i-D goes Techno

Text von September 2015 in  i-D über drei Jahrzehnte Techno

Techno hat gut drei Jahrzehnte auf dem Buckel. Ein Alter, in dem man langsam über das Erwachsenwerden nachdenken könnte. Muss man aber nicht. Schließlich ist 40 das neue 30, und 50 das neue 20, und eigentlich sind wir ohnehin im Post-Alter-Zeitalter angekommen. Viele heutige DJs tragen ihre grauen Haare und Plauzen mit Stolz und spielen Seite an Seite mit den schmalhüftigen, wohlfrisierten Jungen. Man versteht sich ja trotzdem. Die Grundparameter haben sich über die Jahrzehnte nie groß geändert. Der Beat ist four-to-the-floor, die Bassdrum muss ab und an ein paar Takte weg, nur um irgendwann dann wiederzukommen und alle aufschreien zu lassen. Techno ist auf eine bizarre Weise die universelle Sprache geworden, von der Gründungsväter wie Jeff Mills oder Robert Hood immer geträumt haben.

Neben dem vor allem in den USA omnipräsenten EDM, über den sich die Geschmackspolizisten natürlich aufregen, gibt es auch weiterhin IDM, Acid, Outsiders House, knüppelharten Bunkertechno und tausend weitere Nebenströmungen. Auch die Klassiker werden nach wie vor gespielt, viele junge DJs suchen auf Discogs nach alten Schätzen von Labels wie Trax, Metroplex oder UR. Wie in jedem Genre zeichnet sich ein guter Track dadurch aus, dass er zeitlos ist.

Angefangen hatte alles 1984 mit dem namensstiftenden Song „Techno City“ des Detroiter Duos Cybotron, eine Mischung aus frühem Electro, europäischem Synthiepop und afroamerikanischem Funk. Beeinflusst von der Radiosendung „The Electrifying Mojo“ hatten sich Juan Atkins und Richard Davis an einer musikalischen Sprache versucht, die Alvin Tofflers Idee des „Techno Rebel“ adäquat übersetzen sollte. In den Folgejahren verfeinerte Juan Atkins die Idee gemeinsam mit seinen Schulkumpels Derrick May und Kevin Saunderson (die „Belleville Three“, benannt nach der gleichnamigen High School in Detroit) zu dem, was wir heute als Techno kennen. Im Jahr 1988 erschien mit „The New Dance Sound Of Detroit“ eine Compilation, die die Musik aus der Motorcity nach Europa brachte. Etwa zur gleichen Zeit schwappte von Chicago aus die Acid House-Welle rüber.

Während Acid House nach dem „Summer Of Love“ schnell wieder verebbte, wurde Techno zum Soundtrack der Wiedervereinigung. Die Musik passte perfekt ins Berlin der späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahre. Die zahlreichen leer stehenden industriellen Gebäude besonders in Ost-Berlin bildeten die ideale Kulisse für die futuristische neue Musik. Viele der Protagonisten waren Überbleibsel der Berliner DIY-, Punk- und Kunstszene der Achtziger, die sich bestens mit besetzten Häusern und modrigen Kellerlöchern auskannte. Im Zweifelsfall brauchte man nicht viel mehr als eine PA, einen Mixer und zwei Plattenspieler.

Dimitri Hegemann organisierte in den frühen Achtzigern das experimentelle Musik-Festival „Berlin Atonal“. Nach der Wende eröffnete er im Tresorraum des ehemaligen Wertheim Kaufhauses am Potsdamer Platz einen wichtigen Szeneclub – den Tresor. Schon zwei Jahre zuvor hatte Mark Ernestus, der später mit dem Dubtechno-Projekt Basic Channel Musikgeschichte schreiben sollte, den Plattenladen Hardwax eröffnet. Die Detroit-Berlin Achse wurde etabliert, man buchte Künstler wie Underground Resistance und Juan Atkins, die die weißen Kids in Sachen Groove, Loop und Rhythmus schulten. Während die neue Musik in Detroit weitgehend Nischenkultur blieb, wurde sie in Europa schnell zum Massenphänomen.
„Techno ist eine revolutionäre Idee. Es ist ein einziges Miteinander. Es spielt keine Rolle, welcher Kultur du angehörst oder welche Hautfarbe du hast. Oder welche Klamotten du trägst. In dem Sinne ist Techno wie eine Religion“, verriet mir der Detroiter DJ Carl Craig mal in einem Interview.

Wie es mit den Religionen so ist, verharren sie selten in den Nischen der DIY-Kultur. Techno wuchs und wuchs, die Love Parade wurde immer größer und die Musik immer schlumpfiger. In VIVA-Sendungen wie Housefrau liefen Marc Spoon und DJ Hooligan gleichberechtigt neben Aphex Twin, was Letzterer vermutlich sogar begrüßt hätte, denn der Brite ist, trotz seines Status als IDM-Papst (IDM steht für „Intelligent Dance Music“) alles andere als Geschmackspolizist und legt auch gerne mal Gabber auf.

