Techno Roundtable mit Paul Kalkbrenner, Modeselektor, Boys Noize und Marcel Dettmann

(erschienen in intro April 2011)

Thomas Venker und Sebastian Ingenhoff bitten fünf der aktuell meistgebuchten und wichtigsten Szene-Repräsentanten aus Europas Techno-Hauptstadt Berlin zu einem Gespräch über den Status quo der Clubkultur an den runden Tisch.

Seit 1988 die legendäre Compilation »Techno! The New Dance Sound Of Detroit« erschien, hat Techno weite Wege zurückgelegt und es dabei wie kaum eine andere Musikrichtung geschafft, sich immer wieder neu zu erfinden. Mehr zur bewegten Geschichte von Techno gibt es in unserem »20 Jahre Intro Spezial«.

Lasst uns ganz am Anfang beginnen: Wie seid ihr zum ersten Mal mit Techno in Berührung gekommen?

Alex: Die ersten Berührungspunkte mit Techno hatte ich durch meinen Job im Plattenladen Underground Solution in Hamburg. Das war so 1996/97. Damals konnte ich mit Techno noch gar nicht sonderlich viel anfangen. Das war die Zeit, als alles ganz schnell und schranzig war. Erst allmählich bin ich dann auch auf so Underground-Resistance-Sachen gestoßen.

Paul: Bei mir war es so um 1990. Mein Bruder und ich kamen gerade aus dem Ferienlager und hörten das erste Mal Technotronic. Da war ich vielleicht dreizehn. Damals fing das auch langsam mit dem Ausgehen an. Wir stammen ja aus Lichtenberg, das war dann so Ostberliner Jugendclub-Style. Da lief samstags von sechs Uhr abends bis Mitternacht eben Techno. Berlin-Mitte war für uns damals noch ganz weit weg.

Gernot: Bei mir fing es auch mit Technotronic an, so in der siebten oder achten Klasse. Szary und ich gingen auf die gleiche Schule. Später gab es in den alten Zementwerken dann die ersten Underground-Partys. Da hat Szary aufgelegt und war der coole DJ. Ich war damals noch der kleene Hansi und hab ihm immer auf die Finger geguckt, dann aber irgendwann selbst angefangen mit dem Auflegen. Mein erster Plattenladen war Hardwax. Damals noch auf der Reichenberger Straße. Die erste richtige Technoplatte war ein Derrick-May-Remix von „Sueno Latino“ – May hat die Idee zu dem Remix von Manuel Göttsching geklaut, von »E2-E4«, dieser Schachspielkomposition. Das war so kurz nach dem Mauerfall. Das war das erste Mal, dass ich Musik gehört hatte, von der ich nicht genau wusste, was es ist. Das Stück war wirklich revolutionär. Danach ging es mit der elektronischen Musik eigentlich nur noch bergab.

Paul: Der Plattenladen war ja immer so ein Territorium, in dem man sich auch erst einmal durchsetzen musste. Gerade, als man so jung war. Es gab immer die Cracks, die direkt hinter die Theke gegangen sind und ihre dreißig Platten in die Hand gedrückt bekommen haben. Und man selbst stand erst mal unsicher da herum und hatte die Hände in den Taschen.

Gernot: Ich weiß noch, als ich zum ersten Mal im Hardwax Tanith gesehen habe. Der Typ stand da in seinen Camouflagehosen und kam mir unglaublich riesig vor. Damals kursierte ja dieses eine Bild von ihm auf dem Panzer, wo er mit einem Totenkopf posierte. Der sah aus wie ein Voodoopriester aus der Technohölle. Aber als ich ihn dann reden hörte, dachte ich nur: »Gott, der ist ja total lieb.« Da ist dieses böse Image schon ein bisschen abgebröckelt.

Marcel: Es gab ja auch diese ganzen unterschiedlichen Gruppierungen. Ich war der Synthiepop-Typ mit Lederjacke und weißer Jeans. Irgendwann kam dann Industrial dazu: Front 242, Nitzer Ebb und so Zeug. Der erste Club, in dem ich gelandet bin, war das Linientreu am Zoo, das waren EBM-Partys. Aber richtig einschneidend war das erste Mal im Tresor. Da war ich vielleicht vierzehn, fünfzehn. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal da reinkam, und da stand tatsächlich so ein Indianer mitten auf der Tanzfläche.

Gernot: Der E-Werk-Indianer! Klar, kennt jeder, der war legendär.

Marcel: Ab da ging es für mich mit Techno richtig los. Wir hatten ja auch einen Plattenladen in Fürstenwalde, das ist eine halbe Stunde von Berlin. Der hat uns dann immer Platten bestellt. Ich hatte nie CDs oder so. Das war für uns nach der Wende auch überhaupt nicht relevant. Ich habe immer alles auf Schallplatte gehabt.

Gernot: CD war uncool. Neben HipHop ist Techno ja die Musikrichtung, für die Vinyl als Medium unglaublich wichtig war. Du musstest eben mit Turntables umgehen können. Man stand im Tresor die ganze Zeit neben dem Mischpult und hat gespottet, was der DJ so macht. Ich weiß noch, als ich mal Hazel B im E-Werk gesehen habe. Die sah eh schon so krass aus mit ihrer Glatze, diese kleine Frau mit ihrem harten Brettersound. Ich hab dann nur auf die Nadel gestarrt und gedacht: „Wahnsinn, dieses kleine Millimeterding ist tatsächlich imstande, einen solchen Krach zu machen. Das will ich auch können.“

Paul: Ab 1997 kam dann so der Neustart, oder? Loveparade mit 1,4 Millionen Besuchern, die Großen hatten alles abgegrast. Dann ging es erst richtig los mit Techno, wie wir ihn heute kennen. Plötzlich kamen ganz viele neue Leute hoch, und in Berlin ging tatsächlich wieder was.

