Im Golem mit DJ Koze und Freunden

(erschienen in intro März 2013)

Vor vier Jahren rief Stefan Kozalla a.k.a. DJ Koze mit seinem Freund Marcus Fink das Label Pampa ins Leben. Seither erscheinen dort nicht nur eigene Platten, sondern auch die von Freunden wie Ada, Axel Boman, Robag Wruhme, Isolée und Die Vögel. Nun legt der Hamburger mit »Amygdala« sein erstes eigenes Album seit acht Jahren vor. Grund genug für eine Party mit fast allen Labelkünstlern. Sebastian Ingenhoff traf die Pampa-Clique in ihrer Heimatstadt Hamburg.

Er hat nicht so viel Zeit, deshalb rennt er gleich hinters DJ-Pult, wuchtet die Plattentasche auf den Tisch, zieht die erste Scheibe raus und setzt die Nadel in die Rille. All das in weniger als fünf Sekunden. Dabei ist der Mann doch eben erst reingekommen, sollte sich vielleicht mal setzen, ein Glas Schnaps trinken, bevor es losgeht.
Von wegen. Keine Minute darf verloren gehen. Das Publikum im Hamburger Club Golem beobachtet den Auftritt amüsiert. Der, um den es geht, trägt einen dunklen Anzug, eine Sonnenbrille und hat ein silberweißes Toupet grotesk schief auf dem Kopf sitzen. In der folgenden Stunde wird er seine liebsten Country- und Folkplatten kredenzen.
So also sieht es aus, wenn das Hamburger Technolabel Pampa, das zu den derzeit besten seiner Art gehört, eine Party feiert. Beim exzentrischen Warm-up-DJ handelt es sich übrigens nicht um den Pampa-Labelbetreiber und Star des Abends DJ Koze, sondern um Jakobus Siebels, eine Hälfte des blechblasenden Duos Die Vögel, das 2012 unfreiwilligerweise am offiziellen EM-Song beteiligt war. Die Vögel’schen Fanfaren aus »Blaue Moschee« bildeten die Hookline des Dancefloor-Hits »Endless Summer« von Oceana. Angeblich sollen sie mehrere zehntausend Scheine an GEMA-Geld kassiert haben – das sind in heutigen Musikindustrie-Euros gerechnet Millionen.

Das Genre Clubmusik sei für ihn weitestgehend Neuland gewesen, sagt Jakobus im Interview. Er ist Gründungsmitglied der mit Cello, Klavier und Banjo operierenden Popband Ja König Ja. Deren auf Detlef Diederichsens Label Moll erschienenes Debütalbum war Mitte der Neunziger stilprägend für das, was man »Hamburger Schule« nannte. In gefühlt allen anderen Hamburger-Schule-Bands war Mense Reents unterwegs (unter anderem Die Goldenen Zitronen, Huah!, Stella), der das Duo Die Vögel komplettiert. Mit Jakobus’ Bruder Jimi Siebels hat Mense seinerzeit schon unter dem Namen Egoexpress elektronische Tanzmusik produziert.

»Blaue Moschee« war die allererste Pampa-Veröffentlichung überhaupt. Die Vögel sorgen seitdem vor allem mit ihren Liveauftritten in der Clubwelt für Begeisterung: »Es gab Leute, die hatten vorher noch nie eine Tuba gesehen. Die kamen hinterher an und meinten: ›Was ist das denn für ein MP3-Player? Der ist ja riesig. Aber ihr habt super damit aufgelegt‹«, frotzelt Jakobus.
Derzeit werkeln die beiden an ihrem Debütalbum, das von derlei Trompetereien allerdings verschont bleiben wird. Mit dem Gedanken kann sich Labelchef Stefan Kozalla a.k.a. DJ Koze gut anfreunden: »Die meisten Trompetentracks sind ja total öde. Die Vögel haben es halt anders gemacht, das war ein für Clubverhältnisse ganz seltsamer Rhythmus«, erklärt er mir. »Sobald du so etwas wagst, kann es entweder nach hinten losgehen oder aber im richtigen Moment die Bombe sein. Die Ausnahmetracks der Nacht sind immer diejenigen, die aus der Reihe fallen. Aber jetzt ist erst mal gut mit Trompetentechno. Man sollte sich nicht wiederholen.«

Angst macht keinen Lärm

Was Ausnahmetracks angeht, kennt sich DJ Koze aus. Er mischt seit zwei Jahrzehnten die Tanzböden auf. Ein paar Stunden früher, am Nachmittag vor der Party, lädt das Pampa-Oberhaupt noch ins Büro des befreundeten Hamburger Buback-Labels. Nach und nach trudelt der Rest der Familie ein: Ada, Die Vögel, Robag Wruhme, Isolée und der schwedische Beau Axel Boman. Den Anfang macht Mense Reents. Zur Begrüßung gibt es eine innige Umarmung für alle.
Als Reents den Raum verlässt, räuspert sich Koze und tuschelt, für den Vögel-Musiker noch deutlich hörbar, im gespielt vorwurfsvollen Tonfall: »Ähm, bei den Vögeln war halt immer das Problem, dass die so unselbstständig sind, mit denen kannst du einfach schwer arbeiten …« Reents kommt schelmisch grinsend zurück. Der Vögel-Musiker nimmt sich ein Glas, zieht es dem Labelchef spielerisch über den Kopf und verabschiedet sich wieder in Richtung Buback-Crew. Koze lacht. Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten. Sowohl er als auch Reents haben früher auf dem Label veröffentlicht.

Die legendäre DJ-Koze- a.k.a. Adolf-Noise-EP »Deine Reime sind Schweine« erschien im selben Jahr wie das  Die-Goldenen-Zitronen-Album »Schafott zum Fahrstuhl«. Das war 2001.
Nach dem Trubel mit der HipHop-Boygroup Fischmob, die in den Neunzigern kurzzeitig die Charts aufgemischt hatte, begann sich Koze vermehrt der elektronischen Tanzmusik zu widmen. Hauptinspirationsquell jener Zeit sei das Album »Bodily Functions« von Matthew Herbert gewesen: »Das war ein perfekter Hybrid aus Listening-Musik und Clubfunktionalität, das Album hat mich extrem sozialisiert. ›Bodily Functions‹ ist so eine Platte, die meinem idealisierten Dancefloor entspricht. Da braucht keiner ein Ravesignal oder irgendwas Plumpes, das waren fein arrangierte Dancetracks, die im Club, aber auch perfekt zu Hause funktioniert haben.« Mit dem Briten hat er auch schon zusammengearbeitet. Kozes Bearbeitung des Herbert-Tracks »It’s Only« war einer der größten Pampa-Hits des letzten Jahres. Weitere dürften folgen; neben Ausnahmestücken von Isolée, Ada und Die Vögel, die derzeit auf Halde liegen, erscheint in diesen Tagen auch ein neuer Longplayer vom Chef persönlich.

Das erste Koze-Album seit acht Jahren trägt den Titel »Amygdala«, benannt nach dem Teil des limbischen Systems, das für die Steuerung der Angst zuständig ist. »Das funktioniert wie so ein amerikanisches Überwachungssystem. Wenn jetzt zum Beispiel eine Schlange oder ein Affe hier in den Raum klettert, dann hat die Amygdala das gescannt, bevor du das selbst registrierst. Wir würden auch merken, wenn jemand mit dem Messer hinter uns steht. Ich fand das faszinierend, einfach, weil Angst in meinem Leben eine große Rolle spielt. Wir haben ja auch alle Angst vor Techno«, sagt Koze.

Angst kann bekanntlich lähmen, und so vergehen schon mal Dreivierteldekaden, ehe sich der gemeine Pampa-Künstler aufrafft, ein neues Album fertigzustellen. Das ist bei Isolée, Robag Wruhme und Ada nicht anders, wenn man die Diskografien vergleicht.
Dafür seien es eben Langzeitalben, die auch nach zehn Jahren nichts an Aktualität eingebüßt hätten, im Gegensatz zu den meist saisonal produzierten Clubtools da draußen, verteidigt der Chef den Müßiggang seiner Künstler. »Die Luft wird eben immer dünner in Sachen Techno. Dass einen Tracks noch in so Schwingungen versetzen wie das neue Stück von Rajko [gemeint ist ›Allowance‹ von Isolée], kommt immer seltener vor. Dafür hat man einfach zu viel Musik gehört in den ganzen Jahren. Unter der Woche will ich aber Verbindlichkeit. Keine öden, auf Effekt geschraubten Beats, sondern Stücke, die auch als Listening-Tracks funktionieren«, meint Koze.

