Interview mit Daft Punk in Paris anlässlich des Albums Random Access Memories

Acht Jahre ist es her, dass Daft Punk mit »Human After All« ihr letztes reguläres Album vorgelegt haben. Nun sind Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo zurück: »Random Access Memories«, ihr bisher aufwendigstes Werk, verzichtet völlig auf Fremdsamples und setzt dafür auf eine generationenübergreifende Gästeliste. Gemeinsam mit Giorgio Moroder, Nile Rodgers, Pharrell Williams und sechs weiteren Gastmusikern loten sie ein Klangspektrum von Westcoast-Pop über Disco bis hin zu zeitgenössischem House und R’n’B aus.

Sebastian Ingenhoff und Thomas Venker sprechen mit Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo exklusiv über veränderte Produktionsbedingungen, den langsamen Arbeitsrhythmus, die Gastmusiker und die Texte des Albums.

Wie kamt ihr auf den Titel »Random Access Memories«?

Thomas Bangalter: Es geht um die Wechselbeziehung zwischen Computerspeicher und menschlichem Gedächtnis, das durch die digitalen Technologien immer mehr ersetzt wird. Technologischer Fortschritt spielt eine wichtige Rolle heutzutage, wird immer mehr in den Alltag integriert und wirkt sich so konkret auf das menschliche Verhalten aus. Wir waren immer schon an Zukunftsszenarien interessiert, wie man an den Roboterrollen sehen kann, in die wir auf der Bühne schlüpfen. Die Figur des Roboters, die sich zwischen künstlicher Intelligenz und menschlichem Verhalten bewegt, ist ja ein ewiges Thema in der Science-Fiction.

Auf eurem Album habt ihr dagegen auf Computertechnologie verzichtet. Die Stücke wurden komplett mit analogem Equipment und Gastmusikern eingespielt. Ihr seid also »human after all«!

B: Das stimmt, es ist aber immer noch die gleiche Musik. Man kann präzises Handwerk auch auf analoge Weise erreichen und dabei eine gewisse robotic quality haben. Das funktioniert auf einem anderen Level als bei der künstlichen Intelligenz. Andererseits hat uns bei elektronischer Musik immer dieser menschliche Aspekt interessiert. Wie erweckt man Musik, die größtenteils mit Synthesizern und Sequenzern hergestellt wird, zum Leben? Wenn elektronische Musik leblos klingt, dann ist das gleichbedeutend mit schlecht.

Als Gastmusiker konntet ihr mit Giorgio Moroder und Nile Rodgers  zwei Pioniere der Dance Music gewinnen. Moroder etwa nahm mit der Donna-Summer-Produktion »I Feel Love« schon 1977 Techno vorweg.

B: Wir wollten ein breites Spektrum abbilden und so die Vergangenheit in die Zukunft tragen, eine Verbindungslinie durch die Jahrzehnte ziehen. Nicht in einem archivarischen Sinne, sondern mit klarem Blick in die Zukunft. Giorgio Moroder mag über siebzig Jahre alt sein, aber er hat immer noch etwas zu sagen und arbeitet zeitgenössischer als viele junge Produzenten. Wir wollten etwas schaffen, das zeitlos ist, aber eben auch zeitgenössisch.

Das Stück mit Giorgio Moroder ist gut neun Minuten lang. Es wird durch einen Monolog von ihm eingeleitet, in dem er erst sich und sein Schaffen reflektiert. Wie kam der Track zustande?

B: Uns ging es darum, die Geschichte seiner Musik zu dokumentieren. Woher kam Giorgio? Was herrschten für Bedingungen, als er Techno erfand? Kam das durch einen Zufall oder war das seinen damaligen Vorstellungen von futuristischer Musik geschuldet? Das hat natürlich etwas Archivarisches, aber dann kommt eben dieser unglaubliche Song mit diesen unglaublichen Synthesizern und dieser tollen Hookline. Man erkennt die Handschrift von Giorgio Moroder sofort. Aber auch unsere Handschrift – hoffe ich zumindest. Es ging uns um die Verbindungslinie. Wir wollen zeigen, dass die Dance Music von heute ohne die Dance Music der 1970er-Jahre nicht vorstellbar wäre.