Gernot: Stimmt, so Ende der Neunziger war die erste große Technoblase geplatzt. Das war die Zeit, wo wir auch selbst angefangen haben, Partys zu machen. Szary und ich haben zusammen mit der Pfadfinderei jeden Donnerstag „Labstyle“ im Kurvenstar gemacht, da waren vielleicht so 150 Leute. Später sind wir dann ins WMF umgezogen, und dann ging es plötzlich richtig ab.

Alex: Ich bin da echt ein bisschen neidisch, in Hamburg gab es gar nicht so gute Technoclubs. Hamburg war eigentlich immer eher housig. Obwohl man den Berlin-Sound natürlich schon mitbekommen hat. Und den Frankfurt-Sound.

Paul: Es gab ja in ganz vielen Städten eine richtig vitale Szene. In München mit DJ Hell, Köln mit den Kompakt-Leuten. Es ging ja nicht nur in Berlin ab.

Gernot: Mit diesem ganzen langen exzessiven Feiern und so weiter, das ging ja streng genommen erst Anfang der Nullerjahre los. Auf einmal gab es wieder Tracks, die elf Minuten lang waren. Ich glaube, das ist ja auch das Großartige an dieser Musik: Techno hat es geschafft, sich über die Jahre hinweg immer wieder neu zu erfinden. Und so gemischt und bunt, wie er jetzt ist, war es noch nie.

Marcel: Ich würde aber schon behaupten, dass früher tendenziell mehr experimentiert worden ist, gerade von Seiten der DJs. Die haben mal einen Electrotrack gespielt, dann Techno, dann einen Housetrack, einen Discotrack …

Paul: Stimmt schon, heute wird eher Wasserdichtes an Wasserdichtes gereiht. Minimier das Risiko. Das Gefühl habe ich leider auch ein bisschen.

Ihr habt es gerade angesprochen: Im Laufe der letzten Jahre hat sich eine neue Berliner Ausgehkultur entwickelt. Es gibt endlose Afterhours, unglaublich viele Feiertouristen, und die Technokathedrale Berghain gilt gewissermaßen als ihr Sehnsuchtsort. Marcel, dein Name ist natürlich eng mit dem Club verwoben, und du stehst für sehr lange, ausufernde Sets. Inwieweit hat denn der Club selbst dein Auflegen geprägt?

Marcel: Für mich ist das Berghain einfach die perfekte Symbiose. Ich könnte mir den Club in keiner anderen Stadt vorstellen. Genau so empfinde ich das auch, wenn ich da spiele, das ist immer 100%. Es ist einfach etwas komplett anderes, als wenn ich in einer anderen Stadt in einem anderen Laden spiele. Und klar, die Dauer der Sets ist natürlich etwas Besonderes.

Paul: Das Berghain hat ja gewissermaßen die Idee der Afterhour entweiht, weil es einfach kein Ende gibt. Früher musste man die Afterhour noch als solche deklarieren, heute geht man eben sonntagnachmittags ganz normal ins Berghain. Die Sache mit dem Easyjetset entspricht deswegen dem Lauf der Dinge. Früher haben die Touristen gesagt: „Geil, ich habe eine Woche frei und fliege nach Mallorca.“ Heute sagen sie eben: „Nee, ick will nach Berlin.“

Gernot: Es gibt aber neben den Touris auch noch echte Berliner im Berghain. Die gehen halt nur anders aus. Die gehen mit ihrer Familie samstags schön essen, dann um zwölf schlafen und erst am nächsten Mittag ins Berghain. Da wird dann zum Brunch der erste Wodka Red Bull getrunken.

Marcel: Ich fange um neun Uhr morgens an – ab elf wird’s dann bummsvoll, das ist wirklich Wahnsinn – und spiele bis abends zum »Tatort«.

Szary: Das ist wahrscheinlich ein typisches Berlin-Ding. In anderen Städten ist es ja wieder komplett anders. In Dublin gehst du um elf Uhr abends in den Club und bist um zwei wieder im Hotel. Die Leute schießen sich dann eben bis zwei total ab. Ich finde das auch toll, weil es so kompakt ist.

Marcel: Aber wenn du zehn oder elf Stunden spielst, hast du natürlich eine ganz andere Welle. Du hast deine 250 Platten dabei und fängst einfach an und spielst. Du brauchst meistens erst mal eine Stunde, um reinzukommen, und irgendwann läuft es, und plötzlich guckst du hoch, und es ist 20 Uhr. Du bist wie in einem Film. In Italien spielst du zwei Stunden und musst in der Zeit alles verpacken. Du musst viel schneller dieses Euphorielevel erreichen. Das geht natürlich auch, ist aber viel schwieriger. Von daher hat das Berghain natürlich mein Auflegen und auch die von mir produzierte Musik enorm geprägt.

Gernot: Das ist bei uns schon komplett anders: Wenn wir mit Modeselektor live spielen, ist eine Stunde und fünfzehn Minuten schon hart an der Grenze. Ich bin da eher für die kurze und schmerzhafte Variante.