Auch Geselligkeit scheint ihm wichtig zu sein: Der Säger von St. Georg, so einer seiner Track-Titel, hat sich für das neue Album zahlreiche Freunde ins Boot geholt. Die Liste reicht von Caribou, Apparat, Ada über Matthew Dear bis hin zu Dirk von Lowtzow. Eine emotionale Neubearbeitung des Hildegard-Knef-Klassikers »Ich schreib dir ein Buch«, die in einer langen Rotweinnacht in Spanien entstanden sei, gibt es als Zugabe. Aus seinem Stolz, die »zwei wahrhaftigsten deutschsprachigen Sänger«, wie er sagt, auf einem Album versammelt zu haben, macht der gebürtige Flensburger keinen Hehl: »Ich habe wahnsinnige Probleme mit deutschen Texten. Deshalb bin ich auch so stolz, Hildegard und Dirk auf dem Album zu haben. Bei Hildegard bekomme ich Gänsehaut, wenn ich die Stimme höre. Das ist abartig. Und Dirk hat diese irren, delirierenden Texte, die ganz viele Assoziationen wecken. Manchmal denkt man, der wird immer verrückter. Aber er ist einer der wenigen, die es in zwanzig Jahren geschafft haben, niemals cheesy oder anbiedernd rüberzukommen. Nimm diese Textzeile ›Ich bin krank / Ich bin ein weißer heterosexueller Mann / Du kannst mich abschieben‹ vom neuen Album. Die ist so unglaublich. So etwas wollte ich haben.«
In der Gemeinschaftsarbeit »Das Wort« wird das männliche Ich nicht minder romantisch enteiert: Der Tocotronic-Sänger wispert »Ich will die Welt durch deine Augen sehen / Emanzipiert und korrigiert« und schafft es, »Konflikts« auf »verflixt« zu reimen, während sich dezente Sonnenuntergangsstreicher in den gemütlich pluckernden Beat schieben. Das Stück ist eine Hymne, aber eine leise, bedächtige Hymne. Kein Track, den man zur Peaktime im Club spielen könnte.

Das Wort heißt Love

Überhaupt finden sich trotz des Staraufgebots wenig reißerische Hits auf »Amygdala«, was gut mit Kozes Auflege-Philosophie einhergeht: »Ein guter DJ definiert sich vor allem dadurch, was er nicht spielt. Diese öden Sure-Shot-Hits oder diese ganzen magischen Wir-sind-ein-Volk-Hymnen, wo alle auf Signal schreien und die Arme in die Luft werfen müssen: Furchtbar. Wer all das nicht auflegt, der ist für mich schon ein guter DJ«, sagt er bestimmt.

Eine Philosophie, die auch bei den Veröffentlichungen fortgeführt wird: Die Musiker bekommen größtmögliche Freiheit, sollen bloß keine Instant-Clubhits abliefern. »Das sind ja alles Künstler, die sich durch ihre Eigenständigkeit auszeichnen, wie so kleine Planeten. Es sind immer die Ersten, die das jeweils machen. Da ist keiner bei, der versucht, auf irgendwelche Züge aufzuspringen.« Man schätze sich nicht nur musikalisch, sondern sei auch eng befreundet. Anders könne er sich das Arbeiten als Labelchef nicht vorstellen.

Ähnlich lobestrunken geben sich die Künstler: »Man bekommt schon die Möglichkeit, sehr nah an sich selbst zu produzieren. Man muss nichts abliefern, das nur funktional ist oder nur zu einer bestimmten Uhrzeit im Club funktionieren würde«, meint Gabor Schablitzki alias Robag Wruhme, der 2011 mit »Thora Vukk« eins der besten Künstleralben des Labels abgeliefert hat. Ada ergänzt: »Stefan setzt gewisse Impulse, aber er übertreibt es nicht. Er hilft einem, auf Ideen zu kommen, die man sonst vielleicht nicht gehabt hätte.«

Bei aller Verachtung von Effekthascherei hat Pampa natürlich diverse Peaktime-Raketen im Angebot, zu denen auch schon der eine oder andere Arm in die Luft geflogen ist. Man denke an Axel Bomans Kracher »Purple Drank«, das letztjährige Latin-House-Epos »Mir A Nero« von Michel Cleis oder die beiden Maxis von Die Vögel. Auch Isolées jüngster Geniestreich »Allowance« erweist sich später auf der Party als wahrer Tanzbodenmagnet und wird von mehreren DJs der Nacht gespielt. Als der Host des Abends übernimmt, gibt es kein Halten mehr. Es ist rappelvoll, kein Arsch steht still, alles ist in Bewegung. Koze zeigt, was seine Kunst ist: die richtigen Tracks im richtigen Mix und Moment abzufeuern. Klingt immer so einfach und banal, ist es aber nicht.

Über Softrock und das Destroyer-Album „Kaputt“

(erschienen in intro Juni 2011)

Mit seinem neunten Album »Kaputt« hat der kanadische Songwriter Dan Bejar alias Destroyer dem vergessenen Genre Softrock neues Leben eingehaucht. Nach dem Hype in den USA erscheint das Album nun auch offiziell in Deutschland. Sebastian Ingenhoff ließ sich von Dan Bejar erklären, wie man es schafft, die Apokalypse tanzend zu überstehen.

Dan Bejar bestreitet, dass das Wortspiel »Destroyer [zu Deutsch: Zerstörer] – Kaputt« kalkuliert gewesen sei. Den Albumtitel habe er dem gleichnamigen Roman des italienischen Schriftstellers Curzio Malaparte entliehen, das Wort hätte einfach toll ausgesehen. »Ehrlich gesagt hatte ich absolut keine Ahnung, was es bedeutet. Dieser Witz mit dem Bandnamen ist mir erst später klar geworden. Es ist wie mit der Musik: Du machst irgendwelche Dinge intuitiv, und sie fügen sich plötzlich auf wundersame Weise zusammen.« So steht der Titel »Kaputt« also in Kontrast zur Musik, denn es handelt sich auf den ersten Blick um ein äußerst konsistentes Werk voller harmonischer, im wahrsten Sinne des Wortes großer Popsongs.

Nachdem das Album in Nordamerika bereits im Januar erfolgreich veröffentlicht worden ist, erscheint »Kaputt« mit halbjähriger Verzögerung  offiziell in Deutschland. Es zeugt von einem Songschreiber, der die ganz großen Gesten beherrscht und diese nicht nur in Performance, sondern vor allem in Musik zu überführen imstande ist. Der Hype verdankt sich auch dem aufwendig gestalteten Video zur Single »Kaputt«, das in den sozialen Netzwerken und Blogs bereits ausführlich die Runde gemacht hat.

Dabei ist der Kanadier alles andere als ein Newcomer, sondern neununddreißig Jahre alt und gilt schon seit bald anderthalb Jahrzehnten als einer der am meisten unterschätzten Musiker der Jetztzeit. Nun scheint man sein Werk endlich angemessen zu würdigen, die Washington Post sieht ihn gar als »lyrischen Nachfahren Bob Dylans«, und Pitchfork zog Parallelen zu Leonard Cohen.

Mit zwei potenziellen Literaturnobelpreisträgern verglichen zu werden ist sicherlich nicht schlecht, dabei spielen die Texte auf dem neuen Album eigentlich eine weniger wichtige Rolle als in seinem Frühwerk, erzählt Dan Bejar in seinem Zimmer im Kölner Chelsea Hotel, wo einst schon Martin Kippenberger gelebt hat. In dem kleinen Kämmerchen gibt es nur einen Stuhl und ein kleines Bett, auf dem er sich gerade lümmelt. Mit den zerzausten Haaren erinnert er eher an einen Juniorprofessor vom Anglistikseminar. Er ist eloquent,  gleichzeitig aber auch ein bisschen schüchtern. Dass er den Rummel um seine Person nicht sonderlich angenehm findet, nimmt man ihm sofort ab. Auch der Auftritt in der »Late Night«-Show von Jimmy Fallon, der wie der Videoclip im Netz für Furore sorgte, habe ihn einiges an Überwindung gekostet. Dennoch strahlt er auf der Showbühne eine wahnsinnige Ruhe aus, bewegt sich kaum, die eine Hand bleibt konsequent in der Jackentasche, während er mit der anderen das Mikro hält. Dazu dieser nasale Gesang, den man fast schon »Croonen« nennen möchte.