Den vielleicht besten Kommentar zu jener knallbunten Kraut- und Rüben-Zeit aber gaben die anarchistischen Stadiontechno-Punks von KLF ab, die ihren Hit „What time is love?“ 1997 unter dem Namen „Fuck the millenium“ in Schlafanzügen, Rollstühlen und mit Blechbläsern bizarr inszenierten . Über Geschmack wurde nicht gestritten und KLF landeten folgerichtig nochmal in den Charts. Es war auch das Jahr, in dem die Love Parade mit über einer Millionen Besuchern einen neuen Rekord erreichte. Techno war auf dem Höhepunkt seiner kommerziellen Verwertbarkeit angekommen. Von nun an geht es bergab, dachten viele, und wendeten sich zunehmend ab.

Der Rest zog sich in die kleineren Clubs zurück, die Musik wurde reduzierter, Robert Hoods Idee von der „Minimal Nation“ weiter verfeinert. Kleinere Labels wie Perlon, Playhouse oder Dial schossen wie Pilze aus dem Boden. Auch wenn „Minimal“ heuer eher als Schimpfwort gilt, war die Zeit der Jahrtausendwende eine ziemlich fruchtbare mit vielen großartigen Platten.

2004 wurde das Berghain eröffnet und Feiertouristen aus aller Welt strömen seither in die Kathedralen und Konfettibars der Hauptstadt. Mit dem Film „Berlin Calling“ erreichte der Hype 2008 einen neuen Höhepunkt. Paul Kalkbrenner wurde zum Superstar und dürfte neben Helene Fischer zu den beliebtesten deutschen Musikern gehören.

Wer Ende der Neunziger gedacht hatte, Techno sei tot, hätte also falscher nicht liegen können. Techno ist omnipräsent und auch in Szenen eingedrungen, die früher überhaupt nichts mit maschinengetriebener Musik zu tun haben wollten. Es gibt mehr Subgenres und Produzenten denn je. Die digitalen Technologien haben das Produzieren und Publizieren massiv erleichtert. Viele sagen, das habe zu einem Qualitätsverlust geführt, vielleicht ist aber auch das Gegenteil richtig. Auch in den Neunzigern gab es ziemlich viel Schrott. Man musste im Plattenladen immer nach den guten Platten suchen, heute macht man das eben im Internet. Aber wer sucht, der findet.

Was man vielmehr beklagen könnte, ist die Gagenexplosion der vergangenen Jahre. DJs mit zehn- oder zwanzigköpfiger Entourage und Gagen im fünfstelligen Bereich sind keine Seltenheit mehr, manche haben eigene Fotografen dabei, deren einzige Aufgabe es ist, die Sets in Facebook-Pose zu setzen, oder beschäftigen gar Agenturen, die die Marke pflegen – der DJ fungiert im wahrsten Sinne des Wortes als Global Player. Die Idee von Techno als einer egalitären Gesellschaft auf der Tanzfläche ist problemlos in den Kapitalismus inkorporierbar, das war zu Zeiten der Love Parade nicht anders. Viele große Namen sind für durchschnittliche Clubs kaum mehr zu stemmen. Da kann man den Richie auch mal im Dorf lassen und eben Leute buchen, die vielleicht sogar interessantere Dinge mit zwei Plattenspielern anstellen.

Helena Hauff zum Beispiel veröffentlicht ratternde Peaktimebomben im Graubereich zwischen Acid, Industrial und Underground Resistance. Sie hat ihren ganz speziellen dunklen Sound gefunden, der trotz Retro-Anleihen ziemlich zeitgemäß ist, und gilt als eine der Entdeckungen der letzten zwei Jahre. Generell geht es im Techno wieder düsterer her, Labels wie Dystopian, L.I.E.S oder Lobster Theremin haben auf unterschiedliche Weisen ihre Lektionen aus den Zeiten der leer stehenden Ruinen gezogen. Der Clubgänger kleidet sich nicht mehr in grellen Neonfarben, sondern trägt existenzialistisches Schwarz.

Doch auch das wird sich wieder ändern, denn die Gegentrends lassen nie lange auf sich warten. Techno hat es in dreißig Jahren immer geschafft, sich neu zu formieren, umzupolen, und die Bassdrum irgendwie am Laufen zu halten. Egal ob Dark Techno oder Happy House – die Idee von Musik als einer universellen Sprache, die sich einen Teufel um Nationalitäten, Geschlechter, Religionen oder sexuelle Orientierungen schert, die eben niemanden ausgrenzt, ist in diesen Zeiten vielleicht aktueller denn je.

Hier geht es zu mehr Techno auf i-D.

Credits Text: Sebastian IngenhoffFotos: Tilman Brembs / Zeitmaschine.org

Techno Roundtable mit Paul Kalkbrenner, Modeselektor, Boys Noize und Marcel Dettmann

(erschienen in intro April 2011)

Thomas Venker und Sebastian Ingenhoff bitten fünf der aktuell meistgebuchten und wichtigsten Szene-Repräsentanten aus Europas Techno-Hauptstadt Berlin zu einem Gespräch über den Status quo der Clubkultur an den runden Tisch.

Seit 1988 die legendäre Compilation »Techno! The New Dance Sound Of Detroit« erschien, hat Techno weite Wege zurückgelegt und es dabei wie kaum eine andere Musikrichtung geschafft, sich immer wieder neu zu erfinden. Mehr zur bewegten Geschichte von Techno gibt es in unserem »20 Jahre Intro Spezial«.

Lasst uns ganz am Anfang beginnen: Wie seid ihr zum ersten Mal mit Techno in Berührung gekommen?

