zu loopen. „You are no good“ basiert auf dem gleichnamigen Soulstück von Harvey Averne und ist als Auftragsarbeit für eine Discothek in Philadelphia entstanden. Riley verdichtet und verschiebt das Original, bis es kaum noch zu erkennen ist. Später erfand der Amerikaner mit dem LSD-getränkten „A rainbow in curved air“ dann Techno und brachte auch die Hippies zum Raven.

Steve Reich – Music for 18 Musicians (1978)

Steve Reich ist nicht nur Pionier in Sachen Tonbandmusik, er hat auch mit echten handgemachten Musikern zusammengearbeitet. In seinem berühmtesten Werk „Music for 18 musicians“ waren es geschlagene 18, die ihre Hörerschaft mit Gesang, Marimba und diversen Instrumenten auf einen gut einstündigen Trip schickten.

Samuel Beckett – Quad (1981)

Ob Samuel Beckett passionierter Raver war, ist nicht überliefert. Bekannt wurde der Literaturnobelpreisträger vor allem durch sein absurdes Theaterstück „Warten auf Godot“. Dabei wird oft vergessen, dass der Ire mit seinem TV-Kunstprojekt „Quad“ die Clubkultur, wie wir sie heute kennen, gewissermaßen vorweggenommen hat. Vier Verpeilte mit Kapuzen tanzen im Viereck und choreografieren sich durchs Quadrat.

Laurie Anderson – O Superman (1982)

 

Das fast ausschließlich auf Vocalsnippets basierende Stück „O Superman“ von Laurie Anderson schaffte es seinerzeit bis auf Platz 2 der UK-Charts und ist einer der bizarrsten Hits aller Zeiten. Man kann das Stück auch heute noch im Club spielen und die Leute würden komplett…naja, siehe oben.

Über Antonia Baums neuen Roman für das Kaput Mag

Interview mit Antonia Baum für das Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop – Magazin

(erschienen April 2015)

Foto: © Mathias Bothor/photoselection

 

                       „Ich will eigentlich immer nur schlafen“

Mit ihrem neuen Roman „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“ war Antonia Baum auf der Lit.COLOGNE zu Gast. Sebastian Ingenhoff traf die Berliner Schriftstellerin und Journalistin zum Gespräch über HipHop, Opferwesen und Karrieremonster.

 

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„Die Elite in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft liest die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, wirbt die Zeitung auf ihrer Webseite und unterschlägt dabei, dass auch wir kleinen Leute gerne mal die F.A.S. lesen.
Den Politikteil, um zu wissen, was krass ist. Den Sportteil, wegen der Tabellen und Ergebnisse. Den Fernsehteil, wegen abends. Das Feuilleton, wegen Antonia Baum hauptsächlich.

Antonia Baum schreibt quicklebendige In yer face – Artikel über Dinge, die wichtig sind im Leben – wie HipHop, Feminismus, Jobcenter – und legt sich auch mal mit Leuten wie Ulf Poschardt an. Der Welt-Redakteur hatte sich seinerzeit via Facebook über Lann Hornscheidt mokiert, jenen Professor für Gender Studies, der sich nichts wünschte als geschlechtsneutral mit Profx. angesprochen zu werden. Es folgte ein beispielloser Shitstorm, in dem sich die Opinion Leader von Welt, FAZ und Konsorten nicht entblödeten, kollektiv auf das geschlechtslose „Opferwesen“ Hornscheidt einzudreschen. Poschardt mittendrin. Antonia Baum wiederum verfasste eine furiose Replik auf den Shitstorm, die haarklein aufzeigte, wie digitales Mobbing in der feuilletonistischen Szene funktioniert, und scheute sich nicht, Kollegen aus der eigenen Zeitung zu dissen, die sich daran beteiligt hatten.

Sie selbst hat ihre eigenen Erfahrungen mit Shitstorms und Kritik gesammelt. 2011 ist sie mit einem Auszug aus ihrem ersten Roman „Vollkommen leblos, bestenfalls tot“ beim Bachmann-Preis in Klagenfurt angetreten und gnadenlos verrissen worden.
Bloß eine weitere Jungautorin, die sich an Thomas Bernhard verhebe, war so grob der Tenor der Jury. Tatsächlich scheinen einige ihrer frühen Texte inspiriert von den neverending Schachtelsatzkaskaden des österreichischen Grantlers, der Zeit seines Lebens Dinge, Orte, Menschen zu beschimpfen wusste. Auch von Antonia Baum gibt es eine legendäre Ortsbeschimpfung. Sie heißt „Dieses Stück Germany“ und ist im Januar 2014 in der F.A.S. erschienen. Es geht um den Odenwald, darum, wie schrecklich es ist, in der Provinz aufzuwachsen, wenn man keine Lust hat, in der Provinz aufzuwachsen.

Doch die Odenwalder waren ernsthaft beleidigt und trieben die mittlerweile nach Berlin übergesiedelte Autorin per Shitstorm durchs Dorf.
Dabei hätte es auch jedes andere Kaff treffen können, versichert sie im Gespräch: „Den gleichen Text hätte ich wahrscheinlich auch geschrieben, wenn ich irgendwo in Bayern aufgewachsen wäre. Wenn es so eng ist und provinziell, dann muss man als junger Mensch einfach ausflippen. Ich habe überhaupt nicht diesen ausgeprägten Heimatbezug, so etwas geht mir völlig ab.“

HipHop, Serien und Bücher halfen ihr jedenfalls, Jugend und „Odenwaldhölle“ zu überstehen. Raptexte seien überhaupt der wichtigste Einfluss auf ihr Schreiben. Aktuell ist Kendrick Lamar, dessen neues Album „To pimp a butterfly“ auch hier gewürdigt wurde, das Maß aller Dinge. „Das ist einfach Literatur. Ich finde es unglaublich, was für Welten und Geschichten da drinstecken, mit welcher Komplexität da erzählt wird. Das ist Musik, die dir hilft, dich gerade zu machen, weiterzugehen, auch wenn es dir vielleicht schlecht geht und du eigentlich nur traurig sein möchtest“, sagt sie und beschreibt zugleich auch das Leben der drei sieben- bis zwölfjährigen Helden ihres zweiten Romans „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“.