Marcel: Als DJ zehn Stunden zu spielen ist natürlich auch enorm anstrengend. Deshalb ist bei mir montags immer Ruhetag. Wie beim Friseur.

Alex: Ich spiele ja eher vor jüngeren Leuten. Man merkt leider schon, dass da ein bisschen diese Kultur fehlt. Die kennen diese Acht-Stunden-Sets gar nicht mehr, die könnten damit gar nicht richtig umgehen.

Gernot: Mittlerweile hat es sich ja auch durchgesetzt, dass die Kids YouTube-Videos filmen. Die filmen natürlich immer die Highlights, da, wo gedived wird, wo sich ausgezogen wird, der Schampus fliegt und alles kaputt gemacht wird. Entsprechend verhalten die sich auch auf den Konzerten. Dann hast du irgendwelche Kids in Texas, die Modeselektor noch nie gesehen haben, die wollen das natürlich auch so wie in den Videos erleben und verhalten sich dann eben auch so.

Alex: Klar stellt das die Idee von Techno auf den Kopf. Am Anfang war es ja erst einmal egal, wer auf der Bühne stand, es ging in erster Linie um die Musik. Man hört Musik, man verliert sich darin.

Marcel: Du musst die Leute da natürlich auch ranführen.

Paul: Bei mir ist es ja eher so ein Zwischending. Ich spiele zwar live, aber in der Regel schon über vier Stunden.

Marcel: Wie machst du das eigentlich mit dem Aufs-Klo-Gehen? Stück laufen lassen, Bass raus und dann weg?

Paul: Nö, ich gehe einfach von der Bühne und mach die Musik aus. Das ist ja das Schöne: Ich kann dann wiederkommen, und die Leute klatschen halt. Wie bei einem normalen Konzert.

Ihr habt ja alle mittlerweile ein gewisses Standing erreicht. Was man nicht nur an euren DJ- und Livebookings und der Resonanz auf die Platten sehen kann, sondern auch an der Unmenge von Anfragen für Fremdproduktionen und Remixe. Ist es nicht absurd, ans Telefon zu gehen und plötzlich alte Helden aus der Kindheit am Hörer zu haben?

Alex: Klar, es war schon krass, als 2006 plötzlich Depeche Mode einen Remix angefragt haben. Das war auch der Moment, wo ich dachte: »Fett, jetzt passiert irgendwas, das ich nicht mehr so richtig unter Kontrolle habe.« Das war absurd. Da kommen wir natürlich zurück zu diesem Technogedanken. Der bestand eben darin, tausend Platten zu pressen, die man nur im Plattenladen findet. Keine Promo. Kein Gesicht dahinter. So hat das ja bei uns allen angefangen. Dass man seine Musik erst mal nur für andere DJs oder sich selbst macht.

Szary: Man wollte ja nicht mal seine Fresse auf dem Cover der Platte haben. Es ging ja schon prinzipiell um eine bewusste Gesichtslosigkeit.

Alex: Das hat dann aber irgendwann ganz neue Dimensionen erreicht, die man nicht mehr kontrollieren konnte, vor allem durch das Internet. Früher konnte ich meine Platten spielen, und die kannte man in der Regel nicht. Natürlich gab es immer schon irgendwelche Clubhits, aber die hat man als DJ ja bewusst nicht gespielt. Jetzt ist durch YouTube und so weiter alles zugänglich geworden, die Leute sind nicht mehr so leicht zu überraschen.

Marcel: Stimmt, früher hat man Tapes gehört und Stücke gehabt, von denen man absolut keine Ahnung hatte, was das war. Die hat man dann vielleicht durch Zufall zehn Jahre später irgendwo im Secondhandladen gefunden.

Alex: Aber um noch mal zurückzukommen auf diese Remixnummer mit den Superstars: Ich bin da ja nie groß abgehoben. Außerdem hatte ich besonders in Deutschland nie sonderlich großen Erfolg. Du kannst vermutlich jedes beliebige deutschsprachige Magazin aufschlagen und würdest nie irgendwo ein Boysnoize-Records-Release auf Platz 1 der Charts finden – deswegen hatte ich eh schon immer so eine „Mir alles egal“-Haltung, was hier abgeht.

Szary: Boysie ist halt unser Mann in Amerika. Paul, was ist eigentlich mit dir und Amerika?

Paul: Das ist gerade so im Entstehungsprozess. Man hört ja auch in ganz vielen Popproduktionen, dass der 4/4-Beat langsam Einzug hält. Das Problem in den USA ist nur, dass man dort als elektronischer Act immer competen muss mit Leuten wie ATB und Paul Van Dyk. Die verstehen nicht so ganz, dass nicht alles mit 4/4-Beat dasselbe ist.

Alex: Aber selbst die Leute aus Detroit haben in den USA ja nie in großen Rahmen gespielt, das lief immer nur auf so einer Underground-Ebene ab. Die haben sich ja zum Teil gewundert, was hier in Europa los war.

Gernot: Aber auf diese Unterscheidungen gibt man doch eh nicht viel, oder? Ich finde es gerade in unserem Bereich wichtig, Experimente zu wagen und sich erst mal einen Teufel drum zu scheren, wie das auf den großen Bühnen ankommt. Wir hatten schon so viele Shows, wo wir die Leute wirklich gespalten haben. Aber die 50 Prozent, die es gut fanden, die kamen eben auch zu den nächsten Gigs wieder. Darauf muss man bauen. Ich find es schon enorm wichtig, dass man nicht in so eine reine Dienstleister-Mentalität verfällt.