Alex: Die ersten Berührungspunkte mit Techno hatte ich durch meinen Job im Plattenladen Underground Solution in Hamburg. Das war so 1996/97. Damals konnte ich mit Techno noch gar nicht sonderlich viel anfangen. Das war die Zeit, als alles ganz schnell und schranzig war. Erst allmählich bin ich dann auch auf so Underground-Resistance-Sachen gestoßen.

Paul: Bei mir war es so um 1990. Mein Bruder und ich kamen gerade aus dem Ferienlager und hörten das erste Mal Technotronic. Da war ich vielleicht dreizehn. Damals fing das auch langsam mit dem Ausgehen an. Wir stammen ja aus Lichtenberg, das war dann so Ostberliner Jugendclub-Style. Da lief samstags von sechs Uhr abends bis Mitternacht eben Techno. Berlin-Mitte war für uns damals noch ganz weit weg.

Gernot: Bei mir fing es auch mit Technotronic an, so in der siebten oder achten Klasse. Szary und ich gingen auf die gleiche Schule. Später gab es in den alten Zementwerken dann die ersten Underground-Partys. Da hat Szary aufgelegt und war der coole DJ. Ich war damals noch der kleene Hansi und hab ihm immer auf die Finger geguckt, dann aber irgendwann selbst angefangen mit dem Auflegen. Mein erster Plattenladen war Hardwax. Damals noch auf der Reichenberger Straße. Die erste richtige Technoplatte war ein Derrick-May-Remix von „Sueno Latino“ – May hat die Idee zu dem Remix von Manuel Göttsching geklaut, von »E2-E4«, dieser Schachspielkomposition. Das war so kurz nach dem Mauerfall. Das war das erste Mal, dass ich Musik gehört hatte, von der ich nicht genau wusste, was es ist. Das Stück war wirklich revolutionär. Danach ging es mit der elektronischen Musik eigentlich nur noch bergab.

Paul: Der Plattenladen war ja immer so ein Territorium, in dem man sich auch erst einmal durchsetzen musste. Gerade, als man so jung war. Es gab immer die Cracks, die direkt hinter die Theke gegangen sind und ihre dreißig Platten in die Hand gedrückt bekommen haben. Und man selbst stand erst mal unsicher da herum und hatte die Hände in den Taschen.

Gernot: Ich weiß noch, als ich zum ersten Mal im Hardwax Tanith gesehen habe. Der Typ stand da in seinen Camouflagehosen und kam mir unglaublich riesig vor. Damals kursierte ja dieses eine Bild von ihm auf dem Panzer, wo er mit einem Totenkopf posierte. Der sah aus wie ein Voodoopriester aus der Technohölle. Aber als ich ihn dann reden hörte, dachte ich nur: »Gott, der ist ja total lieb.« Da ist dieses böse Image schon ein bisschen abgebröckelt.

Marcel: Es gab ja auch diese ganzen unterschiedlichen Gruppierungen. Ich war der Synthiepop-Typ mit Lederjacke und weißer Jeans. Irgendwann kam dann Industrial dazu: Front 242, Nitzer Ebb und so Zeug. Der erste Club, in dem ich gelandet bin, war das Linientreu am Zoo, das waren EBM-Partys. Aber richtig einschneidend war das erste Mal im Tresor. Da war ich vielleicht vierzehn, fünfzehn. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal da reinkam, und da stand tatsächlich so ein Indianer mitten auf der Tanzfläche.

Gernot: Der E-Werk-Indianer! Klar, kennt jeder, der war legendär.

Marcel: Ab da ging es für mich mit Techno richtig los. Wir hatten ja auch einen Plattenladen in Fürstenwalde, das ist eine halbe Stunde von Berlin. Der hat uns dann immer Platten bestellt. Ich hatte nie CDs oder so. Das war für uns nach der Wende auch überhaupt nicht relevant. Ich habe immer alles auf Schallplatte gehabt.

Gernot: CD war uncool. Neben HipHop ist Techno ja die Musikrichtung, für die Vinyl als Medium unglaublich wichtig war. Du musstest eben mit Turntables umgehen können. Man stand im Tresor die ganze Zeit neben dem Mischpult und hat gespottet, was der DJ so macht. Ich weiß noch, als ich mal Hazel B im E-Werk gesehen habe. Die sah eh schon so krass aus mit ihrer Glatze, diese kleine Frau mit ihrem harten Brettersound. Ich hab dann nur auf die Nadel gestarrt und gedacht: „Wahnsinn, dieses kleine Millimeterding ist tatsächlich imstande, einen solchen Krach zu machen. Das will ich auch können.“

Paul: Ab 1997 kam dann so der Neustart, oder? Loveparade mit 1,4 Millionen Besuchern, die Großen hatten alles abgegrast. Dann ging es erst richtig los mit Techno, wie wir ihn heute kennen. Plötzlich kamen ganz viele neue Leute hoch, und in Berlin ging tatsächlich wieder was.

Gernot: Stimmt, so Ende der Neunziger war die erste große Technoblase geplatzt. Das war die Zeit, wo wir auch selbst angefangen haben, Partys zu machen. Szary und ich haben zusammen mit der Pfadfinderei jeden Donnerstag „Labstyle“ im Kurvenstar gemacht, da waren vielleicht so 150 Leute. Später sind wir dann ins WMF umgezogen, und dann ging es plötzlich richtig ab.

Alex: Ich bin da echt ein bisschen neidisch, in Hamburg gab es gar nicht so gute Technoclubs. Hamburg war eigentlich immer eher housig. Obwohl man den Berlin-Sound natürlich schon mitbekommen hat. Und den Frankfurt-Sound.