Durch die Zusammenarbeit mit Soulsängerin Sibel Thrasher hat sich Bejars Gesangsstil, der auf den frühen Alben noch stellenweise an Carter-The-Unstoppable-Sex-Machine erinnert, ziemlich verändert: »Es ist ja das erste Mal, dass noch jemand außer mir auf einem Destroyer-Album singt. Ich wollte aber keine typischen Backing-Vocals, die Songs sollten mehr diesen gleichberechtigten Duettcharakter haben. Wir mussten uns also irgendwie annähern. Ich will nicht behaupten, dass ich soulig singe, aber zumindest etwas softer, vielleicht mehr auf die Harmonien achtend.«

In der Tat hat Bejar mit dem neuen Album einen signifikanten Bruch vollzogen. Im Prinzip müsse man sich Destroyer 2011 wie eine neue Band vorstellen, bei der die Rhythmussektion und Synthesizerpassagen deutlich mehr im Vordergrund stünden, sagt er. Dass er alte Fans mit dem an Softrock, Disco und klassischer Ambientmusik geschulten Ansatz eventuell vergrätzen könnte, stört ihn offenbar nicht. Doch nimmt man sein bisheriges Werk genauer unter die Lupe, fällt auf, dass der Bruch vielleicht gar nicht so radikal ist, wie er einem weismachen will.

Das Mäandern durch Zeit und Sound
Anfang der Neunziger vertreibt der Schlafzimmerproduzent Bejar seine Lieder nach dem Vorbild Daniel Johnstons noch über Tape. Kurze Zeit später gründet er die Band Destroyer, die in den Folgejahren mit regelmäßig wechselnder Besetzung in Erscheinung tritt. Zu jener Zeit, 1995, studiert er Literatur und schlägt sich mit wechselnden Jobs durch, kurzzeitig arbeitet er sogar als Aufpasser in einem Bingosalon.
Das erste offizielle Destroyer-Album »We’ll Build Them A Golden Bridge« erscheint 1996 auf dem Kleinstlabel Tinker, sein Debüt für Merge Records gibt er sechs Jahre später mit »This Night«. Seitdem kann er einigermaßen gut von der Musik leben, auch dank der zahlreichen Nebenprojekte. Die meisten seiner Mitmusiker sind Freunde und Bekannte aus dem Umfeld des JC/DC-Studios in Vancouver. Das Studio wurde von John Collins und David Carswell gegründet, die auch als Produzenten von »Kaputt« fungieren und in der Vergangenheit schon mehrfach auf Destroyer-Alben zu hören waren. Mit John Collins spielt Bejar in der Matador-Band The New Pornographers, und mit Spencer Krug von Wolf Parade und Carey Mercer von Frog Eyes betreibt er noch das Projekt Swan Lake, mit dem er bisher zwei Alben veröffentlicht hat.

Bejars Werk fällt trotz klassischer Indierock-Prägung auch schon in diesen Jahren keineswegs homogen aus, bereits auf früheren Destroyer-Alben wie »Your Blues« von 2004 finden sich flauschige Popsongs, MIDI-Technologie und Synthesizer. Und mit »Bay Of Pigs« und »Archer On The Beach« hat Bejar in den letzten Jahren zwei lupenreine Ambient-EPs veröffentlicht, die das pompöse Klangdesign von »Kaputt« gewissermaßen vorwegnehmen.

Das Album ist die perfekte Symbiose dieser beiden Welten geworden. Zwanzig Monate arbeitete Bejar an »Kaputt«, und am Ende waren es acht statt der üblichen vier Musiker, mit denen er sich im Studio wiederfand.

Die Tags unter den Rezensionen heißen nun also »Soft Rock«, «Yacht Rock«, »Blue-Eyed Soul« oder »Ambient-Pop«. Späte Roxy Music, Carpenters, Steely Dan, Fleetwood Mac oder auch Leute wie John Hassell und David Sylvian werden als Referenzen herangezogen. Prefab Sprout zu Thomas-Dolby-Zeiten dürfen natürlich nicht fehlen. Der letzte große Klassiker, der auf ähnliche Weise (wenn auch deutlich bekiffter) atmosphärische Sounds mit großem Pop verwoben hat, war vermutlich »Ladies And Gentlemen We Are Floating In Space« von Spiritualized. Ein Haufen britischer Lads, die mit den Mitteln von Psychedelic versuchten, ein Soul-Album zu machen. Bejar macht im Prinzip das Gleiche mit den Mitteln von Softrock und Ambient.

Das wiederkehrende schwermütige Saxofon, überhaupt die ganzen Blasinstrumente, die gospelartigen Backingvocals, die an Chics »I Want Your Love« erinnernde Discobasslinie, die sich fast leitmotivisch durch die Songs zieht und immer wieder variiert wird, machen «Kaputt« im weitesten Sinne zu einem Soul-Album. Richtig außergewöhnlich wird dieses Werk aber eben durch die radikale Zeitdehnung, die man eher von klassischer Ambientmusik gewohnt ist. Bejar will scheinbar gar nicht auf den Punkt kommen, manche Stücke sind acht oder elf Minuten lang, und auf der Vinylversion von »Kaputt« befindet sich sogar ein zwanzigminütiger Song. Dennoch kann man sich das Album dreißig Mal anhören, ohne sich auch nur eine Sekunde zu langweilen. Jedes kleine Detail scheint tatsächlich wie eine Hookline geplant zu sein.

Raum zum Atmen
Die Arbeit an »Kaputt« sei zwar eine Reise zurück in die Jugend gewesen, die Klassiker der damaligen Zeit habe er aber eher aus dem Gedächtnis imaginiert, sagt Bejar: »Die Popmusik der frühen und mittleren Achtziger hat mich natürlich fürs Leben geprägt. Ich denke, jeder hat so seine ‘Desaster Zone’, also Musik, mit der du aufwächst, die du für ein paar Jahre wieder vergisst, weil sie vermeintlich uncool ist, zu der du aber irgendwann wieder zurückfindest. Bei mir hat es jetzt gut fünfzehn Jahre gedauert. Ich habe Popmusik in den letzten Jahren immer irgendwie als Folie benutzt, aber meistens versucht, die Oberfläche kaputt zu machen oder Brüche reinzuarbeiten. ›Kaputt‹ ist nun mein erstes Album, wo diese Folie intakt geblieben ist. Obwohl natürlich einige der unkonventionellsten Songs auf dem Album enthalten sind, die ich jemals geschrieben habe. Aber die poppigen Momente ergeben sich mehr aus den Sounds, der Fokus liegt nicht mehr ganz so stark auf den Texten, es gibt mehr Raum für die Musik zum Atmen.«

Trotzdem kommt die Musik ohne jeden esoterischen Blödsinn aus und ist vor allem bar jeder Ironie. Die findet sich allenfalls bei den Texten, wie in dem Song »Blue Eyes«: »King Of The Everglades: Population: 1 / I write poetry for myself! I write poetry for myself (…) I sent a message in a bottle to the press / It said, don’t be ashamed or disgusted with yourselves.« Die Texte widmen sich thematisch vor allem den düsteren Themen des Alltags: Alkoholismus, Einsamkeit, Armut, unerwiderte Liebe. Der lyrische Zynismus, der stellenweise an Morrissey erinnert, wird durch die fluffige Klanguntermalung konterkariert. So gesehen macht der Albumtitel also doch Sinn, Musik und Text stehen  in einer kaputten Beziehung zueinander: »Her heart’s made of wood. As apocalypses go, that’s pretty good, sha la la, wouldn’t you say?«
Hallelujah, wer würde ihm widersprechen wollen?

Die Inspiration hinsichtlich der Texte beziehe er hauptsächlich aus Literatur und Film. So gibt es mit »Chinatown« (Roman Polanski) und »Savage Night At The Opera« (Sam Wood / Marx Brothers) gleich zwei Songs, die auf berühmte Klassiker der Filmgeschichte anspielen. Seine Lieblingsschriftsteller sind mit Roberto Bolaño und W.G. Sebald zwei Künstler, die auf den ersten Blick nicht sonderlich viel gemein haben, außer, dass beide ihre düsteren Mammutlebenswerke kurz vor dem Tod abgeliefert haben.

Nicht alle Texte auf dem Album stammen von ihm selbst, Bejar hat auch zum ersten Mal Fremdmaterial vertont. Der Text zu »Suicide Demo For Kara Walker« fußt auf Lyrik-Miniaturen der gleichnamigen afroamerikanischen Künstlerin, die sich vor allem durch ihre politischen, den alltäglichen Rassismus anprangernden Silhouettenkunstwerke einen Namen gemacht hat. In Gemeinschaftsarbeit ist so ein Song über ein sozial kaltes Amerika entstanden, in dem es allen Freiheitsversprechungen zum Trotz keine Hoffnung mehr gibt, schon gar nicht für eine afroamerikanische Frau. Bejar findet sich also in der Rolle des Interpreten wieder, der um seine »Southern Sister« trauert – »wise, old, black and dead in the snow«. Und natürlich auch zu reflektieren weiß, dass er weder sister noch black noch old noch dead ist und sich in einer vergleichsweise luxuriösen Position befindet.