Paul: Na ja, aber du bist ja irgendwie schon Dienstleister. In dem Moment, wo du nach zwei Stunden Spaßhaben von der Bühne kommst, und jemand steckt dir einen Umschlag mit Geld zu, bist du eben Dienstleister. Ich kann ja auch schwer auf die Bühne gehen und sagen: »Sky And Sand« spiele ich heute nicht.

Wo du es schon ansprichst: Für dich ist es vermutlich auch ein bisschen nervig, dass du immer mit diesem einen Track identifiziert wirst, oder?

Paul: Es tut noch nicht so weh, dass man denkt: »Ich kann das Stück nicht mehr hören.« Ich hatte ja sogar noch ein paar ähnliche Stücke auf der Festplatte, auf denen Fritz [Kalkbrenner, Pauls Bruder und Sänger von »Sky And Sand«] gesungen hat. Ich glaube, wir hätten relativ schnell eine ähnliche Single auf den Markt werfen können, aber genau das wollten wir eben nicht.

Jedenfalls wird jetzt erst mal ein paar Jahre lang in meinen Produktionen nicht mehr gesungen. Ich würde eigentlich lieber ein Album machen, das so klingt wie mein »Self«-Album von vor sieben Jahren. Ich profitiere natürlich gerade ein bisschen davon, machen zu können, was ich will. Die Erwartungshaltung der Leute ist da erst einmal egal.

Gernot: Es ist ja die Aufgabe des Künstlers, im Studio diesen Druck ausblenden zu können. Ich krieg das zum Beispiel oft bei Apparat mit, wenn der eine Platte macht und knapp an einer Psychotherapie vorbeischlittert. Weil der das natürlich sehr ernst nimmt und wahnsinnige Ansprüche an sich selbst hat.

Alex: Ich arbeite gerade an einem Track, der relativ untypisch für mich ist, der eigentlich mehr an Detroit und Robert Hood orientiert ist. Der soll sogar auf R&S Records kommen. Wo ich mich dann aber auch ertappe und denke: »Ist das wirklich noch Boys Noize? Ist das nicht zu viel Loop? Ist das denn das, was die Leute mit meinem Namen verbinden?« Aber klar, vermutlich sollte man sich von solchen Gedanken frei machen können.

Paul: Man hat ja nach so vielen Jahren Muckemachen auch irgendwann seinen Fundus, sein Archiv, aus dem man sich bedient. Und man hat natürlich auch ein Hobby verloren – Musik als Hobby, das gibt es einfach nicht mehr.

 

48h mit Marcel Dettmann

Intro hat vier der derzeit spannendsten Technoprotagonisten durch 2 Tage und Nächte begleitet. Thomas Venker und Sebastian Ingenhoff waren mit Marcel Dettmann im Berliner Berghain.

(Text: Sebastian Ingenhoff & Thomas Venker)

 

dettmann

 

27.02.2011, 00:01h, Berlin-Mitte, Wohnung Dettmann
Marcel Dettmann
öffnet die Wohnungstür und bittet herein. Er ist gerade erst vom Flughafen heimgekommen. Die letzten zwei Nächte hat er in Leeds und Stockholm aufgelegt und kaum geschlafen. Doch es gibt keine Schonung: Das monatliche Marathon-Set im Berghain steht bevor. Trotzdem sieht er erstaunlich fit aus. Sein Rezept: viel Sport, Drogenverzicht und gesunde Ernährung.

27.02.2011, 00:36h, Berlin-Mitte, Wohnung Dettmann
Dettmann freut sich über das mitgebrachte Kioskbier. Er erweist sich als umgänglich, allürenfrei. Jetzt heißt es, Platten packen. Dettmann setzt auf Vinyl, nimmt für ein 7-Stunden-Set ca. 250 Platten mit. 30 bis 40 Lieblingsplatten sind immer dabei, ansonsten wird das Case für jeden Gig neu bepackt.

27.02.2011, 03:00h, Berlin-Mitte, Wohnung Dettmann
Plattentasche gepackt. Zeit für ein kleines Disco-Schläfchen.

27.02.2011, 08:00h, Berlin-Mitte, Wohnung Dettmann
Der Wecker klingelt. Frühstück mit Ehefrau Stephanie und Kaffee und Brötchen. Nur noch drei Stunden bis zum Gig. Die Anspannung wächst. Dettmann nennt es »das Berghain-Lampenfieber«.

27.02.2011, 10:13h, Berlin-Mitte, Wohnung Dettmann
Aufbruch mit dem Taxi ins Berghain. Guter Vorsatz : gesundes Ausgehen. Kein Alkohol, keine Drogen, keine Zigaretten. Dettmann, der oft schon montagmorgens um 8 Uhr den ersten Personal-Trainer-Termin der Woche hat, bittet auch gleich zum Sport: Man darf eine Plattenkiste schleppen.