Die andere Ikone der Disco-Ära auf dem Album ist Gitarrist Nile Rodgers, der nach wie vor sehr umtriebig ist, zuletzt mit Chic auf Tour war und mit Tensnake im Studio. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Guy-Manuel de Homem-Christo: Er ist auch schon über sechzig Jahre alt, aber wahnsinnig energetisch und jung geblieben. Es war unglaublich, mit ihm arbeiten zu dürfen. Er wirkt immer noch wie ein Kind, total enthusiastisch und engagiert. Wenn du Nile Rodgers’ Energie spürst, dann merkst du, dass das physische Alter nichts über einen Menschen aussagt. Er war sehr krank, hatte Krebs. Wenn du eine solche Krankheit bezwungen hast, dann lebst du dein Leben bewusster und intensiver. Er ist wahnsinnig produktiv und will am liebsten immer drei Sachen gleichzeitig machen.

B: Er hat uns eine wahnsinnig schöne Anekdote über die Entstehung von Chics »I Want Your Love« erzählt. Als Nile zum ersten Mal »I Feel Love« von Moroder und Donna Summer hörte, dachte er: »Wow, der Typ spielt ja supertight, das ist unglaublich schnell und präzise.« Als er merkte, dass diese Tightness vom Sequenzer kommt, wollte er das unbedingt auf sein Gitarrenspiel übertragen. Er hat also diesen Sequenzer nachgespielt. Daraus ist »I Want Your Love« von Chic entstanden! Hör dir beide Stücke nacheinander an und achte auf das Gitarrenspiel. Es ist verblüffend. Kein Mensch wusste das bis jetzt. Nile ist Riesenfan von Giorgio Moroder. Umgekehrt ist Giorgio aber auch großer Chic-Fan. Trotzdem haben sie nie wirklich zusammengearbeitet. Auf »Random Access Memories« kommen sie nun endlich zusammen. Das macht uns natürlich stolz!

Andererseits habt ihr ja auch jüngere Produzenten wie Gonzales, Panda Bear oder Pharrell für das Album rekrutiert.

B: Genau: »Past, present, future«. Es sind allesamt Produzenten, die wir mögen und die uns irgendwie berühren. Nimm die Stücke mit Pharrell Williams und Nile Rodgers – der innovativste R’n’B-Produzent des letzten Jahrzehnts trifft auf den genialsten Disco-Gitarristen der Welt. Die Gäste auf dem Album sind Virtuosen in ihrem Bereich und konnten einen wirklichen Beitrag zu unseren Ideen leisten. Weder Guy-Manuel noch ich sind herausragend am Klavier – Gonzales, der zu den besten Pianisten der Welt gehört, aber schon. Er konnte also etwas beisteuern, das wir alleine so im Leben nie hinbekommen hätten. Wir wollten nicht nur große Namen, sondern die Beiträge sollten auch Sinn machen.

In den Texten geht es um die Suche nach Liebe, die Essenz des Lebens, den hedonistischen Eskapismus der Nacht – und all die Abgründe, die damit verbunden sind, die Dramen und Verluste. Das ist typisch für Disco, dass die Musik oft sehr uplifting ist, die Texte aber in Kontrast dazu stehen.

B: Tanzmusik braucht diese emotionale Tiefe. Diesen Kontrast aus Traurigkeit und Fröhlichkeit. Es ist immer einfacher, etwas nur Trauriges oder etwas nur Fröhliches zu erschaffen. Aber beides in einem Song zu vereinen, das ist die Kunst.
HC: Das ist ja das Tolle: Du kannst wahnsinnig glücklich sein und gleichzeitig weinen. Im Idealfall hast du beim Tanzen einen Gefühlsvulkanausbruch, der in alle Richtungen sprüht. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, sondern viele verschiedene Töne dazwischen. Unsere Alben haben immer versucht, ein möglichst breites Gefühlsspektrum abzubilden. Es gibt sehr düstere Stücke von uns, die man aber trotzdem im Club spielen kann, weil sie vielleicht eine uplifting Bassline haben oder eine schöne Melodie.