Der Songtitel sei, wie so vieles auf dem Album, einem Unfall geschuldet: »Ich habe das erste Mal Demos angefertigt, mit zum Teil ziemlich schrottigem Equipment. Am Anfang des Songs stand also ein simpler, Metronom-artiger Beat, über den ich ein bisschen gesungen habe. Ich hörte mir das Demo noch mal an und dachte: ›Das klingt wie ein schlechter Rip-off von der Band Suicide.‹ Da die Lyrics von Kara stammen, notierte ich also: ›Suicide Demo For Kara Walker‹. Erst später fiel mir auf, was für ein großartiger Songtitel das wäre. Demo kommt ja eben von ›Demonstration‹, also Anleitung. Irgendwie passt das zu dem Text, der ja sehr schwarz im Sinne von defätistisch ist.«

Dennoch sei Defätismus natürlich keinesfalls zu verwechseln mit Selbstaufgabe. Man muss den Stein weiter den Berg hoch wälzen, auch auf die Gefahr hin, irgendwann erdrückt zu werden. »Ich glaube, zwischen den Achtzigern und der Jetztzeit gibt es ziemlich viele Parallelen. Wenn du heutzutage die Zeitung aufschlägst, liest du ja auch ständig vom Weltuntergang. Ich mag diesen trotzigen Geist, der sich durch die Musik der Achtziger gezogen hat. Dieses: Wenn die Atombomben schon fallen und wir alle untergehen, dann wenigstens tanzend. Und ich mag die Idee, dass Leute zu meiner Musik tanzen und dann plötzlich denken: ›Oh mein Gott, was singt dieser Typ denn da bitte?‹ Ich glaube, der Effekt ist so ungleich größer, als wenn ich dieselben Texte in Punkmanier vortragen würde.« Damit ist „Kaputt“ vermutlich der schönste Apokalypsen-Soundtrack, den man sich im Jahr 2011 vorstellen kann. Wobei wir natürlich nicht den Teufel an die Wand malen wollen.

Durch die Nacht mit John Stanier von Battles

(erschienen in intro Juni 2011)

Die amerikanischen Postrocker Battles sind zum Trio geschrumpft. Doch so sehr der Ausstieg von Sänger Tyondai Braxton die Band zunächst traf, letztlich bestätigt das neue Album »Gloss Drop« die Regel, dass weniger mitunter mehr sein kann. Sebastian Ingenhoff verbrachte mit John Stanier eine Nacht in Berlin und traf später auch mit Ian Williams und Dave Konopka zusammen.

John Stanier, Schlagzeuger und charismatische Frontfigur der New Yorker Band Battles, ist von Sun Ra getauft worden. Dem vielleicht radikalsten Priester seiner Zeit. Es geschah 1969 auf einem Avantgarde-Festival in den Staaten. John war ein Jahr alt und seine Eltern als musikbegeisterte Hippies viel on the road. Über die genauen Umstände ist kaum etwas bekannt, doch irgendwie soll sich das Baby plötzlich in den Armen des exzentrischen Free-Jazz-Avantgardisten wiedergefunden haben, der ihm magische Worte ins Ohr einflüsterte. So erzählt man sich die Geschichte zumindest bei den Staniers.
Dass es sich keineswegs um die LSD-Fantasie von ein paar hängen gebliebenen Lebowskis handelt, beweist ein Foto, das im Familienalbum klebt und manchmal an Weihnachten rausgekramt wird. Sun Ra in seinem funkelnden Outfit, wie er den Kopf des kleinen John Stanier tätschelt. Was genau ihm der selbst ernannnte visitor from outer space damals eingetrichtert hat, weiß er nicht mehr. Vielleicht so was wie »make some noise«. Denn zwei Jahrzehnte später steigt Stanier als Drummer bei der Post-Hardcore-Band Helmet ein. Sein Stil ist staubtrocken, mechanisch, knüppelhart, präzise wie ein Uhrwerk.

Heute ist er neben Dave Konopka (Bass) und Ian Williams (Keyboard & Gitarre) Teil des  Warp-Acts Battles. Die durch den Ausstieg von Sänger Tyondai Braxton unlängst zum Trio geschrumpfte Band veröffentlicht in diesen Tagen ihr neues Album »Gloss Drop«. Stanier ist erschöpft, er hat nur zwei Stunden geschlafen. Gestern stand Paris auf dem Programm: tagsüber Interviewmarathon, nachts DJ-Set im Rex Club. Heute wieder das gleiche Programm in Berlin. Später wird er im Club ein »Battles-DJ-Set« bestreiten. Bis dahin gilt es vorzuglühen. Im Kiosk deckt er sich mit ausreichend Wodka, Red Bull und Zigaretten ein. Die Müdigkeit hält ihn nicht davon ab, witzige Anekdoten zum Besten zu geben.

In The Meantime

John Stanier hat nicht wenige davon auf Lager. In den Neunzigern spielt er mit so ziemlich allen großen Rockstars auf verschiedenen Festivals. Allein das Helmet-Album »Meantime« von 1992 verkauft sich gut zwei Millionen Mal. Es ist das gleiche Jahr, in dem das selbst betitelte Rage-Against-The-Machine-Debütalbum erscheint und aus den Trümmern von HipHop, Grunge und Hardcore Musik entsteht, die man Crossover tauft und die sich auch in der MTV-Rotation gut macht. Die an klassischem Hardcore geschulten Helmet gehören sicherlich zu den spannenderen Bands jener muskulösen Szene.
Ein paar goldene Jahre lang tanzen die New Yorker auf dem Drahtseil, ehe sie vor der Jahrtausendwende von ihren Epigonen in Sachen Verkaufszahlen überholt werden. 1998 folgt der Split. Man hat keine Lust mehr, mit dem NuMetal-Mist konkurrieren zu müssen, der zu jener Zeit aufkommt.

Langsam in seinen Dreißigern angekommen, entdeckt Stanier zunehmend Jazz, Techno, HipHop, Disco, IDM und Neue Musik. Er fängt mit dem Auflegen an und kann von seinen DJ-Gigs ganz gut leben. Er nimmt ein Album mit der australischen Band The Mark Of Cain auf, arbeitet mit Leuten wie Gang-Of-Four-Mitglied Andy Gill zusammen. Mit Mike Patton, der zu jener Zeit eine ähnliche Entwicklung durchmacht, gründet er die All-Star-Band Tomahawk. Man veröffentlicht auf Pattons frisch lanciertem Label Ipecac, das sich binnen kürzester Zeit als Spielwiese für interessanten Krach etabliert.

Anfang der Nullerjahre erfolgt dann die Begegnung mit Ian Williams von Don Caballero, der zu jener Zeit mit dem Bassisten Dave Konopka (Ex-Lynx) um die Häuser zieht. Die beiden wollen eine Band gründen und suchen dafür noch einen Schlagzeuger. John Stanier ist der Wunschkandidat. In klassischer Rockbesetzung sollen mal wieder alle Regeln konventioneller Rockmusik auf den Kopf gestellt werden. Das ist nicht neu, aber zu jener Zeit, als Postrock langsam zu stagnieren anfängt und Indie-Rock über Bands wie Kaiser Chiefs oder Mando Diao den Weg in die Bierzelte findet, eine Herausforderung.
Trotz der prominenten Besetzung starten Battles bei null und geben sich erst einmal die Ochsentour durch die Provinz. Man veröffentlicht zwei EPs, die später bei Warp als Minialbum erscheinen werden. »Diese Anfangszeit war überhaupt nicht vergleichbar mit dem, was ich von Helmet kannte. Es gab keine Nightliner, kein Geld, keine Groupies. Wir tourten mit einem kleinen Van und spielten zum Teil in irgendwelchen Bars vor zwanzig Leuten, von denen uns zehn nach dem ersten Song mit Bierflaschen bewarfen. Aber wir haben das halt kompromisslos durchgezogen. Wir wollten die Stücke unbedingt live proben und die Reaktionen testen«, sagt Stanier.