Paul: Es gab ja in ganz vielen Städten eine richtig vitale Szene. In München mit DJ Hell, Köln mit den Kompakt-Leuten. Es ging ja nicht nur in Berlin ab.

Gernot: Mit diesem ganzen langen exzessiven Feiern und so weiter, das ging ja streng genommen erst Anfang der Nullerjahre los. Auf einmal gab es wieder Tracks, die elf Minuten lang waren. Ich glaube, das ist ja auch das Großartige an dieser Musik: Techno hat es geschafft, sich über die Jahre hinweg immer wieder neu zu erfinden. Und so gemischt und bunt, wie er jetzt ist, war es noch nie.

Marcel: Ich würde aber schon behaupten, dass früher tendenziell mehr experimentiert worden ist, gerade von Seiten der DJs. Die haben mal einen Electrotrack gespielt, dann Techno, dann einen Housetrack, einen Discotrack …

Paul: Stimmt schon, heute wird eher Wasserdichtes an Wasserdichtes gereiht. Minimier das Risiko. Das Gefühl habe ich leider auch ein bisschen.

Ihr habt es gerade angesprochen: Im Laufe der letzten Jahre hat sich eine neue Berliner Ausgehkultur entwickelt. Es gibt endlose Afterhours, unglaublich viele Feiertouristen, und die Technokathedrale Berghain gilt gewissermaßen als ihr Sehnsuchtsort. Marcel, dein Name ist natürlich eng mit dem Club verwoben, und du stehst für sehr lange, ausufernde Sets. Inwieweit hat denn der Club selbst dein Auflegen geprägt?

Marcel: Für mich ist das Berghain einfach die perfekte Symbiose. Ich könnte mir den Club in keiner anderen Stadt vorstellen. Genau so empfinde ich das auch, wenn ich da spiele, das ist immer 100%. Es ist einfach etwas komplett anderes, als wenn ich in einer anderen Stadt in einem anderen Laden spiele. Und klar, die Dauer der Sets ist natürlich etwas Besonderes.

Paul: Das Berghain hat ja gewissermaßen die Idee der Afterhour entweiht, weil es einfach kein Ende gibt. Früher musste man die Afterhour noch als solche deklarieren, heute geht man eben sonntagnachmittags ganz normal ins Berghain. Die Sache mit dem Easyjetset entspricht deswegen dem Lauf der Dinge. Früher haben die Touristen gesagt: „Geil, ich habe eine Woche frei und fliege nach Mallorca.“ Heute sagen sie eben: „Nee, ick will nach Berlin.“

Gernot: Es gibt aber neben den Touris auch noch echte Berliner im Berghain. Die gehen halt nur anders aus. Die gehen mit ihrer Familie samstags schön essen, dann um zwölf schlafen und erst am nächsten Mittag ins Berghain. Da wird dann zum Brunch der erste Wodka Red Bull getrunken.

Marcel: Ich fange um neun Uhr morgens an – ab elf wird’s dann bummsvoll, das ist wirklich Wahnsinn – und spiele bis abends zum »Tatort«.

Szary: Das ist wahrscheinlich ein typisches Berlin-Ding. In anderen Städten ist es ja wieder komplett anders. In Dublin gehst du um elf Uhr abends in den Club und bist um zwei wieder im Hotel. Die Leute schießen sich dann eben bis zwei total ab. Ich finde das auch toll, weil es so kompakt ist.

Marcel: Aber wenn du zehn oder elf Stunden spielst, hast du natürlich eine ganz andere Welle. Du hast deine 250 Platten dabei und fängst einfach an und spielst. Du brauchst meistens erst mal eine Stunde, um reinzukommen, und irgendwann läuft es, und plötzlich guckst du hoch, und es ist 20 Uhr. Du bist wie in einem Film. In Italien spielst du zwei Stunden und musst in der Zeit alles verpacken. Du musst viel schneller dieses Euphorielevel erreichen. Das geht natürlich auch, ist aber viel schwieriger. Von daher hat das Berghain natürlich mein Auflegen und auch die von mir produzierte Musik enorm geprägt.

Gernot: Das ist bei uns schon komplett anders: Wenn wir mit Modeselektor live spielen, ist eine Stunde und fünfzehn Minuten schon hart an der Grenze. Ich bin da eher für die kurze und schmerzhafte Variante.

Marcel: Als DJ zehn Stunden zu spielen ist natürlich auch enorm anstrengend. Deshalb ist bei mir montags immer Ruhetag. Wie beim Friseur.

Alex: Ich spiele ja eher vor jüngeren Leuten. Man merkt leider schon, dass da ein bisschen diese Kultur fehlt. Die kennen diese Acht-Stunden-Sets gar nicht mehr, die könnten damit gar nicht richtig umgehen.

Gernot: Mittlerweile hat es sich ja auch durchgesetzt, dass die Kids YouTube-Videos filmen. Die filmen natürlich immer die Highlights, da, wo gedived wird, wo sich ausgezogen wird, der Schampus fliegt und alles kaputt gemacht wird. Entsprechend verhalten die sich auch auf den Konzerten. Dann hast du irgendwelche Kids in Texas, die Modeselektor noch nie gesehen haben, die wollen das natürlich auch so wie in den Videos erleben und verhalten sich dann eben auch so.