27.02.2011, 10:48h, Berlin, Berghain
Es ist ein herrlicher Tag, die Sonne scheint, wir werden sie heute allerdings nicht mehr sehen. Paralleluniversum Berghain. Der Künstler wird per Aufzug direkt zum Backstage gefahren. Die Pforten der Hölle öffnen sich. Tommy Four Sven brettert noch in den letzten Zügen durch sein Set. Die Bässe wummern infernalisch. Allein die Monitorboxen sind gefühlte dreißigmal lauter als in jedem herkömmlichen Club. Vom DJ-Pult aus hat man einen atemberaubenden Panoramablick auf die mit Stroboskop-Zombies gefüllte Tanzfläche.

27.02.2011, 11:11h, Berlin, Berghain
Schichtwechsel im Berghain: Dettmann spielt sein erstes Stück und trinkt Sekt auf Eis. Frisches Blut jetzt auch auf der Tanzfläche. Viele erscheinen erst vormittags pünktlich zu seinem Set. Die ersten Groupies bauen sich vor dem DJ-Pult auf und betreiben Plattenspotting. Neben den Fans sind viele Freunde und Bekannte anwesend. Man reicht sich Shots. Das Konzept des »gesunden Ausgehens« wird spontan zur Schnapsidee umfunktioniert und mit selbigem begossen. Immerhin knapp eine Stunde durchgehalten, das Ganze.

27.02.2011, 13:23h, Berlin, Berghain
Dettmann fährt nach dem Bretterset des Vorgängers wieder etwas runter und spielt sehr gefühlvoll. Kein reines Technoset, sondern auch House. Zwischendurch immer wieder poppigere Stücke, ein Ron-Hardy-Edit schält sich zwischenzeitlich heraus, dann sogar ein Stück von Human League. Minutenlange Übergänge, perfektes Mixing. Bei dem Lärmpegel auf der Bühne eine Kunst für sich.

27.02.2011, 15:21h, Berlin, Berghain
Depeche Modes »Photographic« lässt das Berghain toben. Die Tanzfläche ist gut gefüllt. Sehr angenehme Atmosphäre, man lächelt sich an, halbnackte Gay Bears mit Körperbehaarung tanzen friedlich neben Hipstern und Touris. Gelebter Technokommunismus: Zigaretten, Wasser und Streicheleinheiten werden sorgsam geteilt. One nation under one groove.

27.02.2011, 15:55h, Berlin, Berghain
Der Chicago-House-Track mit der besten Bassline aller Zeiten is making people sick: Adonis‘ »No Way Back« lässt wirklich jeden euphorisch aufschreien. Die Arme gehen wie von allein hoch.

27.02.2011, 16:18h, Berlin, Berghain
Ein junger, schmalhüftiger Tänzer entert das DJ-Pult und fängt an zu masturbieren. Die Hose hängt schon in den Kniekehlen. Die gewünschte Erektion will sich jedoch beim besten Willen nicht einstellen. Die Umstehenden starren eher amüsiert auf seinen schrumpeligen Speedpimmel. Unbefriedigter Dinge verlässt er die Bühne. Die Security muss nicht einschreiten. Dettmann kriegt von dem ganzen Spektakel nichts mit.

27.02.2011, 17:23h, Berlin, Berghain
Das Set neigt sich dem Ende zu. Nachfolger Chris Liebing baut schon seinen Laptop-Fuhrpark auf. Dann ist mit einem Detroit-Klassiker um 17:23h Schluss – bereits zwei Minuten später hat Dettmann den Titel seines letzten Stücks vergessen, scheint sich immer noch in Trance zu bewegen. Die Freunde kommen zum Gratulieren hinter das DJ-Pult, es gibt Shots und Umarmungen mit der Community.

27.02.2011, 17:27h, Berlin, Berghain
Ab in den Aufzug und raus aus dem Berghain. Das Intro-Fotoshooting steht an, denn im Berghain selbst herrscht striktes Fotoverbot. Die gerade erschienene Fotografin Sibilla Calzolari schaut uns mit großen Augen an. Wir blicken mit großen Augen zurück.

27.02.2011, 21:40h, Berlin, Berghain
Nach dem Set ist vor der Party. Die Dettmann-Posse feiert weiter in der angegliederten Panorama Bar.

27.02.2011, 22:37h, Berlin, Berghain
Ein umsichtiges Mädchen sorgt sich um die trockenen Lippen von Sebastian Ingenhoff, dessen Zurechnungsfähigkeit längst eingebrochen ist. Sie hat sich Lippenbalsam auf die Fingerkuppe geschmiert und will es ihm zärtlich auf den Mund tragen. Der wiederum wittert Exzess und saugt den Balsam von dem Finger wie ein Baby. Wieherndes Gelächter.

28.02.2011, 00:43h, Berlin, Berghain
Dettmanns Arbeitstag geht zu Ende. Er macht sich mit seiner Frau auf den Heimweg. Ganz nüchtern wirkt er nicht mehr, dafür aber umso erfüllter. Ob er wirklich um acht Uhr morgens beim Personal Trainer aufläuft? Vielleicht diesmal eher nicht. Aber wer will schon immer vernünftig sein?

Interview mit Daft Punk in Paris anlässlich des Albums Random Access Memories

Acht Jahre ist es her, dass Daft Punk mit »Human After All« ihr letztes reguläres Album vorgelegt haben. Nun sind Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo zurück: »Random Access Memories«, ihr bisher aufwendigstes Werk, verzichtet völlig auf Fremdsamples und setzt dafür auf eine generationenübergreifende Gästeliste. Gemeinsam mit Giorgio Moroder, Nile Rodgers, Pharrell Williams und sechs weiteren Gastmusikern loten sie ein Klangspektrum von Westcoast-Pop über Disco bis hin zu zeitgenössischem House und R’n’B aus.