Sexy Machines

Die Musik sollte weder Songwriting- noch Sessioncharakter haben, auch wenn in Kritiken immer wieder Parallelen zu Genres wie Jazz oder Krautrock gezogen werden. Streng genommen hat das Konzept mehr mit ausgefeilter Komposition denn mit klassischer Improvisation zu tun. Mit Tyondai Braxton holt man sich einen Gesangskünstler und Multiinstrumentalisten hinzu, der sich bestens in dem Metier auskennt. Ein lebendes Instrument, das gerne auch Tier- oder Umweltgeräusche simuliert. Die Stimme ist ein gleichberechtigtes Instrument neben Gitarre, Bass, Schlagzeug, die Texte nebensächlich.

Die Stücke entstünden fast immer auf die gleiche Weise, erzählt Stanier: Ausgangspunkt sei ein Loop, der um kleine Bausteine erweitert wird, aus denen man sich ein Puzzle bastelt. Was nicht perfekt passt, wird eben wieder verworfen. Eine Arbeitsweise, die man eher von der Computermusik her kennt.
»Im Prinzip funktioniert unsere Musik ja wie das Klötzchen-Schieben, nur eben handgespielt und mit richtigen Instrumenten«, sagt Stanier. Diese Exaktheit brachte ihnen schon Vergleiche mit frühen Math-Rock-Bands ein. Davon hält er jedoch wenig, der Begriff Math-Rock klinge antiquiert und zu akademisch, und mit den originalen Genrebands habe man ja eher wenig gemein. Man wolle die Leute zum Tanzen bringen und nicht bloß Gegenstand nerdiger Diskussionen sein. Was sich auch sehr gut an seinen DJ-Sets ablesen lässt.

Er spielt hauptsächlich rhythmische Musik, die man mixen kann: Disco, House, Techno. Disco-Platten seien am schwersten miteinander in Einklang zu bringen, vor allem, wenn der Beat von einem echten Schlagzeuger stamme. Nicht jeder Drummer auf der Welt ist schließlich eine Maschine. Er spielt ausschließlich Vinyl, sein Vorbild ist Larry Levan, der Maestro aus der legendären New Yorker Paradise Garage, der mit seinen eklektischen Sets Ende der Siebziger eine Art von Disco geformt hatte, die in den letzten Jahren  zahlreiche junge Produzenten inspiriert hat. Techno hingegen habe er vor allem während seiner Köln-Phase lieben gelernt (eine Zeit lang lebte er der Liebe wegen in der Domstadt).

Stanier mixt Klassiker von Labels wie Warp, Nova Mute oder Kompakt mit zeitgenössischer Housemusik, darunter auch einige Platten von Matias Aguayos Label Cómeme, derzeit vielleicht das Maß aller Dinge in Sachen elektronischer Sexiness. Jene spielt nämlich eine immer größere Rolle im Battles-Universum. »Wenn ‘Mirrored’ das maskuline, von Arithmetik geprägte Battles-Album war, dann ist »Gloss Drop« das weibliche Äquivalent. Es ist etwas verspielter und auch ein bisschen funkiger. Natürlich nicht im James-Brown’schen Sinne funky, mehr auf eine mechanische Art. Ambossfunk, gewissermaßen. Handgemachter Maschinenfunk. Ein Stück wie »Dominican Fade« klingt genau so, wie es heißt.

Südamerikanische Rhythmen und Dancehall-Elemente paaren sich mit der bekannten Battles’schen Kühle und Präzision. Das mit der japanischen Noise-Ikone Yamantaka Eye eingespielte „Sundome“ artet hingegen in einer Rave-Hymne aus, die man sich auch zur Peaktime im Technoclub vorstellen kann. Und das rockigste Albumstück, »My Machines«, wird ausgerechnet mit Synthiepopper Gary Numan am Mikro realisiert. Immer diese Widersprüche. Doch genau jene machen dieses Album einmalig, denn die Art, wie Dinge fusioniert werden, die sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen, ist atemberaubend.

Ruling The World

«Gloss Drop« regiert bereits im April den Globus, obwohl das Album noch gar nicht offiziell erschienen ist. Doch in sämtlichen Metropolen dieser Welt finden sich großflächige Plakate mit dem pinken Spaghettieis. Oder was auch immer dieses knallfarbene Knäuel auf dem Albumcover darstellen soll. Dave Konopka und Ian Williams klären auf: »Es ist ein Gloss Drop.« Wörtlich ins Deutsche übertragen: ein »Glanz-Tropfen«. Aha. Die beiden sitzen im Konferenzraum eines Berliner Hotels und erklären ihr Marketingkonzept. Die kunstsinnige Kampagne soll natürlich als Parodie auf gängige Werbepraktiken verstanden werden, sagt Konopka, während er Fotos der weltumspannenden Aktion präsentiert.

Doch nicht alle Bilder sind real, der Interviewer stutzt also zu Recht über die »Gloss Drop«-Plakate in Johannesburg. Konopka: »Wir hatten die Idee, das Ganze wie die Kampagne einer großen Werbeagentur aufzuziehen, die ihren Kunden eben Ergebnisse präsentieren muss. Deshalb haben wir auch ein paar Fake-Plakate in die Präsentation geschmuggelt, um die Aktion etwas aufzupimpen. Aber die meisten Plakate existieren tatsächlich, zum Beispiel das hier in Austin, wo auch Freunde von mir leben. Die haben mir erzählt, dass ‘Gloss Drop’ wie ein neues Produkt wahrgenommen wurde. What the fuck is that? Ein Shampoo? Eine Eiscreme? I wanna buy!« Das Artwork stammt, wie auch das zu allen anderen bisherigen Covern, von ihm selbst.

»Gloss Drop« ist vor allem ein emotional stark aufgeladenes Produkt. Denn dass es dieses zweite Album überhaupt gibt, grenzt schon an ein Wunder. Tyondai Braxton verließ Battles mitten in den Arbeiten zu »Gloss Drop«, um seine Solokarriere zu forcieren. Die Band stand zwischenzeitlich kurz vor der Auflösung. Alle Pläne, den gefeierten Vorgänger »Mirrored« durch ein neues Jahrzehntalbum in den Schatten stellen zu können, waren also erst mal passé.
Ian Williams: »Im Nachhinein war es aber das Beste, was uns passieren konnte. Man konnte schon bei den letzten Touren sehen, dass Battles für ihn immer mehr zu einer Art Zweitprojekt wurde. Wir waren also gezwungen, diese Lücken kreativ zu füllen. Es dauerte eine Weile, aber dann hatten wir auf einmal unglaublich viele neue Ideen, die wir mit Ty so niemals hätten realisieren können.«

Zunächst einmal wurden alle Parts von Braxton eliminiert, die meisten Tracks mussten also komplett umarrangiert werden. Dass die Platte kein minimalistisches Instrumentalwerk, sondern eben ein genreübergreifendes Konzeptalbum mit durchaus poppigen Zügen geworden ist, verdankt sich auch den vier Gastsängerinnen und -sängern, die zu hören sind. Neben den erwähnten Yamantaka Eye und Gary Numan gibt es  Beiträge von Blonde-Redhead-Sängerin Kazu Makino und eben Matias Aguayo, der die Band eigentlich auch als Toursänger hätte begleiten sollen. Vermutlich der beste Ersatz, den man sich für Tyondai Braxton hätte vorstellen können, denn der gebürtige Chilene hat es auf seinem letzten Album »Ay Ay Ay« geschafft, einen ganzen Instrumentenpark durch seine Stimme zu ersetzen. Doch die Pläne wurden kurzfristig gekippt, Aguayo ist derzeit zu beschäftigt.

Verstreut soll es jedoch einzelne Gigs mit den beteiligten Gästen geben, die Zusammenarbeit mit Gary Numan wird zum Beispiel im Zuge einer exklusiven Londonshow präsentiert. Doch ansonsten werden Battles auf der Bühne künftig nur noch als Trio aktiv sein. Die Dezimierung habe die Band eben wachsen lassen, sagt Ian Williams: »Wir haben als Trio mit minimalen Mitteln in kurzer Zeit erreicht, was wir zu viert nicht auf die Reihe bekommen haben. Um das bestmögliche Resultat zu erzielen, sollte bei der nächsten Platte also vielleicht wieder jemand aussteigen. Nein, das war natürlich ein Scherz. Denn im Ernst: Eigentlich bräuchten wir jetzt erst mal ein Jahr lang Urlaub.«

Techno Roundtable mit Paul Kalkbrenner, Modeselektor, Boys Noize und Marcel Dettmann

(erschienen in intro April 2011)

Thomas Venker und Sebastian Ingenhoff bitten fünf der aktuell meistgebuchten und wichtigsten Szene-Repräsentanten aus Europas Techno-Hauptstadt Berlin zu einem Gespräch über den Status quo der Clubkultur an den runden Tisch.