Alex: Klar stellt das die Idee von Techno auf den Kopf. Am Anfang war es ja erst einmal egal, wer auf der Bühne stand, es ging in erster Linie um die Musik. Man hört Musik, man verliert sich darin.

Marcel: Du musst die Leute da natürlich auch ranführen.

Paul: Bei mir ist es ja eher so ein Zwischending. Ich spiele zwar live, aber in der Regel schon über vier Stunden.

Marcel: Wie machst du das eigentlich mit dem Aufs-Klo-Gehen? Stück laufen lassen, Bass raus und dann weg?

Paul: Nö, ich gehe einfach von der Bühne und mach die Musik aus. Das ist ja das Schöne: Ich kann dann wiederkommen, und die Leute klatschen halt. Wie bei einem normalen Konzert.

Ihr habt ja alle mittlerweile ein gewisses Standing erreicht. Was man nicht nur an euren DJ- und Livebookings und der Resonanz auf die Platten sehen kann, sondern auch an der Unmenge von Anfragen für Fremdproduktionen und Remixe. Ist es nicht absurd, ans Telefon zu gehen und plötzlich alte Helden aus der Kindheit am Hörer zu haben?

Alex: Klar, es war schon krass, als 2006 plötzlich Depeche Mode einen Remix angefragt haben. Das war auch der Moment, wo ich dachte: »Fett, jetzt passiert irgendwas, das ich nicht mehr so richtig unter Kontrolle habe.« Das war absurd. Da kommen wir natürlich zurück zu diesem Technogedanken. Der bestand eben darin, tausend Platten zu pressen, die man nur im Plattenladen findet. Keine Promo. Kein Gesicht dahinter. So hat das ja bei uns allen angefangen. Dass man seine Musik erst mal nur für andere DJs oder sich selbst macht.

Szary: Man wollte ja nicht mal seine Fresse auf dem Cover der Platte haben. Es ging ja schon prinzipiell um eine bewusste Gesichtslosigkeit.

Alex: Das hat dann aber irgendwann ganz neue Dimensionen erreicht, die man nicht mehr kontrollieren konnte, vor allem durch das Internet. Früher konnte ich meine Platten spielen, und die kannte man in der Regel nicht. Natürlich gab es immer schon irgendwelche Clubhits, aber die hat man als DJ ja bewusst nicht gespielt. Jetzt ist durch YouTube und so weiter alles zugänglich geworden, die Leute sind nicht mehr so leicht zu überraschen.

Marcel: Stimmt, früher hat man Tapes gehört und Stücke gehabt, von denen man absolut keine Ahnung hatte, was das war. Die hat man dann vielleicht durch Zufall zehn Jahre später irgendwo im Secondhandladen gefunden.

Alex: Aber um noch mal zurückzukommen auf diese Remixnummer mit den Superstars: Ich bin da ja nie groß abgehoben. Außerdem hatte ich besonders in Deutschland nie sonderlich großen Erfolg. Du kannst vermutlich jedes beliebige deutschsprachige Magazin aufschlagen und würdest nie irgendwo ein Boysnoize-Records-Release auf Platz 1 der Charts finden – deswegen hatte ich eh schon immer so eine „Mir alles egal“-Haltung, was hier abgeht.

Szary: Boysie ist halt unser Mann in Amerika. Paul, was ist eigentlich mit dir und Amerika?

Paul: Das ist gerade so im Entstehungsprozess. Man hört ja auch in ganz vielen Popproduktionen, dass der 4/4-Beat langsam Einzug hält. Das Problem in den USA ist nur, dass man dort als elektronischer Act immer competen muss mit Leuten wie ATB und Paul Van Dyk. Die verstehen nicht so ganz, dass nicht alles mit 4/4-Beat dasselbe ist.

Alex: Aber selbst die Leute aus Detroit haben in den USA ja nie in großen Rahmen gespielt, das lief immer nur auf so einer Underground-Ebene ab. Die haben sich ja zum Teil gewundert, was hier in Europa los war.

Gernot: Aber auf diese Unterscheidungen gibt man doch eh nicht viel, oder? Ich finde es gerade in unserem Bereich wichtig, Experimente zu wagen und sich erst mal einen Teufel drum zu scheren, wie das auf den großen Bühnen ankommt. Wir hatten schon so viele Shows, wo wir die Leute wirklich gespalten haben. Aber die 50 Prozent, die es gut fanden, die kamen eben auch zu den nächsten Gigs wieder. Darauf muss man bauen. Ich find es schon enorm wichtig, dass man nicht in so eine reine Dienstleister-Mentalität verfällt.

Paul: Na ja, aber du bist ja irgendwie schon Dienstleister. In dem Moment, wo du nach zwei Stunden Spaßhaben von der Bühne kommst, und jemand steckt dir einen Umschlag mit Geld zu, bist du eben Dienstleister. Ich kann ja auch schwer auf die Bühne gehen und sagen: »Sky And Sand« spiele ich heute nicht.

Wo du es schon ansprichst: Für dich ist es vermutlich auch ein bisschen nervig, dass du immer mit diesem einen Track identifiziert wirst, oder?

Paul: Es tut noch nicht so weh, dass man denkt: »Ich kann das Stück nicht mehr hören.« Ich hatte ja sogar noch ein paar ähnliche Stücke auf der Festplatte, auf denen Fritz [Kalkbrenner, Pauls Bruder und Sänger von »Sky And Sand«] gesungen hat. Ich glaube, wir hätten relativ schnell eine ähnliche Single auf den Markt werfen können, aber genau das wollten wir eben nicht.