Sebastian Ingenhoff und Thomas Venker sprechen mit Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo exklusiv über veränderte Produktionsbedingungen, den langsamen Arbeitsrhythmus, die Gastmusiker und die Texte des Albums.

Wie kamt ihr auf den Titel »Random Access Memories«?

Thomas Bangalter: Es geht um die Wechselbeziehung zwischen Computerspeicher und menschlichem Gedächtnis, das durch die digitalen Technologien immer mehr ersetzt wird. Technologischer Fortschritt spielt eine wichtige Rolle heutzutage, wird immer mehr in den Alltag integriert und wirkt sich so konkret auf das menschliche Verhalten aus. Wir waren immer schon an Zukunftsszenarien interessiert, wie man an den Roboterrollen sehen kann, in die wir auf der Bühne schlüpfen. Die Figur des Roboters, die sich zwischen künstlicher Intelligenz und menschlichem Verhalten bewegt, ist ja ein ewiges Thema in der Science-Fiction.

Auf eurem Album habt ihr dagegen auf Computertechnologie verzichtet. Die Stücke wurden komplett mit analogem Equipment und Gastmusikern eingespielt. Ihr seid also »human after all«!

B: Das stimmt, es ist aber immer noch die gleiche Musik. Man kann präzises Handwerk auch auf analoge Weise erreichen und dabei eine gewisse robotic quality haben. Das funktioniert auf einem anderen Level als bei der künstlichen Intelligenz. Andererseits hat uns bei elektronischer Musik immer dieser menschliche Aspekt interessiert. Wie erweckt man Musik, die größtenteils mit Synthesizern und Sequenzern hergestellt wird, zum Leben? Wenn elektronische Musik leblos klingt, dann ist das gleichbedeutend mit schlecht.

Als Gastmusiker konntet ihr mit Giorgio Moroder und Nile Rodgers  zwei Pioniere der Dance Music gewinnen. Moroder etwa nahm mit der Donna-Summer-Produktion »I Feel Love« schon 1977 Techno vorweg.

B: Wir wollten ein breites Spektrum abbilden und so die Vergangenheit in die Zukunft tragen, eine Verbindungslinie durch die Jahrzehnte ziehen. Nicht in einem archivarischen Sinne, sondern mit klarem Blick in die Zukunft. Giorgio Moroder mag über siebzig Jahre alt sein, aber er hat immer noch etwas zu sagen und arbeitet zeitgenössischer als viele junge Produzenten. Wir wollten etwas schaffen, das zeitlos ist, aber eben auch zeitgenössisch.

Das Stück mit Giorgio Moroder ist gut neun Minuten lang. Es wird durch einen Monolog von ihm eingeleitet, in dem er erst sich und sein Schaffen reflektiert. Wie kam der Track zustande?

B: Uns ging es darum, die Geschichte seiner Musik zu dokumentieren. Woher kam Giorgio? Was herrschten für Bedingungen, als er Techno erfand? Kam das durch einen Zufall oder war das seinen damaligen Vorstellungen von futuristischer Musik geschuldet? Das hat natürlich etwas Archivarisches, aber dann kommt eben dieser unglaubliche Song mit diesen unglaublichen Synthesizern und dieser tollen Hookline. Man erkennt die Handschrift von Giorgio Moroder sofort. Aber auch unsere Handschrift – hoffe ich zumindest. Es ging uns um die Verbindungslinie. Wir wollen zeigen, dass die Dance Music von heute ohne die Dance Music der 1970er-Jahre nicht vorstellbar wäre.

Die andere Ikone der Disco-Ära auf dem Album ist Gitarrist Nile Rodgers, der nach wie vor sehr umtriebig ist, zuletzt mit Chic auf Tour war und mit Tensnake im Studio. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Guy-Manuel de Homem-Christo: Er ist auch schon über sechzig Jahre alt, aber wahnsinnig energetisch und jung geblieben. Es war unglaublich, mit ihm arbeiten zu dürfen. Er wirkt immer noch wie ein Kind, total enthusiastisch und engagiert. Wenn du Nile Rodgers’ Energie spürst, dann merkst du, dass das physische Alter nichts über einen Menschen aussagt. Er war sehr krank, hatte Krebs. Wenn du eine solche Krankheit bezwungen hast, dann lebst du dein Leben bewusster und intensiver. Er ist wahnsinnig produktiv und will am liebsten immer drei Sachen gleichzeitig machen.

B: Er hat uns eine wahnsinnig schöne Anekdote über die Entstehung von Chics »I Want Your Love« erzählt. Als Nile zum ersten Mal »I Feel Love« von Moroder und Donna Summer hörte, dachte er: »Wow, der Typ spielt ja supertight, das ist unglaublich schnell und präzise.« Als er merkte, dass diese Tightness vom Sequenzer kommt, wollte er das unbedingt auf sein Gitarrenspiel übertragen. Er hat also diesen Sequenzer nachgespielt. Daraus ist »I Want Your Love« von Chic entstanden! Hör dir beide Stücke nacheinander an und achte auf das Gitarrenspiel. Es ist verblüffend. Kein Mensch wusste das bis jetzt. Nile ist Riesenfan von Giorgio Moroder. Umgekehrt ist Giorgio aber auch großer Chic-Fan. Trotzdem haben sie nie wirklich zusammengearbeitet. Auf »Random Access Memories« kommen sie nun endlich zusammen. Das macht uns natürlich stolz!