Seit 1988 die legendäre Compilation »Techno! The New Dance Sound Of Detroit« erschien, hat Techno weite Wege zurückgelegt und es dabei wie kaum eine andere Musikrichtung geschafft, sich immer wieder neu zu erfinden. Mehr zur bewegten Geschichte von Techno gibt es in unserem »20 Jahre Intro Spezial«.

Lasst uns ganz am Anfang beginnen: Wie seid ihr zum ersten Mal mit Techno in Berührung gekommen?

Alex: Die ersten Berührungspunkte mit Techno hatte ich durch meinen Job im Plattenladen Underground Solution in Hamburg. Das war so 1996/97. Damals konnte ich mit Techno noch gar nicht sonderlich viel anfangen. Das war die Zeit, als alles ganz schnell und schranzig war. Erst allmählich bin ich dann auch auf so Underground-Resistance-Sachen gestoßen.

Paul: Bei mir war es so um 1990. Mein Bruder und ich kamen gerade aus dem Ferienlager und hörten das erste Mal Technotronic. Da war ich vielleicht dreizehn. Damals fing das auch langsam mit dem Ausgehen an. Wir stammen ja aus Lichtenberg, das war dann so Ostberliner Jugendclub-Style. Da lief samstags von sechs Uhr abends bis Mitternacht eben Techno. Berlin-Mitte war für uns damals noch ganz weit weg.

Gernot: Bei mir fing es auch mit Technotronic an, so in der siebten oder achten Klasse. Szary und ich gingen auf die gleiche Schule. Später gab es in den alten Zementwerken dann die ersten Underground-Partys. Da hat Szary aufgelegt und war der coole DJ. Ich war damals noch der kleene Hansi und hab ihm immer auf die Finger geguckt, dann aber irgendwann selbst angefangen mit dem Auflegen. Mein erster Plattenladen war Hardwax. Damals noch auf der Reichenberger Straße. Die erste richtige Technoplatte war ein Derrick-May-Remix von „Sueno Latino“ – May hat die Idee zu dem Remix von Manuel Göttsching geklaut, von »E2-E4«, dieser Schachspielkomposition. Das war so kurz nach dem Mauerfall. Das war das erste Mal, dass ich Musik gehört hatte, von der ich nicht genau wusste, was es ist. Das Stück war wirklich revolutionär. Danach ging es mit der elektronischen Musik eigentlich nur noch bergab.

Paul: Der Plattenladen war ja immer so ein Territorium, in dem man sich auch erst einmal durchsetzen musste. Gerade, als man so jung war. Es gab immer die Cracks, die direkt hinter die Theke gegangen sind und ihre dreißig Platten in die Hand gedrückt bekommen haben. Und man selbst stand erst mal unsicher da herum und hatte die Hände in den Taschen.

Gernot: Ich weiß noch, als ich zum ersten Mal im Hardwax Tanith gesehen habe. Der Typ stand da in seinen Camouflagehosen und kam mir unglaublich riesig vor. Damals kursierte ja dieses eine Bild von ihm auf dem Panzer, wo er mit einem Totenkopf posierte. Der sah aus wie ein Voodoopriester aus der Technohölle. Aber als ich ihn dann reden hörte, dachte ich nur: »Gott, der ist ja total lieb.« Da ist dieses böse Image schon ein bisschen abgebröckelt.

Marcel: Es gab ja auch diese ganzen unterschiedlichen Gruppierungen. Ich war der Synthiepop-Typ mit Lederjacke und weißer Jeans. Irgendwann kam dann Industrial dazu: Front 242, Nitzer Ebb und so Zeug. Der erste Club, in dem ich gelandet bin, war das Linientreu am Zoo, das waren EBM-Partys. Aber richtig einschneidend war das erste Mal im Tresor. Da war ich vielleicht vierzehn, fünfzehn. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal da reinkam, und da stand tatsächlich so ein Indianer mitten auf der Tanzfläche.

Gernot: Der E-Werk-Indianer! Klar, kennt jeder, der war legendär.

Marcel: Ab da ging es für mich mit Techno richtig los. Wir hatten ja auch einen Plattenladen in Fürstenwalde, das ist eine halbe Stunde von Berlin. Der hat uns dann immer Platten bestellt. Ich hatte nie CDs oder so. Das war für uns nach der Wende auch überhaupt nicht relevant. Ich habe immer alles auf Schallplatte gehabt.

Gernot: CD war uncool. Neben HipHop ist Techno ja die Musikrichtung, für die Vinyl als Medium unglaublich wichtig war. Du musstest eben mit Turntables umgehen können. Man stand im Tresor die ganze Zeit neben dem Mischpult und hat gespottet, was der DJ so macht. Ich weiß noch, als ich mal Hazel B im E-Werk gesehen habe. Die sah eh schon so krass aus mit ihrer Glatze, diese kleine Frau mit ihrem harten Brettersound. Ich hab dann nur auf die Nadel gestarrt und gedacht: „Wahnsinn, dieses kleine Millimeterding ist tatsächlich imstande, einen solchen Krach zu machen. Das will ich auch können.“

Paul: Ab 1997 kam dann so der Neustart, oder? Loveparade mit 1,4 Millionen Besuchern, die Großen hatten alles abgegrast. Dann ging es erst richtig los mit Techno, wie wir ihn heute kennen. Plötzlich kamen ganz viele neue Leute hoch, und in Berlin ging tatsächlich wieder was.

Gernot: Stimmt, so Ende der Neunziger war die erste große Technoblase geplatzt. Das war die Zeit, wo wir auch selbst angefangen haben, Partys zu machen. Szary und ich haben zusammen mit der Pfadfinderei jeden Donnerstag „Labstyle“ im Kurvenstar gemacht, da waren vielleicht so 150 Leute. Später sind wir dann ins WMF umgezogen, und dann ging es plötzlich richtig ab.

Alex: Ich bin da echt ein bisschen neidisch, in Hamburg gab es gar nicht so gute Technoclubs. Hamburg war eigentlich immer eher housig. Obwohl man den Berlin-Sound natürlich schon mitbekommen hat. Und den Frankfurt-Sound.

Paul: Es gab ja in ganz vielen Städten eine richtig vitale Szene. In München mit DJ Hell, Köln mit den Kompakt-Leuten. Es ging ja nicht nur in Berlin ab.

Gernot: Mit diesem ganzen langen exzessiven Feiern und so weiter, das ging ja streng genommen erst Anfang der Nullerjahre los. Auf einmal gab es wieder Tracks, die elf Minuten lang waren. Ich glaube, das ist ja auch das Großartige an dieser Musik: Techno hat es geschafft, sich über die Jahre hinweg immer wieder neu zu erfinden. Und so gemischt und bunt, wie er jetzt ist, war es noch nie.

Marcel: Ich würde aber schon behaupten, dass früher tendenziell mehr experimentiert worden ist, gerade von Seiten der DJs. Die haben mal einen Electrotrack gespielt, dann Techno, dann einen Housetrack, einen Discotrack …

Paul: Stimmt schon, heute wird eher Wasserdichtes an Wasserdichtes gereiht. Minimier das Risiko. Das Gefühl habe ich leider auch ein bisschen.

Ihr habt es gerade angesprochen: Im Laufe der letzten Jahre hat sich eine neue Berliner Ausgehkultur entwickelt. Es gibt endlose Afterhours, unglaublich viele Feiertouristen, und die Technokathedrale Berghain gilt gewissermaßen als ihr Sehnsuchtsort. Marcel, dein Name ist natürlich eng mit dem Club verwoben, und du stehst für sehr lange, ausufernde Sets. Inwieweit hat denn der Club selbst dein Auflegen geprägt?

Marcel: Für mich ist das Berghain einfach die perfekte Symbiose. Ich könnte mir den Club in keiner anderen Stadt vorstellen. Genau so empfinde ich das auch, wenn ich da spiele, das ist immer 100%. Es ist einfach etwas komplett anderes, als wenn ich in einer anderen Stadt in einem anderen Laden spiele. Und klar, die Dauer der Sets ist natürlich etwas Besonderes.

Paul: Das Berghain hat ja gewissermaßen die Idee der Afterhour entweiht, weil es einfach kein Ende gibt. Früher musste man die Afterhour noch als solche deklarieren, heute geht man eben sonntagnachmittags ganz normal ins Berghain. Die Sache mit dem Easyjetset entspricht deswegen dem Lauf der Dinge. Früher haben die Touristen gesagt: „Geil, ich habe eine Woche frei und fliege nach Mallorca.“ Heute sagen sie eben: „Nee, ick will nach Berlin.“

Gernot: Es gibt aber neben den Touris auch noch echte Berliner im Berghain. Die gehen halt nur anders aus. Die gehen mit ihrer Familie samstags schön essen, dann um zwölf schlafen und erst am nächsten Mittag ins Berghain. Da wird dann zum Brunch der erste Wodka Red Bull getrunken.