Jedenfalls wird jetzt erst mal ein paar Jahre lang in meinen Produktionen nicht mehr gesungen. Ich würde eigentlich lieber ein Album machen, das so klingt wie mein »Self«-Album von vor sieben Jahren. Ich profitiere natürlich gerade ein bisschen davon, machen zu können, was ich will. Die Erwartungshaltung der Leute ist da erst einmal egal.

Gernot: Es ist ja die Aufgabe des Künstlers, im Studio diesen Druck ausblenden zu können. Ich krieg das zum Beispiel oft bei Apparat mit, wenn der eine Platte macht und knapp an einer Psychotherapie vorbeischlittert. Weil der das natürlich sehr ernst nimmt und wahnsinnige Ansprüche an sich selbst hat.

Alex: Ich arbeite gerade an einem Track, der relativ untypisch für mich ist, der eigentlich mehr an Detroit und Robert Hood orientiert ist. Der soll sogar auf R&S Records kommen. Wo ich mich dann aber auch ertappe und denke: »Ist das wirklich noch Boys Noize? Ist das nicht zu viel Loop? Ist das denn das, was die Leute mit meinem Namen verbinden?« Aber klar, vermutlich sollte man sich von solchen Gedanken frei machen können.

Paul: Man hat ja nach so vielen Jahren Muckemachen auch irgendwann seinen Fundus, sein Archiv, aus dem man sich bedient. Und man hat natürlich auch ein Hobby verloren – Musik als Hobby, das gibt es einfach nicht mehr.

 

On the road mit Simian Mobile Disco in Leeds und London

(erschienen in intro Januar 2012)

 

Das neue Album von Simian Mobile Disco ist ein psychedelischer Spacetechnotrip unterhalb der 120-bpm-Marke. Psychedelisch gestaltete sich auch der Partymarathon, auf den sich Sebastian Ingenhoff begab. Er begleitete James Ford und James Shaw von Simian Mobile Disco ein  Wochenende lang zu DJ-Gigs nach Leeds und London.

 

In England stellt sich die Euphorie naturgemäß ein bisschen schneller ein: James Ford steht erst seit ein paar Minuten an den Decks, und schon hat ihm wer aus dem Publikum eine Rose in die kleine Lücke zwischen Schläfe und Kopfhörerbügel geheftet. Als Ausdruck der Liebe.
Es ist erst kurz nach Mitternacht am Freitagabend, doch alles in dem kleinen, knapp 300 Leute fassenden Wire-Club im Zentrum von Leeds ist auf Ekstase gebürstet. So etwas wie eine »Ankomm-und-Rumsteh-Phase« gibt es nicht, schon der lokale Warm-up-DJ wurde gefeiert wie der Papst.
Simian Mobile Disco sind im Rahmen ihrer »Delicatessen«-Reihe zu Gast und werden ein vierstündiges Set spielen. Für James Ford und seinen Partner James Shaw (Spitzname Jas) ist alles Routine, sie sind seit einem Jahrzehnt im DJ-Zirkus aktiv und bestens mit dem britischen Nightlife-Wahnsinn vertraut. Eines ihrer ersten Clubsets fand 2002 nach einem Konzert der Vorgängerband Simian in Köln statt. Nach deren Split machten Ford und Shaw unter dem Namen Simian Mobile Disco alleine weiter. Pünktlich zum Rave-Revival erschien 2006 der Hit »Hustler«, der ihnen Großraumdiscos, Produzentenjobs und Remixanfragen diverser Superstars einbrachte. 2009 folgte das zweite Album »Temporary Pleasure« mit Gastsängern wie Beth Ditto, Jamie Lidell oder Alexis Taylor. Simian Mobile Disco galten plötzlich als die neuen Chemical Brothers und bespielten die großen Festivalbühnen.
Von den New-Rave-Zeiten scheinen sie sich jedoch ganz gut erholt zu haben. Ihr drittes offizielles Album, das in diesen Tagen erscheint, knüpft in Sachen Soundästhetik eher an die »Delicacies«-Compilation von 2010, den Soundtrack zur »Delicatessen«-Reihe, an. Das Tempo wirkt gedrosselt, die meisten Stücke kommen ohne großen Schnickschnack aus. Ford bringt es auf die Formel »deep, slow and warm«. Mit »Temporary Pleasure« seien sie in die Falle getappt, die Stücke zu sehr auf die prominenten Gastsänger zuschneiden zu wollen, und hätten sich dabei selbst dabei vergessen. Das neue Album sei dagegen mehr von ihren DJ-Sets geprägt. »Wir überlegen sogar, die Stücke noch ineinander zu mixen, sodass man das Album wie einen DJ-Mix hören kann«, sagt James. Deshalb auch der Verzicht auf Gastsänger, es gibt lediglich ein paar Sprachsamples. Ansonsten keine Namen, keine Kollaborationen.