Dieses Jahr steht euer Jubiläum an: 20 Jahre Daft Punk. Dennoch habt ihr angekündigt, in diesem Jahr nicht live auftreten zu wollen. Warum?

HC: Es gibt keinen Grund zur Eile. Wir haben die letzten Jahre komplett in die Platte investiert, jetzt wollen wir das Jubiläum genießen.
B: Wir möchten, dass sich die Leute auf das Album konzentrieren und nicht auf uns, wie wir auf einer Bühne stehen. Es soll etwas Besonderes sein, einen ganz speziellen Wert haben – schließlich war es ja ein sehr ambitioniertes Unterfangen.
HC: Für viele ist ein neues Album nur eine Ausrede, wieder auf Tour gehen zu können. Denn dort lässt sich eben das Geld verdienen. Wir aber möchten, dass es eine besondere Wertschätzung bekommt, dass es nicht nur um eine aufgemotzte Bühnenshow geht. Deshalb haben wir von vornherein gesagt: Es gibt die Platte, und die steht erst einmal für sich. Keine Videoclips, keine Tour, sondern einzig und allein die Musik.

Ihr habt 1993 angefangen als kleine Bedroom-Produzenten. Nun habt ihr für das neue Album gleich in mehreren großen Studios wie dem Ampex in Los Angeles und dem Electric Ladyland in New York gearbeitet. Wie hat sich das auf das Trackwriting ausgewirkt?

B: Ist unser Songwriting wirklich anders als früher? Wir haben elektronische Musik ja nie als Computermusik begriffen, als etwas, das du irgendwie herunterrotzt. Es ging uns immer darum, einen speziellen Moment zu erfassen und zu konservieren. Als wir angefangen haben, war das natürlich viel chaotischer als heute. Wir hatten einen Haufen Drum Machines und ein paar gute Ideen, mit denen man sie füttern konnte. Wir wollten die Geräte aber nie kontrollieren wie einen Computer, sondern als etwas Lebendiges begreifen. Als einen Organismus. Heute machen wir das Gleiche eben mit echten Instrumenten. Wenn du Punkrock machst und plötzlich alle anderen auch anfangen, Punkrock zu machen, dann wird das irgendwann langweilig. Dann willst du vielleicht auch mal eine Oper komponieren. Einfach, um zu sehen, ob man die Punkrocker damit provozieren kann. Dann ist die Oper eben der neue Punkrock.
HC: Elektronische Tanzmusik ist heute sehr uniform geworden. Mit dem Computer kann jeder Tracks basteln, aber es sind oft nur aneinandergereihte Presets. Das ist keine Herausforderung. Wir möchten Musik machen, die mehr ist als ein paar Mausklicks. Wir wollten Emotionen und Soul haben. Eben etwas Menschliches.
B: Es ist schwer, am Computer Emotionen zu programmieren. Analoge Synthesizer bieten dir eine Synthese aus verschiedenen Sounds, aber sie klingen niemals steril. Es ist ein Riesenunterschied zum Computer. Wenn du dann noch Elemente wie Fender Rhodes und Klavier hinzufügst, kannst du Poesie erschaffen. Ein Album darf sich nicht durch ein paar Mausklicks ergeben. Uns ist klar, dass das eine sehr konservative Sichtweise ist. Aber stell dir bloß vor, die wenigen Leute, die am Computer interessante Musik machen, hätten richtige Instrumente benutzt, was dabei rauskäme.

Andererseits hat Chicago House, eine Musik, die euch sehr stark beeinflusst hat, doch auch von dieser Rotzigkeit gelebt. Es war ein Statement gegen Muckertum, eine Revolution in dem Sinne, dass man eben nicht mehr seine Instrumente beherrschen musste, um Musik zu produzieren. Es ging darum, mit etwas Simplem wie der Drum Machine und dem Sampler kreativ zu sein.

HC: Natürlich, und trotzdem klang die Musik immer sehr warm. Chicago House hatte Soul und Tiefgang, das haben die wenigsten Dance-Produktionen heute. Vielleicht, weil damals echte Synthesizer und echte Drum Machines benutzt worden sind. Das mag zwar schnell produziert worden sein, aber eben mit sehr viel Detailliebe. Wenn ich im Club stehe, und es läuft ein Track von Robert Armani, dann kann ich das sofort aus diesem Brei von Beats heraushören. Die meisten zeitgenössischen Dance-Produktionen kann ich dagegen nicht unterscheiden, vieles klingt für mich einfach gleich langweilig.