Marcel: Ich fange um neun Uhr morgens an – ab elf wird’s dann bummsvoll, das ist wirklich Wahnsinn – und spiele bis abends zum »Tatort«.

Szary: Das ist wahrscheinlich ein typisches Berlin-Ding. In anderen Städten ist es ja wieder komplett anders. In Dublin gehst du um elf Uhr abends in den Club und bist um zwei wieder im Hotel. Die Leute schießen sich dann eben bis zwei total ab. Ich finde das auch toll, weil es so kompakt ist.

Marcel: Aber wenn du zehn oder elf Stunden spielst, hast du natürlich eine ganz andere Welle. Du hast deine 250 Platten dabei und fängst einfach an und spielst. Du brauchst meistens erst mal eine Stunde, um reinzukommen, und irgendwann läuft es, und plötzlich guckst du hoch, und es ist 20 Uhr. Du bist wie in einem Film. In Italien spielst du zwei Stunden und musst in der Zeit alles verpacken. Du musst viel schneller dieses Euphorielevel erreichen. Das geht natürlich auch, ist aber viel schwieriger. Von daher hat das Berghain natürlich mein Auflegen und auch die von mir produzierte Musik enorm geprägt.

Gernot: Das ist bei uns schon komplett anders: Wenn wir mit Modeselektor live spielen, ist eine Stunde und fünfzehn Minuten schon hart an der Grenze. Ich bin da eher für die kurze und schmerzhafte Variante.

Marcel: Als DJ zehn Stunden zu spielen ist natürlich auch enorm anstrengend. Deshalb ist bei mir montags immer Ruhetag. Wie beim Friseur.

Alex: Ich spiele ja eher vor jüngeren Leuten. Man merkt leider schon, dass da ein bisschen diese Kultur fehlt. Die kennen diese Acht-Stunden-Sets gar nicht mehr, die könnten damit gar nicht richtig umgehen.

Gernot: Mittlerweile hat es sich ja auch durchgesetzt, dass die Kids YouTube-Videos filmen. Die filmen natürlich immer die Highlights, da, wo gedived wird, wo sich ausgezogen wird, der Schampus fliegt und alles kaputt gemacht wird. Entsprechend verhalten die sich auch auf den Konzerten. Dann hast du irgendwelche Kids in Texas, die Modeselektor noch nie gesehen haben, die wollen das natürlich auch so wie in den Videos erleben und verhalten sich dann eben auch so.

Alex: Klar stellt das die Idee von Techno auf den Kopf. Am Anfang war es ja erst einmal egal, wer auf der Bühne stand, es ging in erster Linie um die Musik. Man hört Musik, man verliert sich darin.

Marcel: Du musst die Leute da natürlich auch ranführen.

Paul: Bei mir ist es ja eher so ein Zwischending. Ich spiele zwar live, aber in der Regel schon über vier Stunden.

Marcel: Wie machst du das eigentlich mit dem Aufs-Klo-Gehen? Stück laufen lassen, Bass raus und dann weg?

Paul: Nö, ich gehe einfach von der Bühne und mach die Musik aus. Das ist ja das Schöne: Ich kann dann wiederkommen, und die Leute klatschen halt. Wie bei einem normalen Konzert.

Ihr habt ja alle mittlerweile ein gewisses Standing erreicht. Was man nicht nur an euren DJ- und Livebookings und der Resonanz auf die Platten sehen kann, sondern auch an der Unmenge von Anfragen für Fremdproduktionen und Remixe. Ist es nicht absurd, ans Telefon zu gehen und plötzlich alte Helden aus der Kindheit am Hörer zu haben?

Alex: Klar, es war schon krass, als 2006 plötzlich Depeche Mode einen Remix angefragt haben. Das war auch der Moment, wo ich dachte: »Fett, jetzt passiert irgendwas, das ich nicht mehr so richtig unter Kontrolle habe.« Das war absurd. Da kommen wir natürlich zurück zu diesem Technogedanken. Der bestand eben darin, tausend Platten zu pressen, die man nur im Plattenladen findet. Keine Promo. Kein Gesicht dahinter. So hat das ja bei uns allen angefangen. Dass man seine Musik erst mal nur für andere DJs oder sich selbst macht.

Szary: Man wollte ja nicht mal seine Fresse auf dem Cover der Platte haben. Es ging ja schon prinzipiell um eine bewusste Gesichtslosigkeit.

Alex: Das hat dann aber irgendwann ganz neue Dimensionen erreicht, die man nicht mehr kontrollieren konnte, vor allem durch das Internet. Früher konnte ich meine Platten spielen, und die kannte man in der Regel nicht. Natürlich gab es immer schon irgendwelche Clubhits, aber die hat man als DJ ja bewusst nicht gespielt. Jetzt ist durch YouTube und so weiter alles zugänglich geworden, die Leute sind nicht mehr so leicht zu überraschen.

Marcel: Stimmt, früher hat man Tapes gehört und Stücke gehabt, von denen man absolut keine Ahnung hatte, was das war. Die hat man dann vielleicht durch Zufall zehn Jahre später irgendwo im Secondhandladen gefunden.

Alex: Aber um noch mal zurückzukommen auf diese Remixnummer mit den Superstars: Ich bin da ja nie groß abgehoben. Außerdem hatte ich besonders in Deutschland nie sonderlich großen Erfolg. Du kannst vermutlich jedes beliebige deutschsprachige Magazin aufschlagen und würdest nie irgendwo ein Boysnoize-Records-Release auf Platz 1 der Charts finden – deswegen hatte ich eh schon immer so eine „Mir alles egal“-Haltung, was hier abgeht.

Szary: Boysie ist halt unser Mann in Amerika. Paul, was ist eigentlich mit dir und Amerika?

Paul: Das ist gerade so im Entstehungsprozess. Man hört ja auch in ganz vielen Popproduktionen, dass der 4/4-Beat langsam Einzug hält. Das Problem in den USA ist nur, dass man dort als elektronischer Act immer competen muss mit Leuten wie ATB und Paul Van Dyk. Die verstehen nicht so ganz, dass nicht alles mit 4/4-Beat dasselbe ist.

Alex: Aber selbst die Leute aus Detroit haben in den USA ja nie in großen Rahmen gespielt, das lief immer nur auf so einer Underground-Ebene ab. Die haben sich ja zum Teil gewundert, was hier in Europa los war.

Gernot: Aber auf diese Unterscheidungen gibt man doch eh nicht viel, oder? Ich finde es gerade in unserem Bereich wichtig, Experimente zu wagen und sich erst mal einen Teufel drum zu scheren, wie das auf den großen Bühnen ankommt. Wir hatten schon so viele Shows, wo wir die Leute wirklich gespalten haben. Aber die 50 Prozent, die es gut fanden, die kamen eben auch zu den nächsten Gigs wieder. Darauf muss man bauen. Ich find es schon enorm wichtig, dass man nicht in so eine reine Dienstleister-Mentalität verfällt.

Paul: Na ja, aber du bist ja irgendwie schon Dienstleister. In dem Moment, wo du nach zwei Stunden Spaßhaben von der Bühne kommst, und jemand steckt dir einen Umschlag mit Geld zu, bist du eben Dienstleister. Ich kann ja auch schwer auf die Bühne gehen und sagen: »Sky And Sand« spiele ich heute nicht.

Wo du es schon ansprichst: Für dich ist es vermutlich auch ein bisschen nervig, dass du immer mit diesem einen Track identifiziert wirst, oder?

Paul: Es tut noch nicht so weh, dass man denkt: »Ich kann das Stück nicht mehr hören.« Ich hatte ja sogar noch ein paar ähnliche Stücke auf der Festplatte, auf denen Fritz [Kalkbrenner, Pauls Bruder und Sänger von »Sky And Sand«] gesungen hat. Ich glaube, wir hätten relativ schnell eine ähnliche Single auf den Markt werfen können, aber genau das wollten wir eben nicht.

Jedenfalls wird jetzt erst mal ein paar Jahre lang in meinen Produktionen nicht mehr gesungen. Ich würde eigentlich lieber ein Album machen, das so klingt wie mein »Self«-Album von vor sieben Jahren. Ich profitiere natürlich gerade ein bisschen davon, machen zu können, was ich will. Die Erwartungshaltung der Leute ist da erst einmal egal.