Auch an den Turntables wird auf große Effekthascherei verzichtet. Jas und James servieren ein unprätentiöses, fließendes Set zwischen pumpendem House und spacigem Techno. Stücke von Levon Vincent, Kassem Mosse und Kyle Hall schälen sich heraus, zwischendurch testen sie vereinzelt das neue Material, das zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlicht ist. Das junge Publikum drängt sich um das ebenerdige Pult, filmt, klatscht und betatscht. Als die MDMA-Flächen von Omar S’ 2011er-Hit »Here Is Your Trance Now Dance« einsetzen, brandet euphorischer Jubel auf. Auch im kleinen Backstagebereich hinterm DJ-Booth steht keiner mehr still.
Jas, der schmale Blonde mit der Nerdbrille, mixt hochkonzentriert und steht breitbeinig da, was bei seiner Statur lustig aussieht. James, der Lockige mit dem Teddybärgesicht, klatscht Hände ab und nippt ziemlich oft an seinem Drink. Zwischendurch verschwindet er gerne mal Richtung Toilette, was seinen Partner manchmal zur Verzweiflung treibt. Vor allem, wenn nur wenig Zeit für das nächste Stück bleibt. Where the fuck is James? Fragende Blicke in die Hinterkammer, doch hier kann keiner mehr geradeaus gucken. Man schielt nur noch achselzuckend zurück. Warum denn auch so viel Stress? Jas hat den Laden doch im Griff. Denn Gott ist bekanntlich ein DJ. Was dagegen wieder mal der Teufel ist: die britische Feierkultur. Dabei hatte doch alles so harmlos angefangen.

Delikatessen

Ein paar Stunden zuvor sind wir in einem kleinen gemütlichen Restaurant zum Essen verabredet. Leeds ist angeblich die am schnellsten wachsende Stadt des Vereinigten Königreichs, und doch lassen sich die meisten Stationen im Zentrum bequem zu Fuß erreichen. Auch Hotel, Restaurant und Club befinden sich in einer Laufentfernung von vielleicht zehn Minuten. Jas und James sind eben erst mit dem Zug aus London gekommen. Bis zum Gig sind es noch gut fünf Stunden hin, man hat also genug Zeit zum Essen und Vorglühen. Denn das ausgiebige Dinner mit Freunden und Veranstaltern ist den Briten heilig.

Im letzten Jahr widmeten sie dem Thema die Compilation »Delicacies« mit Songtiteln wie »Casu Marzu« (benannt nach einem Schafskäse aus Sardinien, der so lange reift, bis er Maden enthält, die man mitisst) oder »Ortolan«. Letzterer ist ein seltener Singvogel, der mittlerweile unter Artenschutz steht, in bestimmten Regionen Frankreichs aber lange Zeit als Delikatesse galt. Beim Verzehr nahm man den vorher in Brandy getunkten und gebratenen Vogel ganz in den Mund und zerkaute ihn in einem Rutsch, wobei es Brauch war, sich eine große Serviette über den Kopf zu legen, um den Duft möglicht lange in der Nase zu halten und den Tischnachbarn nicht mit seinen Knirschgeräuschen zu belästigen. Weitere Inspirationsquellen waren chinesische Eier, die in Holzkohle, gebranntem Kalk und Salzwasser eingelegt werden, oder die klassische glibbrige Sülze.
Auf ihren Reisen seien sie  mit so manchen kulinarischen Absonderlichkeiten konfrontiert worden. Die von ihnen im Rahmen ihrer gleichnamigen Partyreihe servierten Delikatessen muten da schon konsensfähiger an: Gerade hatten sie in Manchester Chic und Jeff Mills zu Gast. Die Discogötter hätten am Ende sogar prominente lokale Unterstützung erfahren, und zwar in Form von Johnny Marr, der zum »Le Freak«-Finale auf die Bühne und an die Gitarre geholt worden sei. The Smiths und Chic zusammen auf einer Bühne! Nile Rodgers und Johnny Marr, der beste und der zweitbeste Gitarrist der Welt! Jas und James bekommen noch leuchtendere Augen, wenn sie an das nächste Wochenende denken: Dann steht das von Caribou, Les Savy Fav und Battles kuratierte Nightmare Before Christmas Festival an, wo sie neben Heroen wie Underground Resistance, dem Sun Ra Arkestra, Theo Parrish oder den Silver Apples auftreten werden. Natürlich ein Grund zur Aufregung, denn ein guter DJ sei doch vor allem eines: Fan.

Vorher gilt es den alltäglichen Technowahnsinn in einem Kellerclub wie dem Wire zu meistern. Der Nordwesten Englands ist berühmt-berüchtigt. Ein paar Kilometer weiter westlich fanden zu den Hochzeiten von Acidhouse die illegalen Warehouse-Partys statt, denen durch die Dokumentation »High On Hope« kürzlich ein Denkmal gesetzt wurde. Und speziell Leeds sei »insane«, flüstert mir Jas verschwörerisch zu, sodass Steve es nicht hören kann.