Kinder, die sich permanent gerade machen müssen, obwohl alles im Arsch ist und das Familienoberhaupt ein Idiot.
Romy, Clint und Johnny sind Geschwister und leben bei ihrem alleinerziehenden Vater Theodor, einem notorischen Blender und Phrasendrescher, der eigentlich Arzt ist, sich aber hauptsächlich als Kleinkrimineller, Schrottunternehmer und Autoverkäufer verdingt. Theodor ist viel zu sehr mit seinem eigenen Leben beschäftigt, als dass er sich um seine Kinder kümmern könnte, die sich dementsprechend selbst erziehen müssen. Erzählt wird aus der Perspektive der anfangs siebenjährigen Romy, die für ihr Alter erstaunlich reflektiert und hellsichtig ist.

Ihre Angst, dass das Jugendamt Theodor ihnen eines Tages wegnimmt, weil der das Familienleben nicht auf die Reihe bekommt, ist nicht ganz unbegründet. Theodor ist eine auf den ersten Blick unwahrscheinliche Figur. Wie in einer guten amerikanischen Serie, wo Lehrer den äußeren Umständen geschuldet eben auch mal Drogenchefs werden können, wird Theodor jedoch vollkommen plausibel gezeichnet. Der cinematische Stil erinnert manchmal an Susan E. Hintons Coming of Age- Drama „The Outsiders“, in dem jugendliches Kleingangstertum eine gleichfalls wichtige Rolle spielt.

Der amerikanischen Erzähltradition fühle sie sich sowieso viel mehr verpflichtet als der deutschen, sagt sie: „In Deutschland misstraut man Kitsch und Pathos. Das hat natürlich auch historische Gründe, aber ich habe das Gefühl, man traut sich gar nicht mehr so richtig, Geschichten zu erzählen. Man liest so Innerlichkeitskram, wo es eigentlich nur um Selbstverwirklichung geht in einem sehr abgesicherten Milieu. Ich wollte aber eine Geschichte erzählen, die sich nicht im Inneren abspielt, sondern durch existenzielle Bedrohungen von außen vorangetrieben wird.“

Romy, Johnny und Clint verdingen sich ihrerseits als Kleinkriminelle, weil der Vater sein Geld lieber in Autos und Prestigeobjekte investiert, statt in Kleidung und Verpflegung für die Kinder. Denn die sollen gefälligst lernen, sich durchzuboxen. Die Angst vor der Verwahrlosung schweißt die Drei zusammen und lehrt sie Solidarität. Theodor hingegen stößt mit seinem Egoismus an Grenzen. Das mag man als Message verstehen.

Doch „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“ ist kein Roman, der moralisch belästigt, sondern in erster Linie eine kurzweilige Geschichte, in der Autos in die Luft fliegen, Vogelspinnen und Giftschlangen durch Wohnungen krabbeln, und sich knallharte Schutzgelderpresser als herzensgute, schutzbedürftige Wesen entpuppen. Dass Antonia Baum zugleich eine Welt beschreibt, in der es Milieuunabhängig keine Sicherheiten gibt, in der die Angst vor dem sozialen Abstieg allgegenwärtig ist, in der niemand vor dem Absturz gefeit ist, ist natürlich vollkommen realistisch.

Einer ihrer jüngsten F.A.S.-Artikel „Die Angst in den Augen der Frauen“ beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern das omnipräsente Bild der sich permanent durchsetzenden Karrierefrau, die immer weiter nach oben will, überhaupt als Idealbild für junge Mädchen taugen sollte. Ausgangspunkt ist das Buch „Unsagbare Dinge“ der britischen Feministin Laurie Penny. Wäre eine Welt, in der Frauen (und Männer und überhaupt alle) sich nicht ständig auf Kosten anderer durchboxen müssen, nicht viel erstrebenswerter? Liegt der Fehler vielleicht grundsätzlich in einem Wirtschaftssystem, das auf Ausbeutung und Profit basiert? Gibt es keine besseren Alternativen? Ängste, dass sich die Autorin ihrerseits in ein Karrieremonster verwandeln könnte, scheinen jedenfalls unbegründet. „Mir ist dieses ständige Sich-behaupten-müssen einfach viel zu anstrengend. Ich will eigentlich immer nur schlafen“, sagt sie und verschwindet auf ihr Hotelzimmer, um sich vor der Lesung noch eine Stunde aufs Ohr zu hauen.

Special über Musikalben für Wired

Vierteiliges Special für Wired über die Entstehung von Musikalben, die idealen Produktionsbedingungen, das Format des Albums und  die ökonomischen Notwendigkeiten mit Oracles, Keshav Purushotham und Philipp Janzen (Von Spar).

 (Februar 2015)

Fotos: Tobias Vollmer

 

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Das Musikalbum gilt nach wie vor noch als Königsdisziplin, an der man sich als Band messen lassen muss. Doch wie kommt ein Album zustande und was macht das Format aus? Zusammen mit vier Bands und Musikern gehen wir in einer mehrteiligen Reportage der Frage nach, wie und warum man 2015 ein Album produziert, wie die ökonomischen Voraussetzungen dafür aussehen und was es im digitalen Zeitalter sonst noch zu beachten gilt.
Wired-Autor Sebastian Ingenhoff betreibt gemeinsam mit Roland Wilhelm die Elektronikformation Camp Inc., die seit Herbst 2014 in den Kölner Gotteswegstudios an ihrem Debütalbum feilt. Ex-Timid Tiger Sänger Keshav Purushotham und Marius Lauber alias Roosevelt sind am gleichen Ort mit Aufnahmen beschäftigt. Philipp Janzen hat mit seiner Band Von Spar im November 2014 das Album „Street Life“ veröffentlicht, das ebenfalls in dem Studiokomplex in der Kölner Südstadt eingespielt wurde, und probt mit den Bandmitgliedern für die im April anstehende Tour. Auch in der Runde: Hanitra Wagner und Dennis Jüngel von der Köln-Berliner Band Ωracles, die im Februar mit den Aufnahmen zu ihrem Debüt beginnen wird. Alle Alben (mit Ausnahme des bereits erschienen Von Spar-Albums „Street Life“) sollen im Sommer / Herbst 2015 erscheinen.