Gernot: Es ist ja die Aufgabe des Künstlers, im Studio diesen Druck ausblenden zu können. Ich krieg das zum Beispiel oft bei Apparat mit, wenn der eine Platte macht und knapp an einer Psychotherapie vorbeischlittert. Weil der das natürlich sehr ernst nimmt und wahnsinnige Ansprüche an sich selbst hat.

Alex: Ich arbeite gerade an einem Track, der relativ untypisch für mich ist, der eigentlich mehr an Detroit und Robert Hood orientiert ist. Der soll sogar auf R&S Records kommen. Wo ich mich dann aber auch ertappe und denke: »Ist das wirklich noch Boys Noize? Ist das nicht zu viel Loop? Ist das denn das, was die Leute mit meinem Namen verbinden?« Aber klar, vermutlich sollte man sich von solchen Gedanken frei machen können.

Paul: Man hat ja nach so vielen Jahren Muckemachen auch irgendwann seinen Fundus, sein Archiv, aus dem man sich bedient. Und man hat natürlich auch ein Hobby verloren – Musik als Hobby, das gibt es einfach nicht mehr.

 

48h mit Marcel Dettmann

Intro hat vier der derzeit spannendsten Technoprotagonisten durch 2 Tage und Nächte begleitet. Thomas Venker und Sebastian Ingenhoff waren mit Marcel Dettmann im Berliner Berghain.

(Text: Sebastian Ingenhoff & Thomas Venker)

 

dettmann

 

27.02.2011, 00:01h, Berlin-Mitte, Wohnung Dettmann
Marcel Dettmann
öffnet die Wohnungstür und bittet herein. Er ist gerade erst vom Flughafen heimgekommen. Die letzten zwei Nächte hat er in Leeds und Stockholm aufgelegt und kaum geschlafen. Doch es gibt keine Schonung: Das monatliche Marathon-Set im Berghain steht bevor. Trotzdem sieht er erstaunlich fit aus. Sein Rezept: viel Sport, Drogenverzicht und gesunde Ernährung.

27.02.2011, 00:36h, Berlin-Mitte, Wohnung Dettmann
Dettmann freut sich über das mitgebrachte Kioskbier. Er erweist sich als umgänglich, allürenfrei. Jetzt heißt es, Platten packen. Dettmann setzt auf Vinyl, nimmt für ein 7-Stunden-Set ca. 250 Platten mit. 30 bis 40 Lieblingsplatten sind immer dabei, ansonsten wird das Case für jeden Gig neu bepackt.

27.02.2011, 03:00h, Berlin-Mitte, Wohnung Dettmann
Plattentasche gepackt. Zeit für ein kleines Disco-Schläfchen.

27.02.2011, 08:00h, Berlin-Mitte, Wohnung Dettmann
Der Wecker klingelt. Frühstück mit Ehefrau Stephanie und Kaffee und Brötchen. Nur noch drei Stunden bis zum Gig. Die Anspannung wächst. Dettmann nennt es »das Berghain-Lampenfieber«.

27.02.2011, 10:13h, Berlin-Mitte, Wohnung Dettmann
Aufbruch mit dem Taxi ins Berghain. Guter Vorsatz : gesundes Ausgehen. Kein Alkohol, keine Drogen, keine Zigaretten. Dettmann, der oft schon montagmorgens um 8 Uhr den ersten Personal-Trainer-Termin der Woche hat, bittet auch gleich zum Sport: Man darf eine Plattenkiste schleppen.

27.02.2011, 10:48h, Berlin, Berghain
Es ist ein herrlicher Tag, die Sonne scheint, wir werden sie heute allerdings nicht mehr sehen. Paralleluniversum Berghain. Der Künstler wird per Aufzug direkt zum Backstage gefahren. Die Pforten der Hölle öffnen sich. Tommy Four Sven brettert noch in den letzten Zügen durch sein Set. Die Bässe wummern infernalisch. Allein die Monitorboxen sind gefühlte dreißigmal lauter als in jedem herkömmlichen Club. Vom DJ-Pult aus hat man einen atemberaubenden Panoramablick auf die mit Stroboskop-Zombies gefüllte Tanzfläche.

27.02.2011, 11:11h, Berlin, Berghain
Schichtwechsel im Berghain: Dettmann spielt sein erstes Stück und trinkt Sekt auf Eis. Frisches Blut jetzt auch auf der Tanzfläche. Viele erscheinen erst vormittags pünktlich zu seinem Set. Die ersten Groupies bauen sich vor dem DJ-Pult auf und betreiben Plattenspotting. Neben den Fans sind viele Freunde und Bekannte anwesend. Man reicht sich Shots. Das Konzept des »gesunden Ausgehens« wird spontan zur Schnapsidee umfunktioniert und mit selbigem begossen. Immerhin knapp eine Stunde durchgehalten, das Ganze.

27.02.2011, 13:23h, Berlin, Berghain
Dettmann fährt nach dem Bretterset des Vorgängers wieder etwas runter und spielt sehr gefühlvoll. Kein reines Technoset, sondern auch House. Zwischendurch immer wieder poppigere Stücke, ein Ron-Hardy-Edit schält sich zwischenzeitlich heraus, dann sogar ein Stück von Human League. Minutenlange Übergänge, perfektes Mixing. Bei dem Lärmpegel auf der Bühne eine Kunst für sich.

27.02.2011, 15:21h, Berlin, Berghain
Depeche Modes »Photographic« lässt das Berghain toben. Die Tanzfläche ist gut gefüllt. Sehr angenehme Atmosphäre, man lächelt sich an, halbnackte Gay Bears mit Körperbehaarung tanzen friedlich neben Hipstern und Touris. Gelebter Technokommunismus: Zigaretten, Wasser und Streicheleinheiten werden sorgsam geteilt. One nation under one groove.

27.02.2011, 15:55h, Berlin, Berghain
Der Chicago-House-Track mit der besten Bassline aller Zeiten is making people sick: Adonis‘ »No Way Back« lässt wirklich jeden euphorisch aufschreien. Die Arme gehen wie von allein hoch.

27.02.2011, 16:18h, Berlin, Berghain
Ein junger, schmalhüftiger Tänzer entert das DJ-Pult und fängt an zu masturbieren. Die Hose hängt schon in den Kniekehlen. Die gewünschte Erektion will sich jedoch beim besten Willen nicht einstellen. Die Umstehenden starren eher amüsiert auf seinen schrumpeligen Speedpimmel. Unbefriedigter Dinge verlässt er die Bühne. Die Security muss nicht einschreiten. Dettmann kriegt von dem ganzen Spektakel nichts mit.

27.02.2011, 17:23h, Berlin, Berghain
Das Set neigt sich dem Ende zu. Nachfolger Chris Liebing baut schon seinen Laptop-Fuhrpark auf. Dann ist mit einem Detroit-Klassiker um 17:23h Schluss – bereits zwei Minuten später hat Dettmann den Titel seines letzten Stücks vergessen, scheint sich immer noch in Trance zu bewegen. Die Freunde kommen zum Gratulieren hinter das DJ-Pult, es gibt Shots und Umarmungen mit der Community.

27.02.2011, 17:27h, Berlin, Berghain
Ab in den Aufzug und raus aus dem Berghain. Das Intro-Fotoshooting steht an, denn im Berghain selbst herrscht striktes Fotoverbot. Die gerade erschienene Fotografin Sibilla Calzolari schaut uns mit großen Augen an. Wir blicken mit großen Augen zurück.

27.02.2011, 21:40h, Berlin, Berghain
Nach dem Set ist vor der Party. Die Dettmann-Posse feiert weiter in der angegliederten Panorama Bar.

27.02.2011, 22:37h, Berlin, Berghain
Ein umsichtiges Mädchen sorgt sich um die trockenen Lippen von Sebastian Ingenhoff, dessen Zurechnungsfähigkeit längst eingebrochen ist. Sie hat sich Lippenbalsam auf die Fingerkuppe geschmiert und will es ihm zärtlich auf den Mund tragen. Der wiederum wittert Exzess und saugt den Balsam von dem Finger wie ein Baby. Wieherndes Gelächter.

28.02.2011, 00:43h, Berlin, Berghain
Dettmanns Arbeitstag geht zu Ende. Er macht sich mit seiner Frau auf den Heimweg. Ganz nüchtern wirkt er nicht mehr, dafür aber umso erfüllter. Ob er wirklich um acht Uhr morgens beim Personal Trainer aufläuft? Vielleicht diesmal eher nicht. Aber wer will schon immer vernünftig sein?