Euer erstes Album »Homework« war die Blaupause für einen Sound, den die Leute um das Label Ed Banger ein paar Jahre später mit etwas brachialeren Mitteln kultiviert haben. Pedro Winter war eine Zeit lang auch euer Manager. Wie nehmt ihr die Pariser Szene heute wahr?

B: Ed Banger feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum. Pedro entstammt unserer Generation, wir haben zeitgleich angefangen und ähnliche Entwicklungen durchgemacht. Wir teilen die gleichen Interessen und Vorlieben. Es ist schön zu sehen, dass sie ihren Weg gefunden haben und dieser Sound fortlebt. Für Künstler und Labels ist es hart, über die Jahre hinweg am Ball zu bleiben, weil sich die Szenen verändern: Jüngere Leute wachsen nach und wollen andere Sounds. Wenn du da nach so langer Zeit noch dabei bist, dann hast du irgendwas richtig gemacht.

In zwanzig Jahren habt ihr nur vier reguläre Alben veröffentlicht. Ihr nehmt euch sehr viel Zeit.

B: Das müssen wir auch, denn irgendwann wird es immer schwieriger, sich neu zu erfinden. Man will komplexer werden und keine Karikatur von sich selbst. Viele ältere Musiker machen aus Bequemlichkeit irgendwann immer das Gleiche. Weil sie Angst haben, ihre Fans zu verlieren. Aber das ist doch Mist. Wenn du als Musiker keine Herausforderungen mehr hast, denen du dich stellen musst, dann kannst du auch in Rente gehen. Wir nehmen uns sehr viel Zeit, weil wir mit jedem Album ein höheres Level erreichen möchten. Wie bei einem Videospiel. Deshalb ist die aktuelle Platte für uns auch immer die schwierigste.

Als Marketing-Gag habt ihr zwei fünfzehnsekündige Werbeclips bei »Saturday Night Live« geschaltet. Was war die Idee hinter der Kampagne?

B: Es sollten ganz kleine Teaser sein, die aber nicht zu viel verraten, sondern Neugier wecken. Wie ein guter Werbeclip eben. Wir wollten bewusst nicht, dass man irgendwelche Songs in Gänze erkennen kann. Physikalisches Marketing über Print-Magazine, Fernsehsender und Zaunplakatierungen hat einfach mehr Vibe als Online-Marketing. Das passt besser zu uns, weil wir damit aufgewachsen sind. Dieses ganze Online-Marketing ist nicht sehr poetisch. Wir geben den Leuten Tools an die Hand, und sie können damit machen, was sie wollen. Wir selbst benutzen das Internet gar nicht viel. Natürlich hätten wir auch ein aufwendiges Video drehen und das auf YouTube stellen können, aber genau das wollten wir diesmal eben nicht.

Dabei seid ihr bekannt für eure spektakulären Videoclips. Ihr habt in der Vergangenheit mit großen Videoclip-Regisseuren wie Spike Jonze und Michel Gondry zusammengearbeitet.

B: Viele sagen, unsere Clips seien revolutionär gewesen. Dann ist diesmal eben die Revolution, dass wir keine machen. Nach den zwei Fünfzehn-Sekunden-Clips folgt ein etwas längerer Performance-Clip mit Nile Rodgers, Pharrell Williams und unseren zwei Robotern. Aber das ist kein Videoclip, sondern entspricht eher dem Format des Werbeclips. Das wird auf jeden Fall sehr lustig. Ich glaube, mit Videoclips kannst du im Internet-Zeitalter keinen mehr schocken. Es geht darum, sich neuen Herausforderungen, neuen Formaten zu stellen. Sowohl auf musikalischer als auch auf ästhetischer Ebene. »Random Access Memories« ist ein Gesamtkunstwerk, das man erst einmal verdauen muss. Das kann sich von mir aus ruhig ein Jahr lang hinziehen. Was danach kommt? Eine Tour? Ein Film? Wir werden sehen.