Andererseits habt ihr ja auch jüngere Produzenten wie Gonzales, Panda Bear oder Pharrell für das Album rekrutiert.

B: Genau: »Past, present, future«. Es sind allesamt Produzenten, die wir mögen und die uns irgendwie berühren. Nimm die Stücke mit Pharrell Williams und Nile Rodgers – der innovativste R’n’B-Produzent des letzten Jahrzehnts trifft auf den genialsten Disco-Gitarristen der Welt. Die Gäste auf dem Album sind Virtuosen in ihrem Bereich und konnten einen wirklichen Beitrag zu unseren Ideen leisten. Weder Guy-Manuel noch ich sind herausragend am Klavier – Gonzales, der zu den besten Pianisten der Welt gehört, aber schon. Er konnte also etwas beisteuern, das wir alleine so im Leben nie hinbekommen hätten. Wir wollten nicht nur große Namen, sondern die Beiträge sollten auch Sinn machen.

In den Texten geht es um die Suche nach Liebe, die Essenz des Lebens, den hedonistischen Eskapismus der Nacht – und all die Abgründe, die damit verbunden sind, die Dramen und Verluste. Das ist typisch für Disco, dass die Musik oft sehr uplifting ist, die Texte aber in Kontrast dazu stehen.

B: Tanzmusik braucht diese emotionale Tiefe. Diesen Kontrast aus Traurigkeit und Fröhlichkeit. Es ist immer einfacher, etwas nur Trauriges oder etwas nur Fröhliches zu erschaffen. Aber beides in einem Song zu vereinen, das ist die Kunst.
HC: Das ist ja das Tolle: Du kannst wahnsinnig glücklich sein und gleichzeitig weinen. Im Idealfall hast du beim Tanzen einen Gefühlsvulkanausbruch, der in alle Richtungen sprüht. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, sondern viele verschiedene Töne dazwischen. Unsere Alben haben immer versucht, ein möglichst breites Gefühlsspektrum abzubilden. Es gibt sehr düstere Stücke von uns, die man aber trotzdem im Club spielen kann, weil sie vielleicht eine uplifting Bassline haben oder eine schöne Melodie.

Dieses Jahr steht euer Jubiläum an: 20 Jahre Daft Punk. Dennoch habt ihr angekündigt, in diesem Jahr nicht live auftreten zu wollen. Warum?

HC: Es gibt keinen Grund zur Eile. Wir haben die letzten Jahre komplett in die Platte investiert, jetzt wollen wir das Jubiläum genießen.
B: Wir möchten, dass sich die Leute auf das Album konzentrieren und nicht auf uns, wie wir auf einer Bühne stehen. Es soll etwas Besonderes sein, einen ganz speziellen Wert haben – schließlich war es ja ein sehr ambitioniertes Unterfangen.
HC: Für viele ist ein neues Album nur eine Ausrede, wieder auf Tour gehen zu können. Denn dort lässt sich eben das Geld verdienen. Wir aber möchten, dass es eine besondere Wertschätzung bekommt, dass es nicht nur um eine aufgemotzte Bühnenshow geht. Deshalb haben wir von vornherein gesagt: Es gibt die Platte, und die steht erst einmal für sich. Keine Videoclips, keine Tour, sondern einzig und allein die Musik.

Ihr habt 1993 angefangen als kleine Bedroom-Produzenten. Nun habt ihr für das neue Album gleich in mehreren großen Studios wie dem Ampex in Los Angeles und dem Electric Ladyland in New York gearbeitet. Wie hat sich das auf das Trackwriting ausgewirkt?

B: Ist unser Songwriting wirklich anders als früher? Wir haben elektronische Musik ja nie als Computermusik begriffen, als etwas, das du irgendwie herunterrotzt. Es ging uns immer darum, einen speziellen Moment zu erfassen und zu konservieren. Als wir angefangen haben, war das natürlich viel chaotischer als heute. Wir hatten einen Haufen Drum Machines und ein paar gute Ideen, mit denen man sie füttern konnte. Wir wollten die Geräte aber nie kontrollieren wie einen Computer, sondern als etwas Lebendiges begreifen. Als einen Organismus. Heute machen wir das Gleiche eben mit echten Instrumenten. Wenn du Punkrock machst und plötzlich alle anderen auch anfangen, Punkrock zu machen, dann wird das irgendwann langweilig. Dann willst du vielleicht auch mal eine Oper komponieren. Einfach, um zu sehen, ob man die Punkrocker damit provozieren kann. Dann ist die Oper eben der neue Punkrock.
HC: Elektronische Tanzmusik ist heute sehr uniform geworden. Mit dem Computer kann jeder Tracks basteln, aber es sind oft nur aneinandergereihte Presets. Das ist keine Herausforderung. Wir möchten Musik machen, die mehr ist als ein paar Mausklicks. Wir wollten Emotionen und Soul haben. Eben etwas Menschliches.
B: Es ist schwer, am Computer Emotionen zu programmieren. Analoge Synthesizer bieten dir eine Synthese aus verschiedenen Sounds, aber sie klingen niemals steril. Es ist ein Riesenunterschied zum Computer. Wenn du dann noch Elemente wie Fender Rhodes und Klavier hinzufügst, kannst du Poesie erschaffen. Ein Album darf sich nicht durch ein paar Mausklicks ergeben. Uns ist klar, dass das eine sehr konservative Sichtweise ist. Aber stell dir bloß vor, die wenigen Leute, die am Computer interessante Musik machen, hätten richtige Instrumente benutzt, was dabei rauskäme.