 

Der Kölner Gotteswegstudiokomplex bietet mit seinen sechs Studioräumen nicht nur gute Aufnahmemöglichkeiten, sondern auch genügend Raum zur Prokrastination. Im großen Eingangsbereich gibt es eine kleine Küche mit vollautomatischer Kaffeemaschine, einen Flachbildfernseher, einen großen Tisch (früher konnte man hier sogar Billard spielen) und eine gemütliche Ledercouchecke, in der man sich stundenlang fläzen kann, ohne einen einzigen Ton eingespielt zu haben. Ideale Voraussetzungen zum grübeln und verzweifeln, weil ein Demo mal wieder nicht so klingt, wie es morgens noch in der Kopfdisco geklungen hat. Weil die Anatomie des Stückes noch nicht stimmt, wie Michael Jackson gesagt hätte. Mit der Anatomie eines Songs ist es so eine Sache.
Es gibt Menschen, die mit acht Klangspuren und simpelsten Mitteln maximalen Raum erzeugen können. Andere brauchen hundert Spuren und man kann keine einzige davon weglassen, weil sonst alles zusammenbricht.

In seinem Essay „Michael“ beschreibt der amerikanische Autor John Jeremiah Sullivan wunderschön, wie der junge Michael Jackson seinem Idol Stevie Wonder im Studio stundenlang über die Schulter schaut, um zu verstehen, was es ist, das die Musik in Bewegung setzt. Er selbst fand seinen eigenen Weg, die Musik in Bewegung zu versetzen und tanzte zwischen den Gesangspart permanent im Aufnahmeraum herum, schaffte es aber mit verblüffender Präzision, immer wieder rechtzeitig vor dem Mikro aufzutauchen.

Gewissermaßen ist unser Philipp Janzen unser Stevie Wonder. Der Kölner ist Schlagzeuger der Band Von Spar, darüber hinaus Produzent zahlreicher weiterer Künstler und Mitbetreiber des Dumbo Studios, eines von insgesamt sechs in dem Gebäude. Mit der Elektronikformation Camp Inc. sind wir hier seit Herbst letzten Jahres mit den Aufnahmen an unserem Debütalbum beschäftigt. Vor dem Einzug hatten wir so gut wie keine Ahnung, wie man in einem Studio überhaupt arbeitet. Auch im Umgang mit Standard-Musikprogrammen wie Logic oder Ableton waren wir eher Amateure. Die erste EP hatten wir noch in klassischer DIY-Manier mit simpelsten Mitteln im Schlafzimmer produziert. Im Laufe der letzten Monate hat sich die Arbeitsweise ein bisschen geändert und nun sind die ersten Demos im Kasten. Natürlich war es hilfreich, den Profis über die Schulter zu schauen.

Philipp Janzen ist zwar auch Autodidakt, hat aber jahrelange Erfahrung als Produzent und Klanganatom. Der Von Spar-Musiker hat sich das Produzieren selbst beigebracht, indem er seinerseits den Profis über die Schulter geguckt hat. Zusammen mit den weiteren Bandmitgliedern Sebastian Blume, Christopher Marquez und Phillip Tielsch produziert er die Von Spar-Alben mittlerweile nicht nur in Eigenregie, sondern sitzt regelmäßig auch für andere Bands an den Reglern. Daneben spielt er als Tourdrummer für internationale Künstler wie Owen Pallett, The Field oder Scout Niblett.

Janzen hat die goldenen Jahre der Musikindustrie, als man mit Musikalben noch richtig Geld verdienen konnte, um ein Haar verpasst. Das Von Spar-Debüt „Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative“ erschien 2004 auf dem mittlerweile insolventen Hamburger Label Lage d’Or. Zwar nur ein mittelgroßer Indiebetrieb, aber mitverantwortlich für den Hype um die sogenannte „Hamburger Schule“. Das in den Neunzigern von Carol von Rautenkranz und Pascal Fuhlbrügge gegründete Label machte Bands wie Tocotronic oder Die Sterne bekannt, ehe diese von großen Majorlabels abgeworben wurden. 2007, just in jenem Jahr, als das zweite Von Spar-Album erscheinen sollte, ging Lage d’Or pleite.
Von der Krise der Musikindustrie kann Janzen also ein Lied singen. Mit seiner damaligen Zweitband Urlaub in Polen (mittlerweile aufgelöst) stand er seinerzeit sogar kurz davor, bei einem Majorlabel zu unterschreiben. Der Deal hatte sich jedoch im letzten Moment zerschlagen: „Wir hatten quasi einen dicken Vorschuss wie eine Karotte vor der Nase hängen und hätten eigentlich nur noch unterschreiben brauchen. Im nächsten Moment sind alle A&Rs, mit denen wir zu tun hatten, gefeuert worden. An einem Tag in ganz Deutschland. Das war so mein erster Berührungspunkt mit der digitalen Revolution“, sagt der mittlerweile 39-jährige.
Aufgegeben hat er freilich nie.
In den vergangenen 15 Jahren hat Janzen mit Von Spar und Urlaub in Polen insgesamt 8 Alben veröffentlicht und auf zahllosen weiteren als Gastmusiker oder Produzent mitgewirkt.

Auch in den Gotteswegstudios helfen sich die Künstler gegenseitig. Man spielt eine Hi-Hat für den anderen ein, übernimmt einen Gesangspart oder hilft sich beim Abmischen.

Bei Janzen hat sich mittlerweile eine gewisse Routine eingestellt. „Das Album ist eben nach wie vor das Format, mit dem man sich als Band präsentiert. Da denkt man gar nicht mehr groß drüber nach. Als ich früher so mit Achtzehn die Spex gelesen habe, war es einfach ganz naiv das Ziel, da irgendwie reinzukommen. Man dachte, dann hat man es geschafft. Die einzige Möglichkeit, medial aufzutauchen, ist die des Albumformats. Nur mit einem Album kann man Presse generieren. Nur wenn man Presse generiert, kann man live spielen, und wenn man live spielt, kann man Geld verdienen.“
Von Spar veröffentlichten kürzlich ihr viertes Album „Street Life“ auf dem kleinen Berliner Label italic. Vorschüsse gab es keine, dafür schaffte man es aber mal wieder in die Spex. Die zeigte sich begeistert von „synthetisch-schwelgerischen Discostreichern zwischen körperbetontem Motown-Glitzern und dandyhaft aufgepimpter Münchener Freiheit“ und konstatierte, die Band betreibe ein „kulturelles Vorwärts-Recycling“. Im April geht es wieder auf Tour.

 

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(Keshav Purushotham)

 

Auch Keshav Purushotham betreibt gerade kulturelles Recycling. Der ehemalige Timid Tiger-Sänger residiert in dem kleinen, dem Dumbo Studio gegenüberliegenden Raum. Das Studio teilt er sich mit dem Rest der Formation, die derzeit eine kreative Pause einlegt. Timid Tiger hatten ihr Debütalbum 2005 ebenfalls auf Lage d’Or veröffentlicht. Die Single „Miss Murray“ war ein kleiner Indiehit, das Album wurde sogar in Japan veröffentlicht. Wie zuvor Tocotronic und Die Sterne wurden auch Timid Tiger von einem Majorlabel abgeworben.
Das zweite Album „Timid Tiger & the Electric Island“ erschien 2010 bei Four Music / Columbia, entsprach jedoch in Sachen Verkaufszahlen nicht den Erwartungen. „Da zeigte sich so diese typische Schattenseite des Majorbusiness. Es war wirklich hart zu sehen, wie viel Geld da reingepumpt wurde und wie das alles fehlgeschlagen ist. Wir dachten, das sei jetzt unser großer Popentwurf, aber das Konzept ging leider null auf“, resümiert Purushotham.

Derzeit sind die Uhren wieder auf Null gestellt. Inspiriert von einer Indienreise im vergangenen Jahr arbeitet er derzeit an seinem Soloalbum. Frei von allem Druck. „Indien ist meine musikalische Heimat und ich hatte ganz viele Ideen mitgenommen. So Songskizzen. Das hätte ich natürlich auch in Köln machen können, aber es ist schon was anderes, mit der Ukulele in der Sonne in der Hängematte zu liegen, ein ganz anderes Gefühl. Ich habe zum Beispiel Aufnahmen mit meinen indischen Cousinen gemacht und ganz viele verschiedene Instrumente aufgenommen. Ich mach mir aber keinen Stress. Ich möchte einfach nur einen schönen kleinen Release machen“, gibt er sich bescheiden.
Einen Titel für das Album gibt es noch nicht, aber innerhalb der nächsten Wochen soll alles stehen. Dann wird er sich auch Gedanken um ein Label machen, bei dem das Ganze erscheinen könnte. Die ersten Demos und die kürzlich absolvierte erste Soloshow stimmen nicht nur den Künstler euphorisch. Denn tatsächlich könnte es sich um ein Album handeln, über das man 2015 noch sprechen wird.

Auch für Ωracles dürfte die Labelsuche kein allzu großes Problem werden. Die Köln-Berliner Band gilt als eine der Entdeckungen des letzten Jahres und hat im Zuge ihrer ersten EP schon auf vielen Festivals gespielt. Pete Doherty outete sich im britischen NME als Fan der fünfköpfigen Band und lud sie für eine Support-Show nach Kopenhagen ein. Geht es nach Hanitra Wagner und Dennis Jüngel, dann soll ihr Debütalbum noch diesen Sommer folgen, obwohl mit den Aufnahmen nicht mal angefangen wurde. Im Februar wird man sich für drei Wochen auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein einschließen und, losgelöst von der Außenwelt, konzentriert in einem Rutsch aufnehmen. „Das war so unsere Idealvorstellung, dass man einen Ort hat, wo man seine Ruhe hat, und Tag und Nacht arbeiten kann. Drei Wochen sind keine lange Zeit, aber ich bin sicher, dass wir das zeitlich hinbekommen, weil die Songs schon seit geraumer Zeit in unseren Köpfen herumschwirren. Wir müssen das jetzt nur ausformulieren“, gibt Hanitra Wagner das Ziel vor. Damit sind Ωracles die einzige Band in der Runde, die sich für einen festen Zeitraum ein Studio einrichtet.

Teil 2: Das Studio

 

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(Hanitra und Dennis von Oracles)

Ob in klassischer Bedroom-Produzentenmanier, live in der Garage oder einem akustisch optimierten Tonstudio – Musik lässt sich auf vielerlei Arten aufnehmen. Es gibt großartige Platten, die mit bescheidenen Mitteln im heimischen Schlafzimmer entstanden sind, auf der anderen Seite rettet die beste Aufnahmetechnik noch keinen schlechten Song. Bedroom Produzenten wie James Blake oder Chet Faker füllen mittlerweile die Headlinerslots der großen Festivals. Liegt die Zukunft der Musik also im Homerecording?

 

Viele Musiker, gerade aus dem Bereich der elektronischen Musik, verzichten auf ein Studio und nehmen in Heimarbeit auf. Denn die neueren Musikprogramme ermöglichen auch Produzenten mit ungefährem Halbwissen ein relativ gutes Arbeiten.

Für Von Spar-Schlagzeuger Philipp Janzen bleiben die Möglichkeiten des Homerecordings dennoch limitiert. „Ich glaube, dass ein guter Raumklang unabdinglich ist. Nur so kann man auch beim Mixen einen guten Sound erzielen. In einem Zimmer, wo akustisch nichts gemacht ist, kann man nur schwer akkurat arbeiten und vertut sich leicht. Wir sind Soundfetischisten und wollten einen Raum, wo man auch detailliert an Klängen arbeiten kann. Alles in allem kann man schon sagen, dass wir an der Soundästhetik von ‚Street Life‘ gut drei Jahre gefeilt haben. Das wäre ohne das eigene Studio nicht möglich gewesen“, sagt er.

Nach wie vor mieten sich entsprechend viele Musiker für die Albumarbeiten in ein professionelles Tonstudio ein und ziehen oft einen Produzenten als Berater hinzu. Andere errichten sich ihr eigenes akustisch optimiertes Refugium und machen alles selbst.
Die Vorteile des eigenen Studios scheinen klar: Man kann permanent produzieren und hat keinen Druck, in einem festgelegten Rahmen eine Platte fertig stellen zu müssen. Mietet man sich irgendwo ein, bleiben maximal drei bis vier Wochen, in denen alles eingespielt sein muss. Vielmehr kann sich eine Band im Regelfall nicht leisten. Da bleibt wenig Zeit, die Abende mit ein paar Flaschen Wein zu vertrödeln, man sollte einigermaßen fokussiert arbeiten. Das kann je nach Bandkonstellation auch ein Vorteil sein, denn die Krankheit unserer Tage heißt Prokrastination, und wer keinerlei Zeitdruck hat, ist akut gefährdet.

Ωracles werden sich ab Februar für drei Wochen ein Studio auf einem Bauernhof in der Nähe von Kiel einrichten. Sorgen, dass die Zeit zu knapp kalkuliert sei, machen sie sich keine. Joshua, Nils, Hanitra, Dennis und Niklas spielen oder spielten nebenher in Formationen wie Stabil Elite, Vomit Heat, beat!beat!beat! oder Lingby und haben einiges an Produktionserfahrung sammeln können. Auch seien die Songs soweit grobskizziert, dass man sie problemlos in drei Wochen aufnehmen könne, sagt Hanitra Wagner. Zwölf bis fünfzehn sollen es insgesamt werden, von einigen gibt es schon fertige Demos, bei denen bloß noch ein paar Spuren ausgetauscht werden müssen.
Auf einen Produzenten wollen sie verzichten. Auf ein Studio nicht. Darüber hinaus wird aber vorab im Schlafzimmer produziert. „Joshua und Nils sind unsere Produzentenfreaks, die eh permanent Skizzen bei sich zu Hause aufnehmen. Da hat man also schon einen gewissen Pool an Sounds und kann sich die Rosinen rauspicken. Man entwickelt relativ schnell gemeinsam Ideen, wie ein Stück weiterentwickelt werden könnte. Das entsteht aber mehr so intuitiv. Ein externer Produzent würde eher das Gefüge durcheinander bringen“, erklärt Dennis, der derzeit selbst Musikproduktion an der Musikhochschule Köln studiert.

Von Spar arbeiten in ihrem eigenen Dumbo Studio, das sie sich im Zuge des vorletzten Albums „Foreigner“ eingerichtet haben. Das Studio ist zwar klein, aber gut ausgestattet. Es gibt ein großes, auf den ersten Blick leicht antiquiert wirkendes Mischpult, vier gute Abhörmonitore und jede Menge Synthesizer der Firmen Korg, Roland und Konsorten, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben. Dazu Drum Maschinen, Schlagzeug, Gitarren.

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(Philipp Janzen)

Mittlerweile teilt man sich den Raum mit zwei weiteren Parteien. Marius Lauber alias Roosevelt arbeitet an seinem Debütalbum, das im August beim britischen Label Greco Roman erscheinen wird. Er ist mit den Aufnahmen so gut wie fertig und derzeit viel unterwegs, da auch als DJ aktiv und international viel gebucht. Die dritte Partei sind wir. Marius ist tendenziell eher tagsüber da, wir meistens abends. Die Koordination erfolgt über einen Kalender, in den man sich einträgt. Bei der Übergabe raucht man noch gemeinsam eine Zigarette und tauscht sich über den Status Quo aus.

Dass zwischen zwei Von Spar-Alben schon mal vier Jahre vergehen, ist weniger künstlerischer Faulheit, als vielmehr ökonomischen Notwendigkeiten geschuldet. Mittlerweile produzieren sie nicht nämlich nur ihre eigenen Platten selbst, sondern komponieren Filmsoundtracks oder sitzen auch für andere Musiker an den Reglern, was zunehmend zum Nebenerwerb wird.

„Mit Studioequipment zu arbeiten, Klänge mit dem Computer zu verfremden, das sind ja alles Sachen, die man eigentlich immer schon gemacht hat. Man ist eben nur nicht auf die Idee gekommen, dieses ganzen Know How, das man sich über die Jahre erarbeitet hat, auch mal anzuwenden. Wir hatten zuvor ja schon mehrere Alben gemacht und man lernt eben dazu, wenn man mit jemand anderem im Studio ist. Letztendlich ist das wie ein Praktikum. Man sieht, wie der Produzent arbeitet und kann sich Sachen abgucken. Irgendwann ist man selbst so eine Art Produzent“, sagt Schlagzeuger Philipp Janzen.

Auch Keshav Purushotham gehört zu jenen Künstlern, die sich das Produzieren selbst drauf geschafft haben. Seit bald zwei Jahren sitzt er an seinem Soloalbum und verbringt fast jeden Tag im Studio. Er fände es gar nicht schlecht, jemanden zu haben, der ihm die Pistole in den Nacken setzt. „Ich lasse mich schon sehr leicht ablenken. Meistens bin ich so gegen Mittag im Studio, aber oft kommt es vor, dass ich bis abends gar nichts auf die Reihe bekomme. Man trödelt halt so rum. Dann zieht sich das Arbeiten schon mal bis nachts, was eigentlich gar nicht schlecht ist. Denn nachts kann ich ganz gut arbeiten. Nur auf Dauer ist das natürlich keine Lösung, weil sich der Biorhythmus völlig verschiebt“, räumt er ein.
Den Großteil des Albums hat er alleine eingespielt, für die finale Phase möchte er jedoch gerne mit „frischen Ohren“ zusammenarbeiten, wie er sagt. So sollen einige Parts mit befreundeten Musikern neu aufgenommen werden, auch das Abmischen möchte er mit jemandem machen, der unbefangen an die Sache rangeht. „Das Album sollte ja wie ein Gesamtwerk klingen, und nicht wie eine Ansammlung von Songs. Ich möchte nicht, dass sich so Platzhalter einschleichen. Da ist es schon hilfreich, jemanden zur Hand zu haben, der einen etwas nüchterneren Blick auf die Sache hat“, gibt er das Ziel vor.

 

Teil 3: Das Albumformat

 

„Zehn oder zwölf aneinandergereihte Songs ergeben noch lange kein Album. Einzelne Songs schreiben kann man immer, aber ein zusammenhängendes Album zu machen, ist deutlich schwerer. Ein Lehrling kann vielleicht gut Beine für Tische drechseln, aber noch keinen ganzen Tisch bauen. Wenn du deine Prüfung bei der Schreinereiinnung machst, dann muss aber der ganze Tisch her und nicht bloß ein gedrechseltes Bein“, sagt Philipp Janzen.

Rein formal gesehen sind die Ansprüche an ein Album relativ gering. Es sollte mindestens fünf Songs oder eine Spielzeit von mehr als 23 Minuten haben, damit es den Richtlinien der deutschen Musik-Charts entsprechend als Album gilt. Andernfalls handelt es sich um eine EP. Somit würde die im letzten Jahr erschienene „Stanford Torus“-EP von Ωracles sogar als Album durchgehen. Darauf finden sich nämlich sechs Songs mit einer Spielzeit von mehr als 24 Minuten.

Mit den formalen Vorgaben kann man auch seine Spielchen treiben. „The Punch Line“, das erste Album der kalifornischen Post-Hardcoreband Minutemen, verballert achtzehn Songs auf einer Gesamtlänge von knapp fünfzehn Minuten. Kraftwerks „Autobahn“, eines der stilprägendsten Elektronikalben überhaupt, hat lediglich fünf Songs, von denen aber alleine das Titelstück eine ganze Schallplattenseite füllt. Beides Klassikeralben, die heute noch gehört werden. Doch wie wird ein Album zum Klassiker? In Zeiten von Streamingdiensten sind viele Musiker froh, wenn ihr Album überhaupt noch in voller Länge durchgehört wird, und nicht bloß Einzelsongs in Playlists landen.

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Andererseits schauen die Leute ja auch Serien, über mehrere Staffeln hinweg, monatelang, jahrelang. Warum sollte es so schwer sein, jemanden für ein Musikalbum zu begeistern, das im Zweifelsfall nicht länger als 24 Minuten sein muss?
„Ein Album muss eine Klammer haben, und das ist die Durchhörbarkeit. Es darf keinen Samplercharakter haben. Andererseits sind gerade wieder so Konzeptalben im Kommen, die komplett auf Eintönigkeit angelegt sind. So etwas wie Arca. Da geht es nur um reine Soundästhetik, die hochpoliert wird. So Sachen laufen schnell Gefahr, zu Accessoiremusik zu verkommen. Das ist eine Gratwanderung“, sagt Philipp Janzen. Dass die Produktionen des venezolanischen Klanginstallateurs Arca, der es mit Arbeiten für FKA twigs, Björk und Kanye West zu Ruhm gebracht hat, irgendwie diffus den Zeitgeist widerzuspiegeln scheinen, darauf können sich alle einigen.

Darauf, dass ein Album im Idealfall nicht nur durchhörbar sein sollte, sondern eine gewisse Dramaturgie haben muss, die den Hörer packt, sich vielleicht aber erst beim vierten, fünften Hören vollständig erschließt, auch. Nur wie kommt diese zustande?

„Man kann das nicht immer genau benennen, warum ein Song zu einem Album passt und der andere nicht. Warum die Songs in genau der Reihenfolge Sinn ergeben und in einer anderen nicht. Das ist mehr so eine Art Bauchgefühl, dass man denkt, etwas ist stimmig und rund. Oft gibt es das Problem, dass man einen Song ganz großartig findet, der aber partout nicht ins Gesamtkonzept passen will. Weil er das Album in eine ganz andere Richtung lenken würde. Dann muss man sich davon trennen“, sagt Dennis Jüngel von Ωracles.

Man sammelt also erst mal jede Menge Holz, bevor daraus ein Tisch wird. Im Idealfall hat man eine wesentlich größere Zahl an Demos, als für das Album benötigt wird. „Irgendwann kommt man dann an einen Punkt, wo alles in eine bestimmte Form gebracht wird. Wo man erst merkt, welche Parts miteinander harmonieren und wo man vielleicht noch etwas austauschen muss. Wir hatten viel mehr Material, als auf dem Album gelandet ist. Die Stücke haben wir an befreundete Musiker geschickt und Feedback eingeholt. Es ist schon wichtig, auch mal aus seinem Künstlerego auszusteigen und sich beraten zu lassen, gerade wenn man ohne Produzenten arbeitet. Auf die Art haben wir überflüssige Songs aussortiert und so hat sich schließlich das Album herauskristallisiert“, erläutert Janzen.

 

Teil 4: Ökonomische Notwendigkeiten

 

Geht es nach Steve Albini, dann herrschen paradiesische Zeiten für Musiker und Musiknerds. Im Zuge der „Face the music“-Konferenz in Melbourne trug der amerikanische Produzent kürzlich die „alte Musikindustrie“ zu Grabe und erklärte: „The internet has solved the problems with music.“

Noch nie sei es so leicht gewesen, Musik zu entdecken und zu veröffentlichen wie im digitalen Zeitalter. Die alte Musikindustrie habe ohnehin nur die falschen Leute reich gemacht, ein verkrustetes System, in dem viel zu viel Geld sinnlos verbrannt worden sei. Zeit also für ein neues Modell. Durch die Digitalisierung hätten es die Musiker selbst in der Hand, ein größeres Publikum zu erreichen, zudem böten sich neue Möglichkeiten der Selbstorganisation. Das Geld werde durch Touren eingespielt. Damit spricht er den Haken an der Sache an. Das Geld kommt tatsächlich meist durch Auftritte rein, alleine durch Alben kann sich kaum noch ein Musiker finanzieren. Die von Streamingservices wie Spotify ausgezahlten Beträge sind gering, und auch mehrere zehntausend Plays auf Youtube sind lediglich symbolisches Kapital. Um aber auf Tour gehen zu können, braucht es ein Album. Um ein Album aufnehmen zu können, braucht es Geld.

Keshav Purushotham und Philipp Janzen haben Zeiten erlebt, in denen selbst mittelgroße Indielabels Vorschüsse gezahlt haben, von denen man ein paar Monate leben und in Ruhe arbeiten konnte. Ein enormer Luxus, doch die Zeiten sind vorbei. Kaum ein Label dieser Größenordnung zahlt noch Vorschüsse.

Steve Albini hat in seinem Leben mehrere tausend Alben produziert, darunter Nirvanas „In Utero“. Übermäßig reich oder berühmt geworden ist er nie, dennoch dürfte er ein solides Auskommen haben. In Chicago betreibt er nach wie vor sein eigenes Studio und produziert Musik. Man kann ihn für 750 US-Dollar Tagessatz mieten.

 

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(Camp Inc.)

 

Davon ist man im Dumbo Studio weit entfernt. Rein von der Musik leben kann bei Von Spar keiner. Zwar haben Philipp Janzen und seine Mitstreiter Platten renommierter Künstler wie The Field, R. Stevie Moore oder Aydo Abay aufgenommen oder produziert, doch das allein sichert nicht die Miete. Janzen gibt nebenher Musikunterricht, lehrt an der Folkwang Universität der Künste und komponiert Musik für Imagefilme. Eine Mischkalkulation eben. Bald geht es wieder auf Tour.

„Helge Schneiders Film ‚Jazzclub‘ hat das ja perfekt illustriert –du gehst morgens Zeitungen austragen, danach Fische verkaufen auf dem Fischmarkt, nachmittags gibst du den Gigolo für reiche Frauen, und abends kannst du endlich in den Jazzclub musizieren“, beschreibt der 39-jährige den Lebensalltag vieler heutiger Musiker.

Ωracles haben im letzten Jahr einen mit 10.000 € dotierten Musikpreis gewonnen, der fast komplett in das Album fließen wird. Natürlich ein Geldsegen, der nicht jeder Band zuteil wird.
„Wir schauen erst mal, dass jeder über die Runde kommt. Wenn jemand gerade finanzielle Nöte hat, kann der sich auch mal was auszahlen lassen. Aber das Geld reicht auf jeden Fall, um das Album in Eigenregie über die Bühne bringen zu können“, sagt Hanitra Wagner. Ansonsten haben die Mitglieder der Köln-Berliner Band allesamt Nebenjobs vom Kellner bis zum Radiojournalisten.

Keshav Purushotham produziert nebenher Hip Hop-Instrumentals und Filmmusiken. Einige seiner Beats sind auf den letzten Alben von Casper und Haftbefehl gelandet. Das allein reicht nicht auch nicht. Derzeit ist er an den Wochenenden noch als DJ für einen großen Kräuterlikörhersteller unterwegs. Auch Ωracles haben ihre Erfahrungen mit solcherart Markenevents gemacht. Denn ein Trend scheint sich in den letzten Jahren ausgemacht zu haben: Immer mehr Firmen schmücken sich mit Populärkultur und immer weniger Künstler können es sich leisten, nein zu sagen.

„Es ist schon auffällig, dass immer mehr Unternehmen in den Markt drängen. Jede Firma hat mittlerweile ihr eigenes Festival, und die können natürlich super zahlen. Das ist grundsätzlich eine gefährliche Entwicklung. Die Red Bull Music Academy macht ja einen guten Job, aber man arbeitet eben für einen Limonadenhersteller. Da muss man sich nichts vormachen. Aber man muss es sich leisten können, sich dem zu entziehen“, sagt Keshav Purushotham.

Neben öffentlicher Förderung und Wirtschaftskooperation gäbe es die Möglichkeit, auf Crowdfunding zu vertrauen. Doch mittlerweile hat sich auch hier bei vielen Ernüchterung eingestellt. Längst nicht alle Kampagnen verlaufen erfolgreich und es bleibt der Ruch der Bittstellerei. „Ich finde das manchmal schon heikel, wenn man sich da so anbiedert. ‚Du bekommst meine Platte und ich spiele auch noch auf deiner privaten Pyjamaparty ein Konzert. Die Platte wird übrigens super laufen, glaube mir…‘ Natürlich gibt es auch gute Crowdfunding Kampagnen, aber für mich wär das nichts“, sagt Purushotham.

Das Internet mag also den Zugang zur Musik erleichtert haben, die Geldfrage hingegen ist längst nicht gelöst. Viele Künstler, auch jene mit großer medialer Präsenz, leben prekär. Das gilt in diesen Zeiten nicht nur für Künstler, werden viele einwerfen. Das ist richtig. Denn dass „gute Arbeit“ längst nicht gleichbedeutend ist mit „gutem Einkommen“ ist ein grundsätzliches Problem.

 

 

 

 

 

 

Wie kleine e-Book-Verlage den Buchmarkt aufmischen

(Oktober 2014 für Wired Germany)

Texte veröffentlichen kann im digitalen Zeitalter jeder. Bücher verlegen prinzipiell auch. Neben Millionen von Self Publishern, die Plattformen wie Wattpad oder Neobooks mit Genreliteratur unterschiedlichster Qualität fluten, experimentieren kleinere e-book Verlage wie mikrotext, Das Beben, Frohmann, Badlands Unlimited oder Culturbooks mit Formaten in Text und Bild. Wie sehen diese aus und wo stößt das e-book an seine Grenzen?

„Soll ich ins Kaffeehaus lesen gehen wie ein Oaschloch?“, konsultierte Stefanie Sargnagel die Schwarmintelligenz neulich via Facebook-Posting. Kaffeehausliteratur hat in der österreichischen Hauptstadt Tradition. Schon die Originale Peter Altenberg und Karl Kraus verfassten hier ihre Schmähschriften, meist fragmentarisch und oft auch nebenher. Zwischendrin trank man Kaffee, übte sich im Müßiggang, las auch mal ein Buch. Für Müßiggang hat Sargnagel dagegen kaum Zeit. Die Wiener Autorin arbeitet im Callcenter, nebenher studiert sie Kunst in der Klasse des Malers Daniel Richter. Einen Großteil ihrer garstigen Kleinsttexte, die nicht nur gepostet werden, sondern auch schon in Buchform erschienen sind, verfasst sie während der Arbeitszeit. Dass sich prekäre Künstler mit Bullshit Jobs durchbringen müssen, ist nicht neu. Dass sie die Bürozeit für was Sinnvolles nutzen können, gehört dagegen zu den Vorzügen des digitalen Zeitalters. Eine Sammlung von Sargnagels bissigen Alltagsbeobachtungen ist im März unter dem Titel „In Zukunft sind wir alle tot“ beim Berliner mikrotext-Verlag erschienen.
Mikrotext veröffentlicht „gute Texte für zwischendurch“, wie Nikola Richter sagt. Die Berlinerin hat den e-book-Verlag gegründet, um zeitgeistige und experimentelle Texte ohne großen Vorlauf veröffentlichen zu können. Zeitgeistig, weil sie auf aktuelle und auch politische Themen reagieren können. Experimentell, weil sie eine Ahnung davon vermitteln, wie sich unser Verständnis von Literatur in Begriff ist zu verändern. Denn in Zeiten, in denen Facebookposts als Literatur durchgehen, wird der Germanist deprimiert aus dem Hölderlinturm springen. Für die studierte Literaturwissenschaftlerin Richter ist Facebook dagegen nicht bloß ein Medium der Selbstdarstellung, sondern auch Mittel zur politischen Agitation.
Der erste, im März 2013 veröffentlichte mikrotext hieß „Der klügste Mensch im Facebook“. Die Sammlung von Miniaturen des syrischen Schmieds Aboud Saeed gewährt Einblicke in die Kriegsregion, die man von Tagesschau, Spiegel Online und Konsorten nicht kennt. Der Text wurde von einem Essay des deutschen Universalgelehrten Alexander Kluge begleitet, darüber dozierend, wie man im digitalen Zeitalter kreativ und schnell publizieren kann und sollte.
Ein Vorteil sowohl für die Autoren, Verleger als auch die Leser liegt auf der Hand: Während bei einem Buch in Papierform schon mal ein Jahr von Manuskriptabgabe bis zum Erscheinungstermin vergeht, kann Richter ihre Texte ohne großen finanziellen Aufwand innerhalb von zwei Wochen veröffentlichen und tatsächlich Literatur zur Zeit schaffen.
So entstehen Mischformen aus literarischen und journalistischen Texten wie „Berliner Asphalt“ oder politische Zeitdokumente wie „Mein Brief an die NSA“ (beide von Sebastian Christ), die schick designt und mit Cover in knalligen Webfarben für 1,99 € zum Download angeboten werden.

Auch der Berliner „Verlag für unerhörte Elektronovellen“ Das Beben hat ein Faible für handliche Prosa. 2013 von einer Handvoll Buchmenschen gegründet, um „Platz für ungewöhnliche, eigenwillige und pointierte Texte zu schaffen“, wie es auf der Webseite heißt, versucht man das etwas angestaubte Image der Novelle zu bereinigen und die Gattung für Einflüsse aus Science Fiction, Horror und sonstiger Genreliteratur zu öffnen. Ein Großteil der Öffentlichkeitsarbeit erfolgt über einen Blog, auf dem man Interviews mit den Autoren und Verlagsmachern einsehen kann. Die hübsch anzuschauenden, scharf konturierten Cover sind angelehnt an Comics und B-Movieplakate und mitsamt Text für 3,49 € zu haben. Auch hier findet man unter den Autoren bekanntere Namen wie Tobias Hülswitt, der sonst bei Kiwi oder Suhrkamp publiziert.
Badlands Unlimited, gegründet von dem New Yorker Künstler Paul Chan, lotet die Grenzen des Buches inhaltlich wie auch formalästhetisch aus. Das Kunst-e-book „Mans in the mirror“ ist das erste seiner Art in 3D. Es enthält skurrile Fotoexponate und flirrende GIF-Animationen verschiedener Künstler, die unter Einfluss der Droge Meskalin entstanden sind und sich dem Betrachter eben dreidimensional offenbaren, sofern man denn eine 3D-Brille besitzt. Das Buch kann man für 0.99 $ im iBookstore downloaden. Allein die Webseite des Verlags ist ein Spektakel für sich, psychedelische Animationen illustrieren die Werke so, dass die Produktbeschreibungen nebensächlich erscheinen, was mitunter nerven kann. Neben Büchern des Badlands Teams wird auch Textkunst von bekannten Exzentrikern wie Marcel Duchamp oder Hans Ulrich Obrist feilgeboten.
Texte werden multimedial durch Video- oder Audioeinsprengsel ergänzt, sind interaktiv gestaltet, Sätze ergießen sich Kaskadenartig über den Bildschirm, verschwinden, drehen sich im Kreis, bis einem schwindelig wird.
Ein Verlag wie gemacht für Mark Z. Danielewski, könnte man meinen. Der amerikanische Schriftsteller hatte zur Jahrtausendwende, nachdem der Text zuvor schon im Netz veröffentlicht worden war, durch seinen mit unzähligen Fußnoten und typografischen Spielereien gespickten Hypertextroman „House Of Leaves“ die Grenzen des Buchdruckes ausgelotet. „House of leaves“ handelt von einem labyrinthartig strukturierten, unheimlichen Haus, in dessen Kellerräumen sich ein professionell ausgestattetes Forscherteam verliert. Analog zur rätselhaften Struktur des Hauses und seiner Geschichte stehen Textpassagen auf dem Kopf, sind spiegelverkehrt angeordnet, fügen sich Filmskripte, Zeichnungen und kryptische Symbole auf grafisch abenteuerliche Weise in den Text ein. Danielewskis neuestes Projekt geht noch ein paar Schritte weiter. „The Familiar“ ist ein 27-bändiger Roman, in den ein halbes Dutzend Grafiker, Co-Autoren und Übersetzer involviert sind. Die Geschichte soll sich an komplexen HBO-Serien orientieren und textlich und ästhetisch wuchern. Für den digitalen Verleger ein Traum, könnte man meinen, doch in Interviews zeigt sich Danielewski noch enttäuscht angesichts der derzeitigen technischen Möglichkeiten digitaler Buchkultur. Den typografischen Anforderungen von The Familiar würden die neuen Formate nicht wirklich gerecht, erklärte er dem britischen Kulturmagazin The Skinny in einem Interview, allein das Erstellen eines PDFs des für Anfang 2015 geplanten ersten Bandes hätte seinen Computer zum Absturz gebracht, was sich eben der aufwändigen Text-Grafik-Konstellation verdanke. Muss der also weiter seine Schinken ins Kaffeehaus schleppen. Vorläufig zumindest.
Sebastian Ingenhoff