Steve ist nämlich Besitzer des Wire-Clubs und des Restaurants, in dem wir gerade sitzen, und damit auch der Host des Abends. Ein smarter Enddreißiger mit muskulösen Armen, der laut lacht und ziemlich schnell redet. Noch ist alles friedlich. Die Kellner servieren aristokratische Portiönchen auf kleinen Tellern. Polenta mit Pilzen, Spinat und Haselnussmus. Dazu nippt man Weißwein. Nichts deutet auf einen Orkan hin.
Aber die Leute hier seien bekannt für ihre von Null-auf-hundert-Mentalität, sagt Jas. »Das liegt an den Ausgehzeiten. In den meisten Clubs ist um vier, maximal fünf Uhr Schluss. Das hat aber den Vorteil, dass die Leute von Anfang an voll dabei sind. Sie gehen um neun in den Pub, fangen an, sich wie irre zu betrinken, werfen die erste Pille ein, und wenn um elf der Club aufmacht, sind sie auf hundertachtzig. Und in den nächsten fünf Stunden wird dann eben auch alles gegeben.«
Wie auf Kommando schaut Steve auf die Uhr: »Ooops, schon neun. Wir sollten langsam mal aufbrechen.« Er will uns sein Leeds zeigen. Es gibt nordenglisches Vorglühen auf Kosten des Hauses, in dessen Verlauf Steve sich als etwas exzentrischer Zampano entpuppt.
Angeblich habe er kurz vor dem Sprung in den Profikader von Leeds United gestanden, ehe er das lukrativere Nachtleben für sich entdeckt hätte. Mittlerweile gehören ihm ein Dutzend Clubs und Bars in der Gegend, und in jeder einzelnen muss jetzt Station gemacht werden. Überall gibt es ein kleines Glas mit Jägermeister und ein großes mit Wodka Tonic zum Nachspülen. Wenn in fünf Minuten nicht beides leer ist, wird Steve ungehalten. Denn wir müssten ja weiter, wir haben nicht viel Zeit. »Drink faster. I need to show you the next bar.« Als wir gegen Mitternacht im Wire-Club eintreffen, befinden wir uns längst im Auge des Hurrikan.

No Sleep Til Shoreditch

Am nächsten Morgen treffe ich Jas und James in der Hotellobby. Viel Zeit für Frühstück ist nicht, wir müssen den Zug nach London erwischen. Wir holen uns Kaffee und Sandwiches vom Kiosk nebenan und rennen zum Bahnhof. Die drei Stunden Zugfahrt werden zum Dösen genutzt.
Jas hat heute frei und will sich um seine Familie kümmern; James dagegen wird später noch auf der Releaseparty zu Little Boots’ neuer Single »Shake« auflegen, die er produziert hat. Die beiden kennen sich schon länger und haben dasselbe Management. Die Party findet in einem alten Warehouse in East London statt, einer Gegend, in der sich auch das SMD-Studio befindet, wo ich das neue, noch ungemasterte Album zu hören bekomme. Über den Titel ist man sich zu diesem Zeitpunkt noch uneinig, auf James’ Laptop sind die Tracks in einem provisorischen Ordner namens »Slow Motion Devils« abgespeichert. Unter dem Namen hatten sie schon im März in Tim Sweeneys »Beats In Space«-Sendung ein neues Stück getestet, das im Netz hinterher euphorisch kommentiert wurde. Doch natürlich wusste damals keiner, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt. »So etwas bestärkt dich enorm. Wenn du die ganze Zeit im Dunkeln in diesem Loch hockst, bist du irgendwann einfach nicht mehr in der Lage zu beurteilen, wie ein Track funktioniert. Deshalb legen wir zwischendurch auch so gerne in kleinen Clubs auf. Einfach, um die Reaktionen auf neue Stücke zu testen. Die Leute wissen ja nicht, welche Tracks unsere eigenen sind«, sagt James.

Wir sitzen inmitten von Kabeln, verstaubten Kisten und leeren Pizzaschachteln, während die ersten Beats aus den Boxen knarzen. Im Hintergrund türmen sich die riesigen, zusammengelöteten Modularsynthesizer, die seit jeher prägend sind für den Sound von Simian Mobile Disco. Der Gerätepark wird durch das etwas handlichere Equipment der Firmen Roland, Yamaha und Korg komplettiert.
Jas: »Wir versuchen diese ganzen Maschinen miteinander sprechen oder vielmehr freestylen zu lassen. Das Interessante ist ja, dass niemals exakt der Sound herauskommt, den du gerade brauchst. Es passiert immer etwas Unerwartetes, das dich dafür aber an anderen Stellen weiterbringt. Weshalb wir auch niemals ausschließlich an einem Track arbeiten können, es sind immer mehrere Baustellen, die parallel beackert werden müssen. Diese analogen Geräte zwingen dich geradezu zur Kreativität.«
Eine Rückkehr zu klassischem Bandinstrumentarium würden sie dagegen ausschließen. James: »Genau da kommen wir ja her, schließlich bin ich Drummer. Für uns war es gerade spannend, uns auf Synthies und Drumcomputer zu limitieren und damit interessante Sachen zu machen. Wenn ich mir jetzt vorstelle, ich müsste noch mal mit fünf Leuten auf einer Bühne stehen und in einem Bus durch die Lande fahren … Nein, das muss beim besten Willen nicht sein. Die elektronische Musik hat uns zu viele Türen geöffnet. Solange der Zauber immer noch da ist, gibt es keinen Grund für einen Rückschritt.«
Spricht es und packt sein Equipment für die heutige Nacht zusammen: eine schwarze CD-Tasche, die man sich bequem unter den Arm klemmen kann. Das muss reichen. Denn dann geht es weiter. Alle Beteiligten sind zwar völlig am Ende, aber egal. Es ist Samstagabend, und London ist heiß auf ein paar Beats. It’s one for the treble, two for the bass – it’s the beat. So get up out your seat.
Wohlan! Wie lautet noch eine alte Szeneweisheit? Hauptsache, wir sitzen später mal alle im selben Heim.