Andererseits hat Chicago House, eine Musik, die euch sehr stark beeinflusst hat, doch auch von dieser Rotzigkeit gelebt. Es war ein Statement gegen Muckertum, eine Revolution in dem Sinne, dass man eben nicht mehr seine Instrumente beherrschen musste, um Musik zu produzieren. Es ging darum, mit etwas Simplem wie der Drum Machine und dem Sampler kreativ zu sein.

HC: Natürlich, und trotzdem klang die Musik immer sehr warm. Chicago House hatte Soul und Tiefgang, das haben die wenigsten Dance-Produktionen heute. Vielleicht, weil damals echte Synthesizer und echte Drum Machines benutzt worden sind. Das mag zwar schnell produziert worden sein, aber eben mit sehr viel Detailliebe. Wenn ich im Club stehe, und es läuft ein Track von Robert Armani, dann kann ich das sofort aus diesem Brei von Beats heraushören. Die meisten zeitgenössischen Dance-Produktionen kann ich dagegen nicht unterscheiden, vieles klingt für mich einfach gleich langweilig.

Euer erstes Album »Homework« war die Blaupause für einen Sound, den die Leute um das Label Ed Banger ein paar Jahre später mit etwas brachialeren Mitteln kultiviert haben. Pedro Winter war eine Zeit lang auch euer Manager. Wie nehmt ihr die Pariser Szene heute wahr?

B: Ed Banger feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum. Pedro entstammt unserer Generation, wir haben zeitgleich angefangen und ähnliche Entwicklungen durchgemacht. Wir teilen die gleichen Interessen und Vorlieben. Es ist schön zu sehen, dass sie ihren Weg gefunden haben und dieser Sound fortlebt. Für Künstler und Labels ist es hart, über die Jahre hinweg am Ball zu bleiben, weil sich die Szenen verändern: Jüngere Leute wachsen nach und wollen andere Sounds. Wenn du da nach so langer Zeit noch dabei bist, dann hast du irgendwas richtig gemacht.

In zwanzig Jahren habt ihr nur vier reguläre Alben veröffentlicht. Ihr nehmt euch sehr viel Zeit.

B: Das müssen wir auch, denn irgendwann wird es immer schwieriger, sich neu zu erfinden. Man will komplexer werden und keine Karikatur von sich selbst. Viele ältere Musiker machen aus Bequemlichkeit irgendwann immer das Gleiche. Weil sie Angst haben, ihre Fans zu verlieren. Aber das ist doch Mist. Wenn du als Musiker keine Herausforderungen mehr hast, denen du dich stellen musst, dann kannst du auch in Rente gehen. Wir nehmen uns sehr viel Zeit, weil wir mit jedem Album ein höheres Level erreichen möchten. Wie bei einem Videospiel. Deshalb ist die aktuelle Platte für uns auch immer die schwierigste.

Als Marketing-Gag habt ihr zwei fünfzehnsekündige Werbeclips bei »Saturday Night Live« geschaltet. Was war die Idee hinter der Kampagne?

B: Es sollten ganz kleine Teaser sein, die aber nicht zu viel verraten, sondern Neugier wecken. Wie ein guter Werbeclip eben. Wir wollten bewusst nicht, dass man irgendwelche Songs in Gänze erkennen kann. Physikalisches Marketing über Print-Magazine, Fernsehsender und Zaunplakatierungen hat einfach mehr Vibe als Online-Marketing. Das passt besser zu uns, weil wir damit aufgewachsen sind. Dieses ganze Online-Marketing ist nicht sehr poetisch. Wir geben den Leuten Tools an die Hand, und sie können damit machen, was sie wollen. Wir selbst benutzen das Internet gar nicht viel. Natürlich hätten wir auch ein aufwendiges Video drehen und das auf YouTube stellen können, aber genau das wollten wir diesmal eben nicht.

Dabei seid ihr bekannt für eure spektakulären Videoclips. Ihr habt in der Vergangenheit mit großen Videoclip-Regisseuren wie Spike Jonze und Michel Gondry zusammengearbeitet.

B: Viele sagen, unsere Clips seien revolutionär gewesen. Dann ist diesmal eben die Revolution, dass wir keine machen. Nach den zwei Fünfzehn-Sekunden-Clips folgt ein etwas längerer Performance-Clip mit Nile Rodgers, Pharrell Williams und unseren zwei Robotern. Aber das ist kein Videoclip, sondern entspricht eher dem Format des Werbeclips. Das wird auf jeden Fall sehr lustig. Ich glaube, mit Videoclips kannst du im Internet-Zeitalter keinen mehr schocken. Es geht darum, sich neuen Herausforderungen, neuen Formaten zu stellen. Sowohl auf musikalischer als auch auf ästhetischer Ebene. »Random Access Memories« ist ein Gesamtkunstwerk, das man erst einmal verdauen muss. Das kann sich von mir aus ruhig ein Jahr lang hinziehen. Was danach kommt? Eine Tour? Ein Film? Wir werden